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Fackeln gegen Asylbewerber: "Lichtellauf" in Schneeberg.

Foto: G. U. Dostmann

Schneeberg: Die NPD ruft zum Fackelzug - viele marschieren mit

500 Asylbewerber leben am Rande der Bergstadt in einer ehemaligen Kaserne. Diffuse Fremdenangst treibt die Menschen auf die Straße - und in die Arme der Rechtsextremisten.

Von Oliver Hach
erschienen am 20.10.2013

Schneeberg. "Wir sind Bürger, keine Nazis - Schneeberg wehrt sich!" Ein junger Mann um die 20, unverdächtiger sportlicher Typ in Wetterjacke und Turnschuhen steht auf dem Marktplatz und hält ein Transparent in die Höhe. Um ihn herum versammeln sich die ersten Menschengruppen, die Polizei sichert mit einem guten Dutzend Mannschaftswagen das Gelände. Es ist Samstagabend, die NPD hat zum "Lichtellauf" gegen Asylmissbrauch aufgerufen - und das Volk ist gekommen. Zwischen 1000 und 1500 Teilnehmer werden Polizei und Landratsamt später zählen.

Wogegen wehrt sich Schneeberg? "Dass wir hier beklaut werden", sagt der junge Mann mit dem Transparent. "Wir wollen, dass die kriminellen Ausländer aussortiert werden." Und was hält er davon, dass die Kundgebung vom NPD-Kreisvorsitzenden Stefan Hartung angemeldet wurde? "Das finde ich nicht gut", sagt er, "aber die NPD ist die einzige, die hier was tut".

Etwa 15.000 Einwohner leben in Schneeberg. Darunter sind seit einigen Wochen gut 500 Asylbewerber - als Folge des wachsenden Flüchtlingsstroms aus Afrika und Zentralasien nach Europa. Als es Ende September in der überfüllten sächsischen Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Nordafrikanern und Tschetschenen kommt, werden etwa 250 Tschetschenen, vorwiegend Familien, nach Schneeberg verlegt. Die ehemalige Jägerkaserne, die bereits im Sommer als Außenstelle der Chemnitzer Zentrale eingerichtet worden war, ist damit vorläufig voll ausgelastet.

Freitagnachmittag an der B 169, Hundshübler Straße, kilometerweit vor den Toren der Stadt: Die Gegend wirkt wie ausgestorben. Nur gelegentlich passieren ein paar fremdländisch aussehende Menschen das bewachte Tor der einstigen Bundeswehrkaserne. Einheimische wohnen hier in der Umgebung kaum. An der Bushaltestelle stehen drei Tschetschenen. Sie wollen in die Stadt, zum russischen Geschäft. "Wir essen kein Schweinefleisch", erklärt ein Mann, Mitte 20 auf russisch. Er geht an Krücken, von seinem linken Bein ist nur ein Stumpf geblieben. Als die Drei von der geplanten Kundgebung hören, fragt der Mann mit dem Krücken: "Wen stören wir hier? Wir sind doch fast nur im Lager und gehen nur mal raus, um was einzukaufen." Während die Männer in den Bus einsteigen, queren Frauen mit bunten Kopftüchern und Einkaufstaschen die Straße. Sie kommen aus dem ECE-Einkaufszentrum unten im Tal in Zschorlau. Wird dort jetzt mehr gestohlen? "Wir haben keine Probleme", sagt die Edeka-Marktleiterin.

Um der NPD-Veranstaltung entgegenzutreten, haben Stadt und Kirchgemeinde für Freitagabend zu Friedensgebet und Gegenkundgebung aufgerufen. "Dona nobis pacem", "Gib uns Frieden", singen etwa 750 Menschen in der St.-Wolfgang-Kirche. Pfarrerin Barbara-Christina Scholz findet klare Worte: Man dürfe nicht länger trennen zwischen "dazugehörig und fremd", "reich und arm", "Deutschen und Ausländern".

Draußen vor dem Rathaus hört dann nur noch ein Teil der Leute, was der Bürgermeister zu sagen hat. Die Aufstockung der Asylbewerberzahl in Schneeberg sei eine große Herausforderung, sagt Frieder Stimpel von der CDU. Man habe Verständnis, wolle mit den Bürgern ins Gespräch kommen. Aber er sei auch dafür, Menschen in Not zu helfen. "50 Prozent derer, die bei uns ein Dach über dem Kopf bekommen haben, sind Kinder und Jugendliche", betont Stimpel. "Ich werde nicht zusehen, dass diese Familien in Chemnitz in Zelten leben müssen."

Die Bürgern indes, die einen Abend später auf dem Marktplatz stehen, sprechen von Angst. Es ist eine diffuse Angst vor allem Fremden. "Wir sind Mütter, Väter, Omas, Opas - Bürger in Angst" hat eine Mittvierzigerin auf ein Stück Pappe geschrieben. "Ich arbeite da vorn beim Fleischer", sagt sie, "da höre ich so viel." Wurde sie selbst schon bestohlen oder angegriffen? Ein Rentner springt ihr zur Seite: "Nein, aber so weit soll es nicht erst kommen."

NPD-Mann Stefan Hartung verkündet derweil über Megafon: "Im Einzelhandel wird geklaut ohne Ende" und führt zur "allgemeinen Überfremdungsproblematik" aus. Hartung bekommt tosenden Applaus, Zwischenrufe "Sozialschmarotzer" und "Abschieben!" sind zu hören. Eine 16-jährige Schülerin tritt aufs Podium und erklärt: "Ich will mich frei bewegen - ohne Angst zu haben, angebaggert, bedroht und beklaut zu werden."

Dann werden Dutzende Fackeln ausgegeben. Familien mit Kinderwagen und Lampions marschieren Seite an Seite mit jungen Männern in Thor-Steinar-Jacken und "Good Night left Side"-T-Shirt durch die Innenstadt. Sie rufen "Wir sind das Volk!" Ein Dutzend Linksautonomer brüllt dazwischen, wird aber von der Polizei auf Distanz gehalten.

Als der Zug wieder am Marktplatz ankommt, darf Mario Löffler noch ans Megafon. Er wird nun ganz offiziell als Landtagsabgeordneter der NPD-Fraktion angekündigt. Wieder gibt es Applaus, und noch deutlicher spricht Löffler im Rechtsextremisten-Jargon von "linker Asyl-Lobby", "Überfremdungspolitikern" und von "Volk und Heimat". Ein paar linke Störer werden mit dem Ruf "Volksverräter" aus der Menge abgekanzelt. Zum Abschluss erklingt vor dem NPD-Podium das Lied "Deitsch und frei".

"Der Abend wird in die Schneeberger Geschichte eingehen", postet Stefan Hartung hinterher zufrieden im Internet. Die Polizei bilanziert: Alles friedlich beim "Lichtellauf" - bis auf zwei Anzeigen gegen junge Leute, die den Hitlergruß zeigten.

 

►Lesen Sie auch: Demonstranten ziehen durch Schneeberg

 
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Kommentare
44
(Anmeldung erforderlich)
  • 25.10.2013
    14:45 Uhr

    Schneeberg: @ Schlossteich:

    Tja, da wären wir beim Problem. Unsere lieben Medien, ganz vorn dran die "Bild"...Diese verbreiten immer erstmal ein Gerücht und die Leute glauben es meist ohne zu hinterfragen oder selbst zu recherchieren. Ich mache mir die Mühe, wenn die Zeit dazu reicht und frage vor Ort selbst nach. Dies hat mir gerade in der Sache gezeigt, dass sehr sehr vieles Unwahr ist. Erinnern Sie sich an den Artikel mit den 900 Gegendemonstranten, die auf dem Marktplatz standen und dem Bürgermeister zugehört haben, bei seiner Anprache!? Ich war selbst dort und es waren keine 200 Personen. Die Berichterstattungen der Medien sind zumeist unwahr, dies behaupte ich nur, da ich mir persönlich ein Bild davon gemacht habe und keine subjektive Einstellung zur Sache besitze.

    0 3
     
  • 25.10.2013
    14:18 Uhr

    PeKa: Mag durchaus sein, dass ich von wirtschaftlichen Dingen nicht viel vestehe. Schließlich habe ich das ja auch nicht studiert. Wer aber offensichtlich Ahnung von Wirtschaft und finanziellen Zusammenhängen hat, ist Ihr Bürgermeister. Deshalb bekämpft er auch die imagefeindlichen Tendenzen aus dem rechtsradikalen Lager in den Medien.

    2 0
     
  • 25.10.2013
    14:07 Uhr

    gelöschter Nutzer: @Schneeberg In der BILd-Zeitung liest sich das aber ganz anders.

    http://www.bild.de/regional/chemnitz/chemnitz-politik-und-wirtschaft/nach-nazi-aufmarsch-grosse-sorge-um-das-lichtelfest-33114650.bild.html

    0 0
     
  • 25.10.2013
    13:16 Uhr

    Schneeberg: @ Peka:

    "Da der verständlicherweise gerne Leute in seiner Stadt haben möchte, die ihr ordentlich Kohle bringen und keine armen Schlucker, ist er so über den NPD-Fackelzug verärgert."

    Wen bezeichnen Sie denn so als "armen Schlucker" hmm???


    Die Touristen kamen und kommen aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland, wie jedes Jahr eben. Zum Lichteslfest ist unser Markt jedes Jahr VOLL. Dieses Jahr wird es nicht anders werden.

    Ein Presse UNABHÄNGIGE Nachfrage bei den Hoteliers in Schneeberg und Umgebung hat ergeben, dass es KEINE Absagen zum Zeitraum des Lichtelfests, noch sonst wann gibt. Selbst der Tourismusverband war über die Nachricht nicht weniger erstaunt.

    Sie sollten sich wie schon gesagt um Ihre Kinder, Israel und ihre Kirche kümmen, von anderen Themen verstehen Sie nich besonders viel wie man leider lesen muss!

    Glück Auf!


    0 2
     
  • 25.10.2013
    12:08 Uhr

    PeKa: "... dann müssten Sie wissen, dass Schneeberg schon oft in den Schlagzeilen stand wergen rechtsmotivierten Taten. Diese verteidige ich nicht, aber wir hatten dadurch keinesfalls weniger Touristen zum Lichtelfest, im Gegenteil."

    Woher kamen wohl die "Touristen"? Vielleicht aus Chemnitz, Burgstädt, Limbach, aus anderen Teilen des Erzgebirges oder aus den Kleinstädten des Leipziger Umlandes. Ein Wessi aus München, Köln, Düsseldorf oder Hamburg jedenfalls, der bewusst auf seinen Intellekt achtet, wird wohl kaum unter diesen "Touristen" gewesen sein. Das weiß auch Euer Schneeberger Bürgermeister. Da der verständlicherweise gerne Leute in seiner Stadt haben möchte, die ihr ordentlich Kohle bringen und keine armen Schlucker, ist er so über den NPD-Fackelzug verärgert.

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