Saß August Horch beim Ausflug selbst am Lenkrad?

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Langenhessen.

Am Ende des Gewerbegebiets zieht ein alter amerikanischer Schulbus die Aufmerksamkeit der meisten Passanten auf sich. Er gehört zu dem nach 1990 eröffneten Diner-Restaurant "Malibu", das zusätzlich zu seinen Innenräumen mit einer Außengastronomie lockt. Wenige hundert Meter weiter steht auf der rechten Straßenseite ein Gebäudekomplex, der einst den gastronomisch-kulturellen Mittelpunkt in Langenhessen verkörperte.

Neben weiteren Gasthöfen im Ort, die ebenfalls Tanzsäle besaßen, war der hier ehemals betriebene "Gasthof Langenhessen" etwas Besonderes. Der Besitzer Paul Dinter warb 1912 mit einer Anzeige: "Größte Gaststätte im Ort - 20 (Geh-)Minuten von der Eisenbahn-Haltestelle Werdau-Nord entfernt gelegen - Großer schattiger Garten mit Veranda - Gute Küche und mäßige Preise - Im Sommer jeden Sonntag Gartenkonzert und Tanzvergnügen".

Der Vorläufer dieses Gasthofes gehörte mit dem Gasthof "Wartburg" am Mittelweg zu den ersten beiden im Jahr 1854 in Langenhessen eröffneten Schankwirtschaften. Als sogenannter "Müllerscher Gasthof" avancierte er recht schnell zur angesagtesten Adresse im Ort. Bereits 1860 wurde das ursprünglich genutzte eingeschossige Gebäude umgebaut und mit einem Tanzsaal erweitert. Zur Einweihung der neuen Lokalität lud der Besitzer Christian Friedrich Müller seine Gäste zur Bewirtung mit feinem Werdauer Lagerbier, Karpfen, Hasen- und Gänsebraten ein.

Schon in den Anfangsjahren nutzten Vereine den "Müllerschen Gasthof". So gründete sich hier 1869 der Taubenzüchterverein. Anfang der 1870er-Jahre übernahm die Familie Dinter den Gasthof. Die von ihr ausgerichteten "Kirmeßfeste" waren in der Folge ein bleibendes Ritual. 1887 wurde Auguste Mathilde verw. Krauß neue Gasthofbesitzerin.

Am 20. August 1893 brach im Gasthof ein Großbrand aus, der den Tanzsaal so beschädigte, dass dieser abgebrochen werden musste. Die Besitzerin beschloss einen sofortigen Neuaufbau des Wohn- und Gaststättengebäudes einschließlich der Errichtung eines neuen Tanzsaals. Der Neubau des Vordergebäudes wurde durch einen Flachbau mit dem neuen Tanzsaal verbunden. Im Mai 1894 konnte der Besitzerin behördlicherseits die Bezugsfertigstellung bescheinigt werden.

1895 wurde erneut die Familie Dinter Gasthofbesitzer. Der Gasthof erhielt nun den Namen "Gasthof zu Langenhessen". Der Freiwilligen Feuerwehr zugeneigt, ließ die Familie 1901 am Hintergebäude einen neuen Steigerturm erbauen. Wegen Baufälligkeit musste er 1970 abgebrochen werden. Die Dinters hatten mehrere Kinder. Sohn Emil betrieb im gegenüberliegenden Haus eine Fleischerei (später Erich Kuhn), Sohn Paul übernahm den Gasthof, anfangs zur Pacht, ab 1905 als alleiniger Eigentümer. Mit ihm war vor allem die weitere kulturelle Entwicklung des Gasthofs in den Folgejahrzehnten eng verbunden.

Der zum Gasthof gehörende schattige Obstgarten bot im Sommer bei Kaffee und Kuchen oder einem kühlen Bier beste Erholung. Eine im rechten Winkel erbaute Gartenveranda bot dabei zusätzlich Schutz vor Wetterunbilden. Zu den wöchentlich im großen Festsaal aufgeführten Theaterstücken kamen Konzerte auch im angrenzenden Freigelände des Obstgartens hinzu. Dabei gab auch die Militär-Kapelle des in Werdau stationierten "Ersatzregiments 105" Kostproben ihres Könnens. Zudem gab es eine 1920 wegen Baufälligkeit wieder abgebrochene Kegelbahn.

Auf der abgebildeten Ansichtskarte von 1916 ist das große Gasthaus-Gebäude zu sehen. Hinter den Bäumen ragt der Tanzsaal heraus und rechts am Rand erkennt man einen Teil der Gartenveranda. Im Vordergrund fährt ein mit drei Personen besetztes Auto. Dieses Fahrzeug wurde vermutlich in die Ansichtskarte "einmontiert", denn es stellt einen Audi Typ C Phaeton dar, mit dem August Horch zu dieser Zeit zum "Gasthof Langenhessen" gefahren sein soll. Sitzt Horch eventuell sogar am Lenkrad? Horch besuchte jedenfalls nachweisbar Langenhessen und wahrscheinlich auch den Gasthof. Überliefert ist, dass er einigen Anwohnern persönlich signierte Ausgaben seines Buches "Ich baute Autos" übergab.

Um den in den 1920er-Jahren verstärkt aufkommenden Pkw-Verkehr Rechnung zu tragen, ließ Dinter sogar eine Benzin-Zapfsäule aufstellen. Später wurde dazu noch eine ständige Bushaltestelle eingerichtet. 1930 setzte sich Dinter für den Bau einer Klein-Kaliber-Schießanlage ein. Standort wurde die Wiese hinter dem gegenüberliegenden Sportplatz. 1933 übernahm Walter Dinter die Geschicke des Gasthofs. Er baute das Gebäude und Teile des Zwischenbaus zu einem Hotel aus und fügte für die Hotelgäste Autogaragen und mehrere Parkplätze hinzu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann Dinter sofort wieder mit der Bewirtschaftung des Hotels und der Aufnahme des Tanzbetriebes. Nach dem plötzlichem Ableben Dinters 1956 führte seine Witwe Käte den Gasthof weiter. 1958 übernahm der Konsum den Betrieb in Kommission, ehe die Gemeinde Anfang der 1960er neuer Eigentümer wurde. Es folgten mehrere Umbauten und Modernisierungen. Der große Saal wurde als Kultur- und Schulturnhalle genutzt. Die Gaststätte war dabei noch bis 1971 geöffnet.

In die ehemaligen Gasträume zog 1972 der Schulhort ein. Die Veranda wurde 1974 abgebrochen, aus dem Obstgarten wurde ein Schulgarten. 1991 erfolgte die Rückübergabe des Objektes an Dinters Erben. Eine gastronomische Nutzung wurde von ihnen aber nicht mehr geplant. 1992 entfiel die Objektnutzung als Schulhort, Turnhalle und Schulgarten. 1993 wurde der alte prächtige Tanzsaal abgebrochen. Spätere Bestrebungen den "Dinter" erneut als Sport- und Kulturzentrum aufzubauen, schlugen fehl. Auf der Freifläche stehen heute Mehrfamilienwohnhäuser. Das Vordergebäude wurde zu einem kombinierten Wohn- und Dienstleistungszentrum umfunktioniert.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Ortschronik Langenhessen.

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