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Satiriker und Spaßpolitiker - Martin Sonneborn.

Foto: Sören Stache/dpa

"Tillich ist der bessere Merkel"

Martin Sonneborn, über den sächsischen Wahlkampf, Stanislaw Tillich, ein Königreich, Angela Merkel und sein monatliches 33.000-Euro-Einkommen im EU-Parlament

erschienen am 26.08.2014

2004 gründete der Journalist Martin Sonneborn mit Kollegen des Satiremagazins "Titanic" die Spaßpartei "Die Partei". Die Organisation hat zwar einerseits parodistisch-satirischen Charakter, andererseits aber ist sie juristisch eine normale deutsche Partei, die auch zu Wahlen antritt. Peter Ufer sprach mit dem 49-Jährigen, der mittlerweile sogar im Europäischen Parlament sitzt.

Freie Presse: Herr Sonneborn, Ihre Spaßpartei "Die Partei" möchte gern anders sein als alle anderen Parteien. Skurril und heiter karikieren Sie den Politzirkus. Trotzdem stehen Ihre Genossen im Wahlkampf dröge am Straßenrand ...

Martin Sonneborn: ... was, die stehen am Straßenrand?

Nutzen Sie keine heitere Taktik, um an die Wähler zu kommen, anstatt sie beim Einkaufen oder auf dem Weg zur Kneipe abzufangen?

Das geht natürlich gar nicht. Da müssen Köpfe rollen im sächsischen Landesverband. Straßenkampf hat einen antiquierten Zug. Allerdings habe ich gehört, dass sich an unseren Klapptischen Trauben von Menschen bilden.

Locken Sie mit Freibier?

Das ist uns zu unseriös. Wir werben mit Schnaps.

Die Sachsen scheinen Ihnen wichtig zu sein?
Ja, wenn sie unsere Partei wählen. Ich mag Sachsen, bin auch schon mal durchgefahren. Besonders mag ich diese herrlichen Autobahnen, die ja viel besser sind als im Westen.

Neidisch?

Ja, natürlich. Im Westen rottet inzwischen so viel vor sich hin, aber in Sachsen rollt man über schöne leere Autobahnen. Sachsen liegt mir schon am Herzen, außer Karl-Marx-Stadt.

Wie bitte?
Ja, da ist doch der Bevölkerungsschwund gewaltig, die Gegend können wir gar nicht so schnell mit Westrentnern nachbesiedeln wie die Leute von dort flüchten. Eine Forderung unserer Partei lautet deshalb, alles südlich der Autobahn A 4 an die Tschechen abzutreten. Da gehört Chemnitz dazu. Der Rest der Sachsen kann sich ja Niedersachsen anschließen.

Heißt deshalb Ihr Wahl-Slogan im sächsischen Wahlkampf "Immer feste druff"?

Keine Ahnung, wie der Wahl-Slogan in Sachsen heißt. Die Partei ist dezentral organisiert. Wir unterstützen den Wahlkampf hier aus der Berliner Zentrale, aber die Inhalte liefern die Sachsen schon selber. Immer feste druff ... - schöne Idee.

Sie fordern zudem eine Faulenquote, sind gegen die Verblödung der Innenstädte und wollen das Wahlalter begrenzen. Wollen Sie nur Protestwähler gewinnen?
Was heißt hier "nur"? Mit Protestwählern kann man heute die absolute Mehrheit erzielen. Und wir sind die einzige wirkliche Protestwahlmöglichkeit für alle zwischen 14 und 54 Jahren.

Klingt nach medialer Werbe-Zielgruppe, oder findet der eigentliche Wahlkampf im Internet statt?

Ja, im Netz entscheidet sich der Wahlkampf. Bei den U-18-Wahlen für das EU-Parlament im Internet erreichten wir bundesweit 4,3 Prozent. Wir lieben die Jugend, solange sie uns wählt.

Sie haben schon in vielen Wahlkämpfen bewiesen, dass wenig Inhalt, aber gezielte Provokation durchaus erfolgreich sein kann. Sie forderten zum Beispiel den Wiederabriss der Dresdner Frauenkirche. Im Europawahlkampf hieß ihr Motto "Ja zu Europa, Nein zu Europa!". Vereint Ihre Parteimitglieder gleicher Unsinn und Unmut?

Ja und nein. 70 Prozent der deutschen und der sächsischen Bevölkerung geht doch die EU am Gesäß vorbei. Und deren Position haben wir im Wahlkampf vertreten - aus billigen, populistischen Gründen. Unsere Strategie lautete ja schon lange, Inhalte zu überwinden. Schmierig, obskur und inhaltsleer um den Wähler zu buhlen, das führt zum Erfolg. Allerdings haben inzwischen alle anderen Parteien unsere Strategie aufgegriffen. Schauen Sie sich doch mal die Wahlplakate an, die zurzeit in Sachsen hängen.

Was würden Sie denn gern in Sachsen bewirken?

Ich könnte mir eine sorbenfreie Staatskanzlei gut vorstellen.

Meinen Sie sorgenfreie?

Das geht doch gar nicht. Ich meine sorbenfreie. Ausländerfeindlichkeit zieht in Sachsen immer. Wo keine Ausländer sind, haben die Menschen am meisten Angst vor ihnen. Ich glaube, das kann funktionieren.

Kennen Sie Grenzen des guten Geschmacks?

Aber selbstverständlich! Die Partei hat sie überschritten, als sie auf einem Großplakat in Berlin versprach: "Wenn Sie uns wählen, lassen wir die 100 reichsten Deutschen umnieten!"

Einige enttäuschte Mitglieder der FDP sind in Ihre Spaßpartei übergelaufen. Warum das denn?

Wir empfehlen uns als Nachfolgepartei der FDP, denn wir haben ja Teile unserer Satzung bei den Liberalen abgeschrieben. Ich gehe aber davon aus, dass die FDP in Sachsen wieder ins Parlament kommt, denn die Sachsen machen oft Ausnahmen und zeigen sich gerne rückständig.

Die Alternative für Deutschland will ebenfalls ins sächsische Parlament. Ist Ihnen die AfD sympathisch?

Sie sägt am Stuhlbein der NPD, da möchte man doch fleißig mitsägen. Allerdings ist es nur eine kleine Verschiebung. Von einem Linksruck zu sprechen, ist wohl nicht recht angebracht. Ich würde vielmehr von einem Ruck sprechen.

Apropos links, was halten sie von den Linken in Sachsen?
Von wem bitte?

Die zweitstärkste politische Kraft im Land.

Ich dachte, die haben sich alle abgesetzt. Katja Kipping lebt doch jetzt zusammen mit Sarah Wagenknecht in Berlin.

Knapp daneben. Nehmen wir die Grünen. Setzt sich Ihre Partei mit deren Wahlzielen auseinander?

Die Grünen sind leider nicht in der Lage, Themen, die die Sachsen bewegen, zu besetzen. Sie sind nur die FDP des kleinen dummen Mannes. Da hat doch jeder Feuerwehrverein mehr Zulauf. Die sind wenigstens da, wenn es brennt. Eine Koalition mit den sächsischen Feuerwehrvereinen könnte ich mir eher vorstellen.

Wenn Ihnen keine etablierte Partei gefällt, bleibt offenbar nur noch die Monarchie. Was halten sie von der Wiederkehr eines Königreichs Sachsen?

Unter der Führung eines niedersächsischen EU-Abgeordneten vielleicht? Mit milliardenschweren EU-Förderprogrammen im Gepäck? Eine brillante Idee!

Ein Kernthema dieses Wahlkampfes ist die Bildung. Wie geht es weiter mit den Universitäten im Freistaat, mit den Schulen, werden genug Lehrer eingestellt? Was sind Ihre Antworten dazu?

Bildung wird doch seit Jahren deutlich überschätzt. Um Youtuber zu werden, ist da nicht viel nötig. Und die alten Lehrer sollen einfach weiterarbeiten, statt an ihre Rentenansprüche zu denken. Zumal sie die ja noch zu DDR-Zeiten erworben haben.

Verstanden, Bildung ist nicht Ihr Thema. Bleiben wir beim Bildschirm. Was meinen Sie, warum der CDU-Chef Stanislaw Tillich ein Wahl-Fernsehduell mit seinen Herausforderern ablehnte?

Ein kluger Mann. Jede Aussage im Fernsehen kann gegen ihn verwendet werden. Tillich folgt der Strategie: Mund zu und durch.

Wird die CDU in Sachsen die absolute Mehrheit erreichen?

Sie wird überleben, weil sie so unauffällig ist. Anpassung heißt die Grundstrategie der sächsischen Christdemokraten. Insbesondere Tillich funktioniert nach dem Prinzip: Nichts tun, nicht auffallen und das ganz langsam. Genau aus diesem Grund ist Stanislaw ja beliebter als seine Regierung.

Ist geschicktes Reagieren und Ruhe bewahren nicht eigentlich Merkel-Strategie?

Ich denke, inzwischen ist Tillich der bessere Merkel. Erst kürzlich hat die Kanzlerin doch ganz aufgeregt und überhastet agiert, um endlich Waffen in den Nahen Osten liefern zu können.

Was hält Ihre Partei davon?

Von Merkel?

Von den deutschen Waffenexporten?

Ich sitze ja mit meiner Partei seit wenigen Wochen im Europaparlament. Eine unserer ersten Initiativen ist, die Gurkenverkrümmungsverordnung, die 2009 abgeschafft wurde, wieder einzuführen. Und zwar für Waffen.

Das müssen Sie erklären.

Gern. Wir fordern für Schusswaffen auf je zehn Zentimeter Lauf zwei Zentimeter Krümmung. Ich denke, so kann viel Unheil verhindert werden.
Oder es trifft die Falschen.

Fühlen Sie sich eigentlich wohl im EU-Parlament?

Nein, ich fühle mich da nicht wohl, eher so wie in Chemnitz. Rechts von mir sitzt die AfD, links die FPÖ, vor mir Marine Le Pen und hinter mir Udo Voigt von der NPD. So viele Verhaltensgestörte auf einem Haufen, das ist schon eine Herausforderung.

Jetzt werden Sie ja richtig ernst. Wird aus dem politischen Satiriker plötzlich ein satirischer Politiker, oder sind Sie doch nur ein Sozialschmarotzer, der sich als EU-Abgeordneter monatlich über 12.000 Euro auf seinem Konto freut?

Moment mal, wir reden von 33.000 Euro pro Monat, die ein Abgeordneter verteilen kann. Wir nennen es "Hartz 33". Neben den monatlichen Bezügen gibt es noch freie Flüge, subventioniertes Mensaessen und 50 Cent pro Kilometer bei Autofahrten zum Parlament. Deswegen verfahre ich mich oft. Nach Brüssel fahre ich von Berlin aus nur noch über die sächsischen Autobahnen und am liebsten über Chemnitz.

Sie wollten 60 Ihrer Parteimitglieder im Rotationsverfahren an der Fettlebe teilhaben lassen. Immer nach einem Monat sollte einer zurücktreten und der nächste den Platz besetzen. Das hat aber nicht geklappt. Wer bekommt jetzt das ganze Geld?

Es sollen alle etwas davon haben. Am 28. August werde ich in Berlin anfangen, Fünf-Euro-Scheine zu verteilen. Wir haben dem Wähler versprochen, die EU zu melken wie ein kleiner südeuropäischer Staat. Aber zuerst müssen wir mal klären, was für Abgeordnete alles möglich ist.

Was denn zum Beispiel?

Abgesehen von den Bezügen und Pensionsansprüchen, haben zum Beispiel drei Abgeordnete der rechtsradikalen Partei "Griechische Morgenröte" gegenseitig ihre Töchter zu guten Konditionen eingestellt. Direkte Verwandte dürfen seit einigen Jahren nicht mehr beschäftigt werden, wir sind ja nicht in Bayern. Ich habe deshalb Parlamentspräsident Schulz angeboten, dass wir wechselseitig unsere Verwandtschaft einstellen. Ich habe in einen libanesischen Großclan eingeheiratet, das wäre für beide Seiten interessant.

Haben Sie schon mal nachgelesen, ob es Fördergelder gibt, die sinnvoll für die Entwicklung Sachsens eingesetzt werden können?

Wir wollen zum Beispiel die Kriminalität senken und da hilft nur eins: Eine Mauer rund um Sachsen! So kommen kriminelle Ausländer nicht hinein, Einwohner nicht mehr raus und die Kriminalität sinkt. Mauern sind überhaupt eine grandiose Idee, mit einer Mauer wäre etwa die Situation in der Ukraine nicht eskaliert. Mauerbau ist auch ein schönes Konjunkturprogramm für die Bauwirtschaft und übrigens auch für die Bildung. Beim Bau so einer Mauer können Kinder viel lernen.

Jetzt verstehe ich, warum Sie schon kurz nach dem Start Ihrer unvorhergesehenen europäischen Politkarriere beim ZDF, wo Sie als Außenreporter für die "Heute-Show" gearbeitet haben, rausgeflogen sind. Auch beim "Spiegel", wo sie online die Satirerubrik Spam betreuten, sind Sie entlassen worden. Nur bei der "Titanic" arbeiten Sie weiter. Warum?

Weil ich da Mitherausgeber bin und sie mich nicht rausschmeißen können. Außerdem bemühe ich mich gerade um 390 Millionen Euro EU-Fördergelder für den Erhalt des Kulturgutes Zeitung. Die gehen dann zum größten Teil an die "Titanic", aber auch an die "FAZ", die "SZ", den "Spiegel" - und natürlich an die "FP".

Wir verzichten großzügig. Danke für das Gespräch, Herr Sonneborn.

Zur Person: Martin Sonneborn

Der Politsatiriker kam 1965 in Göttingen zur Welt. Er ging in einem katholischen Privatgymnasium in Osnabrück zur Schule und studierte Publizistik, Germanistik und Politikwissenschaften in Münster, Wien und Berlin. Er arbeitete 1995 beim Satiremagazin "Eulenspiegel" und wechselte dann zur "Titanic", wo er 2000 Chefredakteur und später Herausgeber wurde. Heute arbeitet er als Journalist, Satiriker und Politiker.

Bei der Europawahl 2014 wurde er als Spitzenkandidat der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative zum Mitglied des Europäischen Parlaments gewählt. (uf)

 

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Kommentare
2
(Anmeldung erforderlich)
  • 28.08.2014
    08:12 Uhr

    mias: Tja, die Kunstform der Satire ist halt nicht jeden zugänglich...

    0 0
     
  • 27.08.2014
    15:30 Uhr

    Interessierte: Hier kann man nun geteilter Meinung sein , aber was da nun wieder steht ...

    Man ist neidisch auf die Autobahnen , die für diiiie Menschen gebaut wurden , die hier im Osten arbeiten , damit sie schnell nachhause fahren können ; oder von München schnell mal nach Berlin oder von DD mal nach Prag zum Frühstücken fahren können ....

    Und :
    Sachsen liegt mir schon am Herzen, außer Karl-Marx-Stadt.
    Wie bitte?
    Ja, da ist doch der Bevölkerungsschwund gewaltig, die Gegend können wir gar nicht so schnell mit Westrentnern nachbesiedeln wie die Leute von dort flüchten. Eine Forderung unserer Partei lautet deshalb, alles südlich der Autobahn A 4 an die Tschechen abzutreten.
    ( wie sich die Zeiten so ändern , damals war alles hinter der Elbe Sibirien )

    Und :
    Wir wollen zum Beispiel die Kriminalität senken und da hilft nur eins: Eine Mauer rund um Sachsen!
    So kommen kriminelle Ausländer nicht hinein, Einwohner nicht mehr raus und die Kriminalität sinkt.
    ( ich dachte , das ist bundesweit so und vor allem in Berlin werden die Leute immer öfters umgebracht , da wäre es wohl besser , nicht zu scherzen und sich mal ernsthafte Gedanken zu machen )
    Auch als Komiker ...............

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