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In Krankenhäusern werden Patienten oft verkabelt, um deren Vitalwerte rund um die Uhr aufzuzeichnen. Im DRK-Pflegeheim in Hutholz wird jetzt erprobt, wie es das mit einer Art Radartechnik geht.
Kamillo Ernst ist ziemlich technikaffin. Am Fußende seines Bettes hängt ein großer Bildschirm für die Playstation an der Wand, auf dem Nachtschrank steht ein Laptop, mit dem der 50-Jährige chatten kann. Zwei Meter über dem Bett ist jetzt ein unscheinbarer grauer Sensor dazugekommen, der medizinische Werte aufzeichnen kann. Kamillo Ernst ist einer von zehn Bewohnern des DRK-Pflegeheims, die einer Studie zum Praxistest dieser Zukunftstechnik zugestimmt haben. „Jetzt kommt die erste Nacht. Ich bin gespannt“, sagt der Mann, der wegen einer familiären Notsituation im Heim lebt.
Viel von dem neuen Gerät in seinem Zimmer mitbekommen wird Kamillo Ernst nicht. Es surrt nicht, es blinkt nicht und verkabelt werden muss der Bewohner schon gar nicht. Die Sensoren der israelischen Firma Neteera senden stattdessen Wellen im Hochfrequenzbereich aus und nehmen sie wieder auf. Quasi wie ein Radar werden damit minimale Bewegungen der Haut registriert. Die Auswertung von Puls, Atemfrequenz und Atemtiefe sowie Körperbewegungen seien Standard, in Zukunft soll noch Blutdruck dazukommen, erzählt Enrico Contini, der die Sensoren in Italien, Osteuropa und jetzt in Deutschland installiert.
Ab nächster Woche soll das System im DRK-Pflegeheim startklar sein, die Schwestern auf ihren Dashboards die Vitalwerte der zehn Bewohner sekundengenau sehen können. Heimleiterin Nicole Porstmann hofft auf Unterstützung auf mehreren Ebenen. Einerseits könnte man bei gesundheitlichen Problemen wie niedrigen Pulswerten oder nächtlichen Atemaussetzern schneller eingreifen. Zudem könnten Routinekontrollen wegfallen. In der Nacht müssen die Schwestern alle zwei Stunden nach den Patienten schauen. Das störe die Bewohner beim Schlafen.
Krankheiten können früher erkannt werden
Professor Tom Schaal von der Westsächsischen Hochschule Zwickau nennt noch einen weiteren Vorteil: Durch die Aufzeichnung der medizinischen Daten könnten Krankheiten früher erkannt und noch ambulant behandelt werden. Dadurch lasse sich der Transport in eine Klinik und damit zusätzlicher Stress für Bewohner verhindern.
Der Wissenschaftler, der die Studie in Chemnitz betreut, bringt selbst viel Erfahrung aus Pflege-Einrichtungen mit. Nach dem Pflegemanagement-Studium hat der 41-Jährige als Trainee in einem Heim gearbeitet und anschließend parallel zu seiner Arbeit als Heimleiter promoviert.
Mittlerweile arbeitet der Professor für Management im Gesundheitswesen ehrenamtlich als Präsident des DRK-Kreisverbandes Chemnitz. Damit war naheliegend, dass die Wahl für die Studie mit Neteera auf das DRK-Pflegeheim an der Fritz-Fritzsche-Straße fällt. Es ist nach der Universitätsklinik Halle die zweite Einrichtung in Deutschland, an der das System der Israelis zum Einsatz kommt.
In Deutschland ein Novum, in Amerika Standard. In den USA werden Neetera-Sensoren bereits in 40.000 Kliniken und Pflegeeinrichtungen eingesetzt. In Europa komme das System beispielsweise in der Slowakei und in seiner Heimat Italien zur Anwendung, sagt Contini.
Daten bleiben in Europa
Und was ist mit Datensicherheit? Die Daten der Bewohner des DRK-Pflegeheims werden vor der Übertragung im Gerät codiert und in einer Cloud in Frankfurt ausgewertet, bevor sie auf den Dashboards der Schwestern in Chemnitz landen. „Die Informationen bleiben in Europa, das System hat den höchsten Zertifizierungsgrad für gesundheitliche Daten“, sagt der Italiener.
Im DRK-Pflegeheim soll die Sensor-Technik zunächst ein halbes Jahr in der alltäglichen Praxis getestet werden. Danach wollen Professor Schaal und sein Team die Forschung auf den ambulanten Bereich ausweiten. Der Wissenschaftler könnte sich vorstellen, dass durch die Geräte Menschen in ihrem zu Hause mehr Sicherheit geboten und sie dadurch länger in den eigenen vier Wänden bleiben könnten. (cma)





