Wilde Raufereien nach Saufgelage im "Löwen"

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Steinpleis.

Von den Höhenzügen rings um Steinpleis hat man einen wundervollen Blick auf den langgestreckten Ort. Dabei entdeckt man jeweils auf den gegenüberliegenden Hängen die meist als Vierseitenhof angelegten alten Bauernhöfe und die unterhalb stehenden Häusler- Gebäude. Mittlerweile sind die ehemals als Felder und Wiesen genutzten freien Flächen zwischen und hinter den Gütern mit Wohnhäusern so bebaut, dass der Eindruck eines so schon immer vorhandenen Zustandes entsteht.

Dabei ist von der ursprünglichen Besiedlung des Ortes kaum mehr etwas zu erkennen. Große gründerzeitliche Wohn- und Geschäftshäuser in den Seitenstraßen und im tief eingeschnittenen Tal vermitteln zusätzlich einen gewissen städtischen Eindruck. Die in den vergangenen Jahrzehnten durch moderne Wohnbebauung zusätzlich ergänzten Gemeindefluren scheinen auch in versorgungstechnischer Hinsicht bestens strukturiert zu sein. Was man aber von Weitem nicht erkennt, bemerkt man erst bei einer Orts-Durchfahrt in Richtung des am Rande des Ortes liegenden Einkaufszentrums.

Dieses nach der Wende aus dem Ort ins Einkaufszentrum "auf der grünen Wiese" verlagerte Überangebot war früher undenkbar. Dafür befand sich einst nahezu in jedem Gebäude ein Händler oder ein Gewerbe. Vieles konnte man so ganz bequem in unmittelbarer Wohnnähe kaufen. Von den ehemals überaus zahlreichen Geschäften, Werkstätten, Unternehmen und vor allem auch Bauernwirtschaften existieren heute nur noch wenige.

In den 1930er-Jahren existierten im Ort 14 Gaststätten. Heute sind es - ohne "Pleißen-Center" - zwei Gaststätten (Sportlerheim und Gaststätte im Hotel in der Mühle), dazu ein Eiscafé (am Tanzcafé Römer) und ein Bistro ("Side" in der ehemaligen Drogerie). Von damals neun Bäckereien existieren heute noch die Bäckerei Jubelt und eine Filiale der Bäckerei Kindel aus Werdau. Alle sieben ortsansässigen Fleischereien gaben mit der Zeit auf. Auch die Fleischereien, die mit Gaststätten verbunden waren - wie die von Walter Brunner in der Freistraße 12 ( neben der Gaststätte "Laudon"), von Kurt Ehrler im Gebäude Restaurant "Zur Post", Hauptstraße 92, oder von Johannes Rahnfeld im Eckladen des Restaurants "Bleibe", Hauptstraße 93. Zudem versorgten 15 Material- und Grünwaren-Händler die Bevölkerung.

In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg organisierten sich noch viele Bürger je nach Neigung oder Verpflichtung in unterschiedlichsten Vereinen. So gab es Anfang der 1930er-Jahre neben der Freiwilligen Feuerwehr noch 29 weitere kleine und große Vereine: zum Beispiel den Bürgerverein, den Brieftauben- und Kaninchenzüchterverein, die Gesangvereine "Liederkranz" und "Erholung", den Musikverein "Einigkeit", den Pfeifenklub, die Radfahrervereine "Solidarität" und "Wanderer" sowie die Schützengesellschaft. Jeder dieser Vereine hatte genügend Möglichkeiten für Zusammenkünfte in den zahlreichen Gaststätten in der Nähe des Steinpleiser Angers. Alle hatten eigens eingerichtete Gesellschaftsräume.

Den wahrscheinlich größten Anteil an den Feierlichkeiten und Zusammenkünften hatten wohl die Kameraden der freiwillige Feuerwehr. Sie trafen sich dabei meist im Gasthof "Zum Goldenen Löwen". Nach oftmals fröhlichem Gelage zechte man anschließend auch in anderen Gaststätten "bis in die Früh" weiter. Lautstarke Wortgefechte und wilde Raufereien waren an der "Tagesordnung", sodass der Dorfgendarm schon mal einschreiten musste. Eine Nacht im Gefängnis auf dem Anger bewirkte dann auch manchmal Wunder.

Die nebenstehende alte Ansichtskarte, die 1902 geschrieben wurde, zeigt einen Blick aus einem Dachbodenfenster des Cafés "Scharf" über den damaligen regen gewerblichen Bereich um den Steinpleiser Anger bis zur am oberen Bildrand sichtbaren Körner'schen Fabrik. Das Gebäude rechts beherbergte damals das Restaurant "Reichshalle". Direkt links dahinter erkennt man das Holzlager der Zimmerei Paul Martin. In der linken Bildmitte steht als Abgrenzung des Angers noch das Haus der Friseurfamilie Siegl. Es wurde 1932 abgebrochen. Der spitze Hausgiebel dahinter gehört zum damaligen Café "Zergiebel", später "Café Lehmann". Im Hintergrund, etwa in Bildmitte, zeigt sich halbrechts unterhalb des Giebels der Körner'schen Fabrik das Dach des uralten "Gasthofs Steinpleis". Ganz rechts am Horizont erkennt man schemenhaft die breite Sudhausesse der Popp'schen Brauerei.

Im Vergleich zum aktuellen Bild hat sich vieles entscheidend verändert. Auf dem Bildausschnitt, der etwas vergrößert ist, sieht man rechts den ehemaligen Gasthof "Zum Löwen". Direkt darüber erkennt man das große Sport- und Gaststättengebäude "Turnhalle", für dessen Sanierung der eigens gegründete Verein "Zur Erhaltung der Turnhalle" weiter kämpft. Den linken unteren Bildbereich nimmt das Gelände der Firma Landtechnik Schmidt ein. In der Mitte hat sich hinter Bäumen die frühere Gaststätte "Reichshalle", heute ein Wohnhaus, versteckt. Am linken Horizont leuchtet der Komplex der ehemaligen Körner'schen Fabrik, später Warenhaus und heute Wohngebäude, heraus. Auch der Giebel des ehemaligen "Café Lehmann" zeigt sich ganz schmal auf der linken Seite. Und noch weiter hinten, rechts hinter den Bäumen, gibt es neben dem noch geschlossenen Tanzcafé "Zum Römer" wieder Eis im "Eiscafé im Römer" zu schlecken.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Adressbuch Werdau und Umgebung 1934.

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