In die Raucher-Saloons geht es durchs Treppenhaus

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:
Steinpleis.

Der Kindergarten "Zwergenland" in der Freistraße Nummer 2 war einst die um 1910 erbaute Villa der Fabrikanten Roth. 1954 wurde sie als kommunaler Kindergarten eröffnet. Mit dieser Nutzung erhielt die Villa 1983/84 schließlich noch einen linksseitigen Anbau. Schräg gegenüber vom Kindergarten befindet sich das Gelände der Tiefbaufirma Schulz, in deren Hof- Bepflasterung eine riesige Windrose eingearbeitet ist. Das Firmengebäude gehörte mit zur ehemaligen Pappenfabrik und war dessen Maschinen- und Kesselhaus. Reste des ehemaligen Schornsteins sind auch noch erkennbar. Das nachfolgende Gebäude, Freistraße 1A, diente einst als Verwaltungsgebäude der Pappenfabrik. Es wird heute als Wohnhaus genutzt.

Bauhistorisch interessant ist das anschließende, im Grundstück etwas zurück gesetzt stehende kleine Häuschen mit der Anschrift Freistraße 1. Auffallend im gelb-grünen Farbton gehalten, steht es schon seit längerem ungenutzt. Das war nach dem Erstem Weltkrieg völlig anders. Denn mit dem damals aufkommenden Autoverkehr war es üblich, dass sich Fabrikanten von einem Bediensteten chauffieren ließen. Auto und Chauffeur sollten sich dabei in ständiger Reichweite befinden. So ließ der Fabrikbesitzer Arthur Roth 1929 direkt gegenüber seiner Villa einen "Autoschuppen" mit darüberliegender Chauffeurwohnung bauen. Die großzügig gestaltete Garage bot mehreren Autos Platz.

Nach diesem Grundstück mündet die Freistraße in die heutige Hauptstraße. Direkt gegenüber führt ein Wanderweg in das "Rote-Berg-Gelände". In einer der Schluchten soll die sagenhafte "Braupfanne" vergraben sein, die mit ihren angeblich wertvollen Inhalten schon unzählige Schatzsucher angelockt hat.

Die Hauptstraße führt nun nach links zum nahen Ortsausgang von Steinpleis. Hier markieren die Pleiße und die darüber führende Brücke die Steinpleiser Flurgrenze. Am linken Flussrand sind noch Reste einer ehemaligen Textilfabrik zu sehen, die 1878 von Hermann Kießling als Vigognespinnerei erbaut wurde. Von August Roth im Jahr 1900 übernommen, erfolgte später die Weiterführung durch Arthur und Felix Roth. Nach deren Enteignung wurden ab 1952 die Gebäude für Lagerzwecke vom Werdauer VEB Alwo genutzt. Die Verbindung beider Fabrikteile ist auch heute noch an einer schmalen Flussüberbrückung erkennbar. 1997 musste nach mehrfachen Einstürzen die alte Fabrik abgerissen werden.

Die Straße von Werdau nach Zwickau durch Steinpleis war nicht immer so gut ausgebaut wie heute. Jahrhunderte lang war sie nur ein unbefestigter Weg, der dem Tal der Pleiße folgte, ohne dass dabei Brücken die Flussüberquerungen erleichterten. So auch noch Mitte des 19. Jahrhunderts. Pferdefuhrwerke waren auf Furten angewiesen. Mehrere kleinere Holzbrücken standen zur Verfügung, konnten aber nur von Fußgängern genutzt werden. Erst 1859 erfolgte schließlich der Bau der Straßenbrücke am Übergang von Werdau nach Steinpleis.

Eine erste ordentliche Straßenbefestigung wurde von 1924 bis 1926 ausgeführt. Die Pflastersteine hielten solange, bis sowjetische Panzer 1968 wegen der Krise in der Tschechoslowakei auch durch Steinpleis fuhren. Eine Grunderneuerung erfolgte von 1970 bis 1972.

Mit der Erschließung des Wohngebietes "An der Brauerei" im Jahr 1991 wurde eine neue Straße gebaut, die nun auch eine bessere Zufahrt zur zwischen 1929 und 1933 errichteten Randsiedlung ermöglicht. Das folgende große Grundstück gehörte einst zur Brauerei Robert Popp, die 1891 erbaut und bis Ende 1937 betrieben wurde. Nach langem Leerstand fanden 2009/10 im gesamten Brauereikomplex umfangreiche Umbauarbeiten statt.

Bis zum Abzweig Ruppertsgrüner Straße folgen nun weitere Gebäude. Das heute äußerlich bescheiden wirkende Gebäude Nummer 25 hat jahrzehntelang eine wichtige gastronomische Rolle gespielt. Der Fleischer Friedrich August Seifert betrieb hier seit den 1870er-Jahren in seinem einstöckigen Häuschen einen Schlachtbetrieb und eine einfache Schankwirtschaft. 1893 ließ Seiferts Witwe Anna anbauen. Ein zweites Stockwerk kam ebenfalls dazu. Die Restauration wurde vergrößert und im Obergeschoss Gesellschaftsräume eingerichtet. Auf der linken Hausseite entstand ein Geschäft "Material- Waren-Cigarren". Der Zugang zu den Gasträumen befand sich in der Hausmitte und die oberen Räume mit den "Raucher-Salons" erreichte man über das Treppenhaus.

Der nächste Besitzer Emil Schöniger nannte das Restaurant um 1898 "Deutschen Eiche". Auf einer alten Ansichtskarte, geschrieben 1912, sind die beiden Straßeneingänge und der Mansardengiebel gut zu erkennen. Die Familie Schöniger betrieb das Restaurant bis um 1910. Dann wurde es von Kurt Popp übernommen. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg erhielt das Restaurant den Namen "Schloßschänke". Ende der 1950er-Jahre schloss die Gaststätte, die ehemaligen Gasträume wurden für Wohnzwecke ausgebaut. Bereits seit 1923 war in diesem Gebäude eine Postagentur, die von 1947 bis 1960 als Postamt Steinpleis weiterbetrieben wurde.

Heute sind die vorderen Hauseingänge des als Wohnhaus genutzten Gebäudes vermauert. Verzierungen an Simsen, Fenstern und Giebeln wurden entfernt. Lediglich der prächtige Walnussbaum an der Einfahrt erinnert noch an damalige Zeiten. Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Festschrift Steinpleis 1954; 675 Jahre Steinpleis 1993, Adressbücher.

...
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.