Wenn es eng wird, kommen die Rentner

Erfahrene Facharbeiter zu finden, wird immer schwieriger. Im Eisenwerk Wittigsthal hat der Chef deshalb eine besondere Eingreiftruppe zusammengestellt: Senioren im Unruhestand.

Johanngeorgenstadt.

Der Anruf kam an einem Donnerstag. Am Telefon war der Chef. Es gebe da einen Auftrag, der erledigt werden muss. Ob er das übernehmen könne? Rainer Mehnert (68) sagte zu. Ein paar Tage später stand er wieder an seinem alten Arbeitsplatz im Eisenwerk Wittigsthal in Johanngeorgenstadt. Eigentlich ist Mehnert Rentner, aber er ist auch Werkzeugmacher, eine gefragte Fachkraft. Deshalb erhält er öfters solche Anrufe.

Diesmal mussten zwei Werkzeuge für eine Biegemaschine gebaut werden. Sie waren nötig, damit das Eisenwerk einen Kundenauftrag erledigen konnte. "Unsere Werkzeugmacher waren ausgelastet, es galt aber eine Frist einzuhalten", sagt Geschäftsführer Jochen Browa (44). Also rief er Mehnert an. Der Rentner kam wieder jeden Morgen in die Firma, konstruierte die Werkzeuge, hobelte, fräste, bohrte und härtete die Teile, bis alles fertig war. Etwa ein Vierteljahr lang, wie in alten Zeiten. "Na ja, nicht ganz", sagt Mehnert, "früher musste ich früh halb sieben anfangen. Jetzt kam ich erst um acht. Ich bin es inzwischen eben gewöhnt, etwas länger zu schlafen."

Der Werkzeug-Auftrag war weder der erste Blitzeinsatz im Eisenwerk noch der letzte. Zurzeit gibt es neun Ruheständler, die der Chef bei Bedarf anrufen kann. "Zusammen legen sie 398 Jahre Betriebszugehörigkeit in die Waagschale", sagt Browa. "Auf diese Erfahrung zu verzichten, wäre ein großer Verlust." Daher macht er jedem Mitarbeiter, der in Rente geht, das Angebot, bei Bedarf im Betrieb zu jobben. Die Rentner übernehmen Urlaubsvertretungen, ersetzen erkrankte Kollegen, stemmen Sonderprojekte und helfen bei Engpässen in der Produktion aus. "Das ist besser, als wenn wir einen Leiharbeiter holen", sagt Browa. "Die Kollegen kennen die Arbeit aus dem Effeff. Wir müssen nicht erst groß reden, und ich weiß, dass es läuft."

Karl-Heinz Wappler (67) war 52 Jahre lang in der Badeöfenfertigung tätig. Etwa 4,5 Millionen der kohlebeheizten Öfen sind in Wittigsthal hergestellt worden, an einem Drittel hat Wappler mitgewirkt. Eisenteile wuchten, Schamottsteine mauern - das ist Schwerarbeit. Wappler macht sie auch jetzt noch stundenweise. "Das ist wie im Leistungssport", sagt er. "Wenn du von heute auf morgen aufhörst, muckt dein Körper auf: Was soll das? Ich bin also beim Abtrainieren, um mich an den Ruhestand zu gewöhnen."

Die Einsätze werden so geplant, dass die Rentner die 450 Euro pro Monat, die sie steuerfrei dazuverdienen dürfen, nicht überschreiten. Bei großen Aufträgen können mal ein paar Stunden mehr zusammenkommen, doch hochgerechnet aufs Jahr passt es dann wieder, sagt der Chef.

Der Zuverdienst ist allen wichtig, aber es geht nicht nur ums Geld, erklärt Bernd Morbach (66): "Die alten Kollegen wiederzusehen, ist auch schön." Bis jetzt hat er jedem Hilferuf aus dem Eisenwerk Folge geleistet. "Bis auf das eine Mal, wo ich ins Krankenhaus zu einer OP musste."

Rainer Fuchs (74) hat sich dieses Jahr aus der Eingreiftruppe verabschiedet. "Irgendwann ist es genug mit der Arbeit", sagt er. Für unser Gespräch ist er noch mal ins Werk gekommen. Und nach dem Foto ließ er es sich nicht nehmen, sämtliche Teile in Reichweite fertig zu bearbeiten.

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