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Ein kleines, feines Ensemble bringt zu den Tagen der jüdischen Kultur Shakespeares "Kaufmann von Venedig" auf die Bühne.

Foto: Toni Söll/Fritz-Theater

Von Gnade und Gerechtigkeit

Dem Chemnitzer Fritz-Theater gelingt mit dem "Kaufmann von Venedig" ein eindrucksvoller Balanceakt zwischen Komödie und Tragödie.

Von Matthias Zwarg
erschienen am 09.03.2015

Chemnitz. "Der Herr aller, der Herr ganz Europas ist doch nur der Jude und seine Bank." Regisseur Hardy Hoosman mutet den Zuschauern im ausverkauften Chemnitzer Fritz-Theater gleich zu Beginn der Inszenierung des "Kaufmanns von Venedig" von William Shakespeare eine ganze Menge zu - und das im Rahmen der Tage der jüdischen Kultur.

Kein antisemitisches Klischee wird ausgespart - von Mohammed über Friedrich Nietzsche und Fjodor Dostojewski, von dem das Eingangszitat stammt, bis zu Harry S. Truman. Und dann dieses Stück über den reichen Geldverleiher Shylock, der - eigentlich eher zum Scherz - eine ganz besondere Bürgschaft, nämlich ein Pfund Fleisch aus dem Leib seines Bürgen Antonio, des Kaufmanns von Venedig eben, für die 3000 Dukaten verlangt, die er Bassanio, dem verliebten Lebemann, geliehen hat.

Tatsächlich ist das als Komödie angelegte Stück auch als antisemitisches Theater gespielt, vielleicht von Shakespeare sogar so angelegt worden. Aber schon Heinrich Heine bemerkte, dass Shakespeares Genius "höher (stehe) als sein Privatwille" - und so inszeniert Hoosman das Stück als eine philosophische Parabel auf das Verhältnis von Recht, Gerechtigkeit und Gnade.

Dafür hat das private Fritz-Theater ein kleines, feines Ensemble von Berufs- und Laienschauspieler engagiert, die nach nur dreieinhalb Wochen Probe eine bis auf wenige im (schon etwas gestrafften) Stück selbst angelegte Nebenhandlungen spannende, berührende Inszenierung auf die von Jürgen Siegert sparsam, aber effektiv ausgestattete Bühne bringen.

In Kostümen von Josephine Berger agieren die Schauspieler meist mit venezianischer Maske, außer wenn es um Geld oder Liebe geht - also um die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Dann scheinen sie sie selbst zu werden - ohne sich dessen bewusst zu sein. So verkörpert Frank Watzke den Shylock als einen Bankier, der keinen Hehl daraus macht, dass er das Geld liebt und davon lebt - mehr noch aber liebt er seine Tochter Jessica - frisch und lebendig und sich ihrer Bedeutung für die Tragik der Handlung gar nicht bewusst gespielt von Julia Berger.

Die Tochter aber wird Shylock, dem so oft verhöhnten und bespuckten Juden, von einem Christen genommen. Lorenzo - gespielt von dem talentierte Philipp Wittkopf - ist damit der eigentliche Auslöser dafür, dass Shylock seine Bürgschaft einfordert, denn der schwermütige Kaufmann Antonio (melancholisch adrett: Bernhard Klampfl) kann nicht zahlen, da ihm einige Schiffe gesunken sind. Bis dahin dürfen sich Isabelle Weh als reiche Erbin Portia nebst ihrer Begleiterin Nerisse (Alice Weihrauch) höchst komödiantisch bei der Auswahl der etwas klamaukartig angelegten Freier, die um ihre Hand anhalten, beweisen. Darf Diener Lanzelot Gobbo, gespielt von Sylvia Klemm, den Hauptpersonen mit köstlicher Mimik und Gestik Botschaften überbringen und den Spiegel vorhalten, darf Antonios Freund Bassanio sich zwischen Liebe, Treue und Hilflosigkeit verheddern, was Tammo Messow überzeugend darstellt.

Bis sich schließlich fast alle vor Gericht wiedertreffen, wo Shylock Gerechtigkeit verlangt - und am Ende alles verliert: sein Geld, seine Tochter, seinen Lebensunterhalt. Weil er denen keine Gnade erweisen will, die sie auch ihm verwehrt haben. Weil jene das Recht gegen ihn kehren, nach dem er zwar Anspruch auf ein Pfund Fleisch aus Antonios Körper habe, nicht aber auf dessen Blut.

Der Balanceakt zwischen Kömodie und Tragödie gelingt Regisseur und Schauspielern hervorragend - wie es ihnen auch gelingt, am Ende von Religionen ganz unabhängiges menschliches und sozusagen vorkapitalistisches Verhalten zu zeigen, das mit den eingangs zitierten Vorurteilen gar nichts mehr zu tun hat. Hier hasst ein jeder seinen Feind. Und man kann es dem gedemütigten Shylock fast nicht übelnehmen, wie Heinrich Heine schon schrieb, dass der den Judenhass "nicht immer mit Liebe vergelten wollte".

Eine sehenswerte Inszenierung - es gab Zwischenapplaus und viel Beifall am Ende. Und dem Fritz-Theater in seinen wundervollen Räumen, in die es sich eingemietet hat, ist ein ebenso langes Leben zu wünschen wie der Gnade, die in allen Religionen ihren Platz hat.

Das Stück

 

Der Jude Shylock leiht dem verliebten Lebemann Bassanio 3000 Dukaten, wofür dessen Freund Antonio, der "Kaufmann von Venedig", mit einem Pfund seines eigenen Fleisches bürgt - eine Bürgschaft, die Shylock dann auch einlösen möchte. Eine Komödie und Tragödie zugleich.

Nächste Aufführungen am 12., 13., 14. und 18. März im Chemnitzer Fritz-Theater, Kirchhoffstr. 34-36, Telefon 0371/8747270www.fritz-theater.de

 

Die Tage der jüdischen Kultur laufen bis zum 15. März in Chemnitz. Infos zum Programm:www.tdjk.de

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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