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Berlin-Marathon: Hier zählen die Nettozeiten, aber es gibt einen Graubereich - für diejenigen, die das Preisgeld kassieren.

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Ungerechte Momente

Die Laufsaison beginnt - und damit startet eine Verwirrung. Welche Zeiten werden für die Läufer und Läuferinnen gemessen?

Von Eva Prase
erschienen am 19.03.2016

Dresden/Leipzig/Berlin. Läuferinnen und Läufer lockern sich, hüpfen im Takt der Musik, die von der Bühne klingt. Die Stimmung steigt. Im Clara-Zetkin-Park in Leipzig und in Dresden am Elbufer wird das so sein an diesem Wochenende, da die Laufsaison beginnt. Volksläufe, Marathonläufe, Halbmarathon. Zehn Kilometer. Fünf Kilometer. Crossläufe, querfeldein. Jeder soll laufen, so gut er kann. Trommelwirbel.

Ein buntes Feld. Farbige T-Shirts und Jogginghosen aus recyceltem Polyester. Was es nicht alles gibt! Das Styling der Läufer - eine Modewelt für sich und ein Markt für 16 bis 20 Millionen Menschen. Die kaufen jährlich Schuhe für 450 Millionen Euro. "Noch fünf Minuten." So ruft der Showmaster. Das ist Laufkultur pur. Schließlich zählt das Läuferfeld rückwärts: Fünf - vier - drei - zwei - eins! Der Startschuss fällt.

Die Läufer in den vorderen Reihen rempeln. Tempo. Tempo. Hinten setzt sich das Feld gemächlich in Bewegung. Hier finden sich die Genussläufer, die nicht Olympia ins Visier, sondern das Vogelzwitschern am Streckenrand wahrnehmen wollen. Kaum jemand drängelt hinten, schließlich tragen die Läufer einen Chip. Der misst beim Übertreten der Start-Linie die Zeit sekundengenau. Der Chip ist die größte Errungenschaft der Läuferwelt der letzten Jahre. Kein Event ohne Chip, sieht man einmal vom Schwarzwassertallauf in Pobershau ab, der übrigens sehr zu empfehlen ist. Warum? Später!

Vom Startschuss bis zu dem Moment, an dem der letzte Läufer die Startlinie passiert, vergeht Zeit. Es ist unmöglich, dass alle Läufer zugleich loslaufen. Bei der Formel 1 stehen ja auch nicht alle auf der Poleposition. Wie groß die Zeitdifferenz zwischen erstem und letztem Starter ist, hängt von der Größe des Feldes ab: Beim Berlin-Marathon mit mehr als 40.000 Teilnehmern beträgt die Differenz mehr als eine halbe Stunde. Beim City-Lauf in Dresden mit 3000 Startern oder beim Frühlingslauf in Leipzig ist die Differenz viel, viel kleiner. Aber sie ist da. Und mit ihr Momente der Ungerechtigkeit.

Nun könnte alles einfach und gerecht sein: Seit 1994 kann die Laufzeit mit den Laufchips, auch Transponder genannt, gemessen werden, man kann die Brutto- und die Nettozeit getrennt ausweisen. Bruttozeit ist die Zeit vom Knall des Startschusses bis zum Zieleinlauf. Nettozeit ist die Zeit, die der Läufer wirklich braucht. Welche Zeit zählt? Brutto oder netto? Fragt man Sportler, die schon bei vielen Läufen dabei waren, antworten viele, dass natürlich die Nettozeit zählt. Und sie gucken ganz unsportlich aus der Funktionswäsche, versucht man ihnen das Gegenteil beizubiegen. Es hat schon Debatten darüber gegeben, die härter waren als jeder Marathon ...

"Es zählt die Bruttozeit", sagt Günter Frietsch von der Laufszene Events GmbH, die den City-Lauf in Dresden veranstaltet. Wie er das sagt, klingt es unerbittlich. "Wer gewinnen will, muss vorn laufen." Brutto vor netto - so laute die Regel. Diese gelte, damit der Erste, der ins Ziel kommt, auch der Sieger ist. Das sei für die Zuschauer attraktiver und leichter verständlich. Deswegen würden die Top-Läufer auch in der ersten Startlinie platziert. Dass Läufer, die von hinten starten, benachteiligt werden, sei nicht dramatisch.

Der Sieger - er muss also nicht der Schnellste gewesen sein. Der weiter vorn Platzierte muss nicht schneller gelaufen sein als der hinten Platzierte. Das kommt nicht nur theoretisch vor, sondern tatsächlich. Lisa Eisert brauchte im Vorjahr beim Citylauf in Dresden 52 Minuten und eine Sekunde für die zehn Kilometer. Platz 192. Pia Kaminski benötigte 53 Minuten und neun Sekunden; sie war mehr als eine Minute länger unterwegs. Doch Kaminski landete mit der schlechteren Zeit zwei Plätze weiter vorn - weil ihre Bruttozeit um fünf Sekunden besser war. Simone Clausnitzer aus Zschopau traf es noch ärger: Sie steht mit der Bruttozeit von 54:34 auf Platz 186. Legt man ihre Real-/Nettozeit zugrunde, nämlich 52:51 - dann rangierte sie zwischen den Plätzen 117 und 118.

Das sind wahllos herausgegriffene Beispiele. Die Ergebnisliste ist voll von solchen Ungerechtigkeiten. Natürlich gilt der olympische Gedanke, es gilt, was Pierre Baron de Coubertin sagte: "Teilnehmen ist wichtiger als siegen." Mit dem Hinweis darauf versuchen die Veranstalter der Laufszene die Kritik am unzeitgemäßem Regelwerk abzuweisen. Freizeitläufern gehe es darum, dabei zu sein. Das mag so sein. Doch aus der Tatsache, dass ein Läufer nur "unter ferner liefen" läuft, sollte man nicht folgern, dass ihm der ausgewiesene Platz egal ist.

Zumal es ja anders geht und gehen muss: Der Berlin-Marathon zeigt es. "Bei uns zählen die Nettozeiten. Alles andere hat keinen Sinn", sagt Thomas Steffens. Er ist Sprecher der SCC Events GmbH, die Laufveranstaltungen organisiert. Alles andere als die Nettozeit sei anachronistisch; es stamme aus einer Zeit, in der Schiedsrichter mit der Stoppuhr am Straßenrand die Zeit nahmen.

Allerdings verweist Steffens auf "einen Graubereich", wie er sagt. "Bei jenen Teilnehmern, die im Preisgeldbereich einlaufen, zählt die Bruttozeit." Also für den Fall, dass der Viertplatzierte eine bessere Nettozeit hat als der Drittplatzierte, weil er von hinten das Feld aufrollte, bekommt der Vierte nur einen feuchten Händedruck, während der Dritte das Preisgeld kassiert.

Zudem wird auch beim Berlin-Marathon wie bei anderen großen Marathonläufen das Starterfeld in Leistungsklassen sortiert: Vorn in der Startlinie stehen und mit Vorteil loslaufen dürfen nur jene, die eine Top-Zeit vorweisen können. Man kann das mit den verschiedenen Ligen im Fußball vergleichen: Chemnitz tritt nicht gegen Bayern an.

Die Vergleiche zum Profifußball und zur Formel 1 mögen im Großen und Ganzen stimmig sein. Doch - um im Bilde zu bleiben - auf einem Bein hinken sie. Sowohl beim Profi-Fußball wie auch bei Formel 1 starten nur Profis - und die wissen, dass es ums Geld geht. Bei Volksläufen denken manche Volksläufer, dass es vor allem um den Spaß der Volksläufer am Laufen geht. Spätestens wenn die Läufer die Startgebühr überweisen, sollten sie sich aber mal klar machen, wie das Geschäft funktioniert: Für die Veranstalter - egal ob sie Brutto, Netto oder beides ausweisen - rechnet sich ein Lauf nur, wenn möglichst viele teilnehmen. Deshalb die penetrante Jagd nach den Teilnehmerrekorden: Die Volkssportmasse bringt das Geld in die Kasse. Und die Profis kassieren.

Beim erwähnten Schwarzwassertallauf in Pobershau ist alles anders. Da nimmt keiner eine Brutto- oder eine Nettozeit, und es nimmt auch keiner Geld. Und deswegen kann jeder mitlaufen: am 31. Juli 2016.

 
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