Wie behindertengerecht ist die Tuchfabrik in Crimmitschau?

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Ein Mitglied des Blinden- und Sehbehindertenverbandes hat das Museum und den Weg dahin getestet. Das Urteil fällt unterschiedlich aus.

Crimmitschau.

André Brendle hat nur noch ein Sehvermögen von acht Prozent und kann gerade einmal zwischen hell und dunkel unterscheiden. Mit seiner Behinderung kommt der 43-Jährige gut klar und will seine Erfahrungen, die er als Blinder im Alltag macht, anderen vermitteln. Deshalb ist Brendle auch im Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen tätig. Fachleute schätzen seine Meinung. Als 2020 das alte Spinnereigebäude der Tuchfabrik Gebr. Pfau in Crimmitschau für die Landesausstellung zu einem Museum umgestaltet wurde, brachte Brendle seine Vorschläge ein, sodass ein Besuch des Gebäudes nun auch Menschen mit Behinderungen möglich ist. Wurden seine Vorschläge umgesetzt? Am Dienstag weilte er zum ersten Mal nach Abschluss des Umbaus wieder in der Tuchfabrik. Sein Urteil.

Anreise: André Brendle wohnt in Zwickau und nutzte auf dem Weg nach Crimmitschau die S-Bahn. Am Bahnhof angekommen, musste der 43-Jährige die ersten Hürden nehmen. "Der Weg zur Bushaltestelle führt über Pflastersteine, die für Behinderte ungeeignet sind. Es gibt keinerlei Orientierungshilfen zu den jeweiligen Haltestellen. Vor dem Gebäude stehen Blumenkästen. Die sind gut gemeint, für Blinde jedoch ein Hindernis", sagt Brendle. Das nächste Problem: Seine S-Bahn kam 8.41 Uhr in Crimmitschau an. Zeitgleich fuhr vor dem Bahnhof der Bus Richtung Tuchfabrik. "Die Distanz ist selbst für Menschen ohne Einschränkungen nicht zu schaffen. Hier gilt es, die Fahrpläne besser abzustimmen", sagt Brendle. Seine Erfahrungen will er dem Verkehrsverbund mitteilen.

Ankunft: Die Bushaltestelle befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite des Museums. "Der Weg führt über eine recht stark befahrene Straße. Dagegen sind kaum Fußgänger unterwegs, die beim Überqueren helfen könnten. Es fehlen im Boden eingelassene Orientierungshilfen. Der Weg bis zum Eingang des Museums ist dadurch recht beschwerlich", lautet Brendles Urteil. Er sieht hier die Stadtverwaltung in der Pflicht, um die vorhandenen Defizite zu beseitigen. "Wenn mein Rat benötigt wird, helfe ich gern."

Museum: Direkt am Eingang zum Gelände beginnt ein im Fußboden eingebauten Leitsystem, das die Orientierung erleichtert. Vor dem Eingang zur ehemaligen Spinnerei steht ein Modell des Museums, das mit Blindenschrift versehen ist und durch Abtasten der Gebäude einen ersten Eindruck vom Museumsgelände vermittelt. Die Aufgänge im Haus sind ebenfalls mit einen Leitsystem ausgestattet. An der Kasse erhalten Sehbehinderte auf Wunsch einen sogenannten Tastplan, auf denen die jeweiligen Etagen mit den dort vorhandenen Einrichtungen enthalten sind und erklärt werden. Im 2. Obergeschoss ist eine Tast- und Hörstation vorhanden, die Behinderte leicht handhaben können. "Ein Museum muss für Besucher, egal ob sie behindert sind oder nicht, erlebbar sein. Das ist in der Tuchfabrik der Fall."

Fazit: Die Umsetzung des Behindertenkonzeptes in der Tuchfabrik findet Brendle gelungen. "Man kann immer noch etwas besser machen, aber insgesamt können sich Menschen mit Behinderungen im Gebäude gut orientieren und bekommen die Inhalt auch gut vermittelt." Brendle will das Objekt dem Verband für einen Besuch empfehlen.

Meinung des Museumschef: "Das Urteil ist für uns als Haus sehr wichtig, weil wir die Dinge oftmals aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen. Wo wir im Gebäude noch etwas verbessern können, werden wir es tun", sagt Philip Kardel, der Leiter der Einrichtung.

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