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Blick in die Geschichte: Das zweite Sächsische Geschichtscamp fand im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau statt.

Foto: Sven Bartsch

Die Lehren dunkler Orte

Das zweite Sächsische Geschichtscamp fand in Torgau statt. Schüler forschten zum Thema Jugendopposition in der DDR. Und tauschten Klassenzimmer gegen Einzelzelle.

Von Ulrike Nimz
erschienen am 27.09.2013

Torgau. Als die Tür krachend ins Schloss fällt, hallt das Echo noch Sekunden nach. Etwa drei Meter sind es von Wand zu Wand. Jetzt, wo alles schwarz ist, scheint es weniger zu sein. Das Blut rauscht in den Ohren. Kurz bevor die Brust eng zu werden droht, geht die Tür wieder auf.

Drei fensterlose Arrestzellen sind die einzig erhaltenen Originalräume im Jugendwerkhof Torgau: eine Holzpritsche, zu kurz, um darauf zu liegen, die Decke zu niedrig, um zu stehen. Wenn die Elbe steigt, drückt es das Grundwasser hoch. Von 1964 bis 1989 waren hier über 4000 Jugendliche inhaftiert, "um Fehler in ihrem Verhalten zu korrigieren", wie es in der Hausordnung hieß, die auswendig lernen musste, wer essen wollte. Einige der Insassen haben Initialen und Jahreszahlen in den Putz geritzt. "Könnt ihr jetzt verstehen, warum die gedacht haben: Hier komme ich nie wieder raus?", fragt Torsten Alf. Die Jungs und Mädchen, die gerade aus der dunklen Einzelzelle treten, nicken nur.

Alf ist Vorstandsmitglied im Trägerverein der Gedenkstätte. Als einer von drei Geschichtslehrern betreut er die Teilnehmer des zweiten Sächsischen Geschichtscamps. Insgesamt 25 Schüler verschiedener Schulen haben sich in den vergangenen Monaten beworben, sind nun nach Torgau eingeladen worden, um in kleinen Gruppen deutsch-deutsche Vergangenheit zu erforschen. 2012 wurde das Projekt des Kultusministeriums in Freiberg gestartet. Damals standen die Industriegeschichte Sachsens und die politische Dimension des Umweltschutzes in der DDR im Mittelpunkt, in diesem Jahr ist es die Jugendopposition: "Anders jung in der DDR", lautet das Motto.

Das Prinzip des Geschichtscamps heißt "forschendes Lernen": Kinder und Jugendliche recherchieren selbstständig in Archiven, befragen Experten, nähern sich so den Schicksalen verschiedener Zeitzeugen, die sie im Laufe der viertägigen Veranstaltung treffen werden. Etwa dem von Kathrin Begoin. Sie war von Januar bis Mai 1985 in Torgau inhaftiert. Wie viele andere galt sie als unverbesserlich, gehörte einer Clique an, die offen sagte, was ihr am Arbeiter- und Bauern-Staat nicht passte. Ihre Eltern waren besorgt, gingen zum Amt für Jugendhilfe, um sich Rat zu holen. Ein paar Tage später wurde ihre Tochter abgeholt.

Es gibt viele dieser dunklen Orte in Sachsen. Von 38 Spezialkinderheimen befanden sich im Jahr 1988 16 in den ehemaligen Bezirken Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt. Blieb ein "Umerziehungserfolg" in diesen Einrichtungen aus, wurden die Jugendlichen nach Torgau verfrachtet, dem einzigen geschlossenen Jugendwerkhof der DDR. Die meisten blieben ein Vierteljahr oder ein halbes. Andere landeten immer wieder in Torgau. Mittlerweile sind die ehemaligen Insassen als Opfer des SED-Regimes anerkannt. In einem Grundsatzurteil wurde ihr Zwangsaufenthalt 2004 als "rechtsstaatswidrig" festgestellt.

Wer die engen Räume betritt, spürt die Kälte, die hier einst geherrscht haben muss. Juliane Thieme ist Mitarbeiterin der Gedenkstätte. Mit ruhiger Stimme schildert sie den Schülern einen Alltag, der diese Bezeichnung nicht verdient. Sie spricht von kollektiven Toilettengängen nur zu bestimmten Zeiten, von Vergewaltigungen, von Suiziden.

Da ist zum Beispiel das Mädchen, das heimlich eine Tasse zerschlug und versuchte, sich mit den Scherben das Leben zu nehmen. Sie wurde mit drei Tagen Arrest bestraft - wegen Beschädigung von Volkseigentum.

Nach Torgau kam, wer zu laut, zu faul, "anders" war. In Workshops lernen die Schüler von heute, dass man sich den Stempel "negativ-dekadenter Jugendlicher" mitunter schon durch bunte Haare oder die falsche Musik einhandelte.

Denn offiziell gab es sie eigentlich gar nicht: Punks in der DDR. Dabei war eine Stadt wie Karl-Marx-Stadt in den 1980er-Jahren nicht nur rußgeschwärzte Arbeitermetropole, sondern ein "Biotop des zivilen Ungehorsams", wie Claus Löser in seiner Ostpunk-Bibel "Wir wollen immer artig sein" schreibt. Eine der Schülergruppen widmet sich dem Fall Kim Pickenhain, eine junge Fachverkäuferin mit orangefarbenem Haar und einer Vorliebe für laute Drei-Akkorde-Musik: unangepasst und eigentlich auch unpolitisch.

Bis zum ersten großen Punkkonzert am 11. Juni 1983 in Karl-Marx-Stadt. Unter dem Dach der St. Michaeliskirche tanzten 200 junge Menschen Pogo. Spätestens jetzt waren die Punks ins Visier der Staatssicherheit geraten. Aus Kim wurde die Nummer 1984/439, eine "Extrem-Punkerin". Einem abschlägig beschiedenen Ausreiseantrag folgte 1985 die Abschiebung in den Westen. Die Stasi-Akte, die Kim - eigentlich Simone - nach der Wende einsah, umfasste mehrere hundert Seiten. Im Operativen Vorgang "Park" plante die Staatssicherheit nichts Geringeres als die zielgerichtete Zersetzung der vermeintlich von ihr geführten Punk-Szene in Karl-Marx-Stadt. Kims beste Freundin half dabei, indem sie zum Spitzel wurde.

In den Arbeitsgruppen lösen sich angeregte Diskussionen und Schweigen ab. "Wenn man so drüber nachdenkt, wären einige von uns wohl auch in Torgau gelandet", sagt Fritz Korte aus Plauen. Der 16-Jährige ist zum zweiten Mal beim Geschichtscamp dabei. Eine Arbeit über französische Zwangsarbeiter im Vogtland brachte ihm in diesem Jahr den Landessieg beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ein. "Auch ich hatte schon Schwierigkeiten in der Schule", sagt Fritz und bindet das lange Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. "Hatte doch jeder."

Die meisten der Teilnehmer des Geschichtscamps kommen aus dem Raum Grimma oder Dresden. Keine einzige Bewerbung ging aus der Region Torgau ein. Möglich, dass der Jugendwerkhof hier aufgrund seiner Nähe kein Thema mehr sei, mutmaßt eine Lehrerin. Vielleicht ist er nie eines gewesen. Keiner der ehemaligen Aufseher wurde je belangt. Es ist anzunehmen, dass einige noch in der Gegend wohnen.

1901 errichtet, ist der Gebäudekomplex im Osten der 20.000-Einwohner-Stadt immer Knast gewesen. Militär und Justiz des Kaiserreiches nutzten die Anlage ebenso als Gefängnis wie später das Hitler-Regime, die sowjetische Geheimpolizei und der DDR-Jugendstrafvollzug. Von den sechs Meter hohen Mauern, den Wachtürmen, dem Stacheldraht ist heute jedoch nicht viel geblieben. Stattdessen gibt es Holzbalkone, Blumenkübel und Sonnenschirme: Wohnungen in bester Lage, schön ruhig. Die Treuhand verkaufte das Gelände 1996; die Pläne, eine große Gedenkstätte einzurichten, scheiterten. Allein im Verwaltungsgebäude wurden der Erinnerungsstätte Räume zur Verfügung gestellt.

"Ich kann mir nicht vorstellen, wie man hier Kinder erziehen will, wenn man weiß, dass sich nebenan Jugendliche das Leben nahmen", sagt Nathalie Bauer. Die 18-Jährige stammt aus einem kleinen Dorf bei Karlsruhe, hat bereits eine Seminararbeit über den geschlossenen Jugendwerkhof verfasst. Seitdem lässt der Ort sie nicht los. Obwohl das Geschichtscamp eigentlich nur für sächsische Schüler konzipiert ist, machte man bei ihrer Bewerbung eine Ausnahme. "Das Thema darf einfach nicht in Vergessenheit geraten", sagt Bauer.

Was sonst passiert, zeigte 2011 ein Fall aus Hamburg: In einem Lehrbuch der renommierten Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie fand sich ein Beitrag von Eberhard Mannschatz - im DDR-Volksbildungsministerium für die Heimerziehung zuständig, gilt er als Erfinder des Jugendwerkhofs in Torgau. Das Kapitel zum "Rückblick auf die Soziale Arbeit in der DDR" fasst 40 Seiten. Es heißt darin: "Es ging darum, einen jungen Menschen, der der Hilfe bedarf, nie und in keiner Lage alleinzulassen."

 
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