Chemnitz
Neue Stolpersteine in Chemnitz verlegt: Nachfahren von einstigem Schocken-Chef reisen aus Neuseeland an

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23 der symbolischen Messingplatten des Künstlers Gunter Demnig sind am Mittwoch im gesamten Stadtgebiet verlegt worden. Einer erinnert an Siegfried Strauss, der in den 1930er-Jahren das berühmte Kaufhaus leitete.

Chemnitz.

Ihre Vorfahren waren in der Zeit des Nationalsozialismus offenbar so weit weg von Deutschland geflohen, wie es nur irgendwie ging. „Wenn Sie eine Nadel von Chemnitz aus durch den Globus stecken würden, würde sie in Neuseeland herauskommen“, sagt Helen Strauss, deren Großvater Siegfried Strauss von 1935 bis 1938 das ehemalige Kaufhaus Schocken am heutigen Stefan-Heym-Platz leitete und deren Vater in Chemnitz zur Schule ging.

Wegen seiner Expertise in der Herstellung von Strümpfen erhielt Siegfried Strauss für seine Frau und seine beiden Kinder Visa für Neuseeland. Seine Enkeltochter Helen wurde selbst im dortigen Wellington geboren. Ihre Familie hat mittlerweile wieder einen deutschen Pass, Tochter Claudia absolviert gerade an der Charité in Berlin ein Praktikum im Rahmen ihres Medizinstudiums. So haben sie wieder eine Verbindung nach Deutschland aufgebaut.

Für die Verlegung der vier Stolpersteine für Siegfried Strauß, seine Ehefrau Dina (geborene Spiro) und ihre beiden Kinder vor dem Archäologiemuseum Smac ist Helen Strauss mit ihrem Mann extra aus Neuseeland angereist. „Wir sind erstaunt, was für ein großartiges Museum heute aus dem Kaufhaus geworden ist.“

Auch Stolpersteine für Sinti und Roma

Am Mittwoch wurden insgesamt 23 dieser quadratischen Tafeln des Künstlers Gunter Demnig im Stadtgebiet verlegt. Die Tour startete 9 Uhr vor der Oper mit einer Rede des Oberbürgermeisters. „Sie sind zwar nur 10 mal 10 mal 10 Zentimeter groß, aber sie stehen jeweils für ein großes Leben“, sagte Sven Schulze über die mit Innschriften verzierten Messingsteine, die seit 2007 jährlich in Chemnitz verlegt werden.

Vor der Oper wurde ein Stolperstein für Anton Richard Tauber zwischen zwei Steinplatten vor dem Eingang eingefasst. Tauber war von 1912 bis 1930 Generalintendant der Vereinigten Stadttheater in Chemnitz. Angesichts heftiger Auseinandersetzungen in der Stadt um die Kultur- und Theaterpolitik verzichtete er 1930 auf eine Verlängerung seines Vertrages. 1936 ging er nach Italien, später in die Schweiz. Mit den Stolpersteinen soll auch daran erinnert werden, wie eng jüdisches Leben mit dem kulturellen Leben der Stadt verbunden ist, sagte OB Schulze.

Ein weiterer Stolperstein erinnert jetzt vor der Oper an Anton Richard Tauber, von 1912 bis 1930 Generalintendant der Vereinigten Stadttheater in Chemnitz.
Ein weiterer Stolperstein erinnert jetzt vor der Oper an Anton Richard Tauber, von 1912 bis 1930 Generalintendant der Vereinigten Stadttheater in Chemnitz. Bild: Andreas Seidel

Erstmals wurden am Mittwoch auch Stolpersteine für Sinti und Roma verlegt, die ebenfalls während des Nationalsozialismus in Deutschland systematisch verfolgt und ermordet wurden. So befinden sich jetzt auch zwei Stolpersteine für die Eheleute Hoff in der Altendorfer Straße 17. Der Musiker Hugo Hoff wurde im Juni 1938 inhaftiert und befand sich bis zu seinem Tode am 25. Februar 1940 im Konzentrationslager Buchenwald. Seine Frau Martha Hoff, geborene Braun, wurde am 25. September 1943 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

In den Fußweg Walter-Oertel-Straße 24 wurde ein Stolperstein für Johannes Strauch eingesetzt. Aufgrund einer geistigen Behinderung konnte er die Andréschule nur bis 1936 besuchen. Seit September 1943 befand er sich in der Landesheilanstalt Großhennersdorf, wo er wenige Monate später umgekommen war.

Der Historiker Jürgen Nitsche hat viele Jahre über die Geschichte der Juden in Chemnitz geforscht.
Der Historiker Jürgen Nitsche hat viele Jahre über die Geschichte der Juden in Chemnitz geforscht. Bild: Andreas Seidel

Ausstellung im Rathaus

Hanna Wertheim hatte am Mittwoch ebenfalls eine lange Reise hinter sich. Die Israelin aus der Partnerstadt Kirjat Bialik ist nicht nur wegen der Verlegung der Stolpersteine nach Chemnitz gekommen. Sie hat am Nachmittag eine Ausstellung mit Bildern von israelischen Kindern im Rathaus eröffnet. Damit soll die Brücke zwischen den Partnerstädten gestärkt werden. „Im nächsten Jahr sollen Bilder von Kindern aus Chemnitz in Kirjat Bialik ausgestellt werden“, sagt sie.

Der Austausch zwischen den beiden Städten lebt. Nach dem Überfall der Hamas auf Israel im Oktober hat die hiesige Jüdische Gemeinde Geld für Kindergärten gespendet. „Sieben Kindergärten in Kirjat Bialik haben keine Schutzräume, in denen sich die Kinder bei Raketenangriffen in Sicherheit bringen können“, sagt Vorsitzende Ruth Röcher. Deshalb hätten die Chemnitzer bisher fast 35.000 Euro gesammelt. Am Mittwochabend sollten durch ein Benefizkonzert des Chores der Jüdischen Gemeinde weitere Spenden gesammelt werden. (cma)

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