Udo Reiter.Foto: dapd
"Unsere Reserven sind fast aufgebraucht"
Udo Reiter steht als Intendant kurz vor dem Abschied beim MDR
Leipzig. Udo Reiter steht seit 1990 an der Spitze des MDR, er ist der dienstälteste ARD-Intendant. Dieses Jahr geht der 67-Jährige in Ruhestand. Dem MDR sagt Reiter harte Sparzeiten voraus. Samira Sachse und Torsten Kleditzsch sprachen mit ihm über die Zukunft des Senders, Ostalgie und das Bedürfnis zum Kuscheln.
Freie Presse: Der Verein Deutsche Sprache will im Juli gegen die Häufung englischer Worte im Sprachgebrauch des MDR protestieren. Verstehen Sie das?
Udo Reiter: Ja und nein. Ich denke schon, dass auch unser älteres Publikum weiß, was Shuttlebusse oder Talks oder zum Beispiel Quizrunden sind. Natürlich muss man beim Sprachgebrauch immer mit Fingerspitzengefühl vorgehen und stets auf Verständlichkeit und die richtige Klangfarbe achten. Das ist fast dasselbe wie beim Dialekt.
Freie Presse: Dem MDR wird auch vorgehalten, er klinge zu wenig sächsisch.
Udo Reiter: Ja, regelmäßig. Aber erstens sind wir eine Dreiländeranstalt und da gibt es zum Beispiel auch den Thüringer Wald mit seinem speziellen Dialekt. Was aber die eigentliche Botschaft solcher Debatten ist: Unser Publikum ist sehr heimatverbunden, will Heimat sehen und hören.
Freie Presse: Alt wie Jung?
Udo Reiter: Bei den 60-Jährigen ist die Heimatverbundenheit stärker ausgeprägt. Aber auch bei Jüngeren beobachten wir seit einiger Zeit den Trend zum Traditionellen und die Besinnung auf die Wurzeln, was aus unserer Sicht eine Gegenbewegung zur Globalisierung und Internationalität ist. In Bayern zum Beispiel, wo zunehmend junge Leute in Lederhose und Dirndl im Fernsehen zu sehen sind oder im Norden, wo es sehr maritim zugeht, ist das nicht anders. Die Heimatverbundenheit ist die große Stärke der dritten Programme.
Freie Presse: Heimatverbundenheit heißt beim MDR auch viel Ostalgie. Wie lange können Sie damit noch beim Publikum punkten?
Udo Reiter: Im Programm nehmen ostalgische Bestandteile ab. Aber die Rückbesinnung ist geblieben, weil wir ein großes Bedürfnis unseres Publikums sehen, sich an früher zu erinnern. Und wir haben das Material dazu.
Freie Presse: Ist der MDR ein Kuschelsender?
Udo Reiter: Nostalgie und Wohlführen gehören zum Konzept aller dritten Programme. Das Bayerische Fernsehen kommt weiß-blau daher und beim NDR schäumen die Meereswellen.
Freie Presse: Aber in Ihrem Fall kommt das politische Moment dazu und die Frage: Wie setze ich mich mit der DDR-Zeit auseinander?
Udo Reiter: Man kann es natürlich nie allen recht machen. Wir haben gleich zu Beginn gesagt: Wir erneuern den journalistischen Teil komplett und übernehmen vieles von dem, was mit Kuscheln und Unterhaltung in der DDR zu tun hat. Das war richtig. Ich habe bei allen Diskussionen über Inhalte von Sendungen auch von Anfang an zu den Kollegen aus dem Westen gesagt: Leute, ihre seid hier nicht die Besatzer, sondern Dienstleister. Es geht nicht darum, Tabula-Rasa-Politik zu machen.
Freie Presse: Wie kam das bei den anderen ARD-Sendern an?
Wir hatten zuerst Schwierigkeiten, mit unseren Themen innerhalb der ARD auch im Westen durchzukommen. Stereotype vom Osten, die begehrt waren, wollten wir nicht liefern, also wurden wir ignoriert. Die Redakteure im Westen wussten einfach nicht, was hier los ist.
Freie Presse: Das hat sich geändert?
Wir waren hartnäckig, haben unsere Ideen und Beiträge verteidigt.
Freie Presse: Der MDR produziert 2011 nur noch fünf statt sechs Sonntag-Abend-Krimis für die ARD. Geht der MDR auf Sparkurs?
Wir gehören längst nicht mehr zu den reichen öffentlich-rechtlichen Anstalten. Unsere Reserven sind fast aufgebraucht. Der MDR leidet unter sinkenden Einnahmen, also müssen wir den Gürtel enger schnallen.
Freie Presse: Wo liegen die Gründe dafür?
Zum einen haben wir im Sendegebiet einen sehr hohen Anteil von Personen, die wegen geringer Einkommen von den Rundfunkgebühren befreit sind. Das macht für uns pro Jahr etwa 80 Millionen Euro aus. Zum anderen macht sich der demografische Wandel, vor allem der Bevölkerungsverlust bemerkbar. Die Geldzuteilungen in der ARD bemessen sich auch an der Zahl der Gebührenzahler. Ein dritter Grund: Unsere Reserven aus den Anfangsjahren sind fast aufgebraucht.
Freie Presse: Wo wird gespart?
Mit konkreten Maßnahmen muss sich mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin befassen. Entscheidend sind die Bedürfnisse unserer Zielgruppe. Ich kann nur sagen: Wir werden verstärkt Akzente setzen müssen und - wir werden auch heilige Kühe schlachten müssen.
Freie Presse: Welche Kühe?
An denen werde ich mich kurz vor meinem Rückzug nicht vergreifen. Ich kann nur sagen, dass es noch einige Möglichkeiten gibt, liebgewordene Dinge, die nicht dringend nötig sind, aufzugeben. Der Rasenmäher ist auf Dauer keine Lösung.
Freie Presse: Kann die ARD dem MDR helfen?
Der sogenannte Finanzausgleich zwischen den öffentlich-rechtlichen Anstalten der ARD ist reformbedürftig. Meiner Meinung nach sollte jede Anstalt einen von der Einwohnerzahl unabhängigen Sockelbetrag erhalten. Denn wir zahlen doch zum Beispiel für Film- oder Hörfunkproduktionen nicht weniger, nur weil wir weniger Einwohner haben. Aber das sieht nicht jeder so.
Freie Presse: Der MDR hat auch Geld verspekuliert oder wie im Fall des Kika-Betrugsskandals ohne Gegenleistung ausgegeben. Hat der Kika-Fall Ihren Abschied forciert?
Udo Reiter: Wir haben nur einen Bruchteil von dem an der Börse verloren, was wir zuvor mit großem Gewinn erwirtschaftet hatten. Und die Kika-Sache hat mich sogar länger gehalten als ich wollte. Sie hat mir den Abschied bereits zu Beginn des Jahres unmöglich gemacht. Zum Fall selbst muss man sagen, dass niemand die Probleme erkannt hat. Unsere Kontrollsysteme haben nicht ausgereicht.
Freie Presse: Der Kika-Produktionschef, der sich mit Scheingeschäften bereicherte und dem Sender schadete, hatte offenbar einen guten Ruf im Sender. Sind Sie auch menschlich enttäuscht?
Udo Reiter: Ja. Ein Kollege sagte immer: Die Welt ist schlecht. Leider hat er recht.
Freie Presse: Der Radio-Hörer vermisst beim MDR seit 20 Jahren das klassische Programm aus Unterhaltung und Information für die mittlere Generation...
Udo Reiter: Da haben wir ein Defizit und ich bin sicher, dass sich bei der Neuregulierung von Jump und Sputnik etwas in dieser Richtung ändern wird.
Tag der offenen Tür
Am Sonntag von 10 bis 18 Uhr beim MDR in Leipzig (Kantstraße 71-73).