Fischzucht und Gemüseanbau im Eckhaus

Seit sechs Jahren wird auf dem Sonnenberg ein ungewöhnliches Projekt vorangetrieben. Jetzt haben die Initiatoren einen großen Fortschritt erzielt.

Sonnenberg.

Der Chemnitzer Sonnenberg als bundesweites Zentrum der Kombination von Fischzucht und Gemüseanbau - Aquaponik genannt. Nicht mehr und nicht weniger ist die Vision, an deren Verwirklichung Angelika Scheuerl und ihre Mitstreiter schon seit 2012 arbeiten. Damals kaufte die gebürtige Allgäuerin, die seit 1993 in Chemnitz lebt und seit 1999 auf dem Sonnenberg den Sozialpädagogischen Betreuungsdienst Delphin betreibt, das leerstehende Haus Peterstraße 28. Als Eckhaus eines Karrees steht es vom Lessingplatz her gesehen genau in der Mitte der Uhlandstraße. Aber der städtebaulich wichtige Standort soll künftig nicht mehr die einzige Besonderheit des Gründerzeit-Baus sein: An seiner Hofseite plant Angelika Scheuerl den Bau einer Aquaponik-Anlage, die sachsen- und bundesweit zu den ersten und größten gehören wird.

Wegen Finanzierungsproblemen hatte die Eigentümerin das Projekt vor etwa zwei Jahren vorübergehend stoppen müssen, aber seit kurzem wird an dem Haus unübersehbar gebaut. "Nachdem wir mit unseren Anfragen bei mehreren Banken gescheitert waren, haben wir einen Kredit über 1,725 Millionen Euro zu günstigen Konditionen bewilligt bekommen", berichtete Angelika Scheuerl jetzt Volkmar Zschocke, dem Fraktionschef der Grünen im Sächsischen Landtag, der sich vor Ort ein Bild von den Fortschritten machen wollte. Mit dem Geld sind das Haus bereits weitestgehend entkernt und seine Fassade zum Hof hin gesichert worden. "Am aufwendigsten wird das Dach, das komplett erneuert werden muss", so die Eigentümerin. Bis November dieses Jahres soll die Hülle des Gebäudes wieder dicht sein, damit über den Winter Innenarbeiten wie das Einbringen von Estrich und der Einbau einer neuen Heizung ausgeführt werden können. Bis Ende 2020 müsse als Bedingung für den Kredit die Sanierung des Hauses abgeschlossen sein, erklärte Angelika Scheuerl.

An beiden Straßenseiten plant sie das Einrichten von 13 Wohnungen für Menschen, die ihr Sozialdienst betreut, und andere Mieter. Denn: "Der Kredit muss ja refinanziert werden." Hinter und vor der Hof-Fassade soll sich über vier Etagen das Gewächshaus für den Gemüse- und Obstanbau in Hydrokultur erstrecken. "Wir denken vor allem an Tomaten, Salat, verschiedene Kräuter und Erdbeeren", erklärte Antje Rausch, die Leiterin der Anlage und Vorstand des Bundesverbandes Aquaponik, der jetzt seinen Sitz in der Peterstraße 28 hat. Bewässert und gleichzeitig gedüngt werden die Pflanzen in einem Kreislauf mit Wasser aus den Fischbecken im Keller, in denen Karpfen, Buntbarsche, Maränen und Störe, aber auch Flusskrebse für den Verkauf gezüchtet werden sollen. "Mit den Stören wollen wir aber keinen Kaviar produzieren", dämpft Antje Rausch Erwartungen von Feinschmeckern.

Gemüse, Obst, Fische und Krebse sollen in einer Art Hofladen verkauft werden, der in den Räumen einer früheren Bäckerei eröffnet werden soll. Trotzdem stehe der Kommerz nicht im Mittelpunkt des Projektes, betont Antje Rausch. Angelika Scheuerl und ihr gehe es vielmehr darum, auf dem Sonnenberg eine Ausbildungs- und Forschungsstätte für das noch relativ unbekannte Verfahren zu etablieren. "Wir haben Platz für einen Konferenzraum und in der Nähe gibt es viele freie Wohnungen - das ist ein Standortvorteil gegenüber anderen Großstädten", so Antje Rausch. Ausgebildet werden könnten beispielsweise Menschen aus Entwicklungsländern, darunter Flüchtlinge, um mit den Kenntnissen ausgestattet in ihre Heimatländer zurückkehren zu können. Chemnitzer Schulklassen schauen schon jetzt ab und an bei den Versuchsanlagen vorbei. Um die Pflanzen und Fische kümmern könnten sich schwer vermittelbare Arbeitslose aus dem Sozialprojekt. Dazu gehört bereits ein Stadtgarten mit Geflügelstall.


Fische düngen Pflanzen

Aquaponik, englisch Aquaponics, hat seine Ursprünge vermutlich in Südostasien, wo Fischzucht in Teichen schon lange mit dem Anbau von Reis und anderen Feldfrüchten kombiniert wird. Das System funktioniert, indem Futterreste und Ausscheidungen aus der Fischzucht als Nährstoffe für Pflanzen verwendet werden. Dies geschieht meist in geschlossenen Kreisläufen über Pumpen. Ab Mitte der 1980er-Jahre wurde das Verfahren in den USA erforscht. Heute wird Aquaponik weltweit in unterschiedlichen Größen angewandt. (mib)

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