Wo im Biergarten geturnt wurde

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Langenhessen.

Unmittelbar entlang der Pleiße schlängelt sich der oft sehr schmale Mittelweg im Werdauer Ortsteil Langenhessen vorbei am Gasthaus "Pleißenburg" (Folge 135). Am besten spürt man den hier noch vorhandenen ursprünglich dörflichen Charakter des Ortes, wenn man diesen Weg zu Fuß bewältigt. Vorbei an alten Bauernhöfen und den vorgebauten, mit auffällig verziertem Fachwerk versehenen Gebäuden, spaziert man entspannt wie in einer anderen Zeit. Viele der Häuser sind inzwischen restauriert, ohne dabei ihren idyllischen Charme zu verlieren. Auf Flächen zwischen altem Gebäudebestand haben sich neuere Einfamilienhäuser harmonisch eingefügt. Gesäumt von uraltem, mächtigen Baumbestand wird der Mittelweg auch gern von Radfahrern genutzt. Einige an den Mittelweg grenzende Grundstücke sind zur Crimmitschauer Straße zugeordnet. Dazu gehört auch ein großer Vierseitenhof. Links am Eingang dieses Anwesens befindet sich eine hölzerne Schautafel, an deren rechter Seite eine kleine gusseiserne Glocke hängt. Etwa 100 Meter weiter gelangen wir an ein Wiesenstück, schräg gegenüber von Hausnummer 43/43A. Von diesem Standpunkt aus haben wir einen freien Blick hinüber zur Dorfstraße, erblicken das mächtige Schulgebäude und links davon einen sanierten Gründerzeitbau, der am Hang schräg oberhalb einer Baulücke steht. Bis 2020 stand in dieser Lücke an der Dorfstraße, nach dem Abzweig zur Straße Am Schulberg, ein betagter Gebäudekomplex, der eine interessante gastronomische Geschichte aufwies.

Auf dieser Fläche stand noch bis zum vorigen Jahr ein Gebäudekomplex, in dem bis Anfang der 1920er-Jahre das Restaurant "Zum Rosenthal" betrieben wurde. Um 1880 lässt sich Carl Friedrich Schmidt dort an der Dorfstraße ein Gebäude mit der damaligen Hausnummer 136, später Nummer 90, erbauen. Nach dessen Fertigstellung richtete Schmidt eine Schmiedewerkstatt ein. Um sein Auskommen abzusichern, betrieb er zusätzlich zu seinem Handwerk eine kleine Schankwirtschaft. Ab 1885 wird der Schmiedemeister Johann Werner neuer Besitzer. Er erweiterte die Schankwirtschaft mit einer Schlachtanlage einschließlich Verkaufsladen, richtete im Gebäude im Obergeschoß Fremdenzimmer ein und fügte im Nebengebäude Pferdeställe hinzu. Die Schankwirtschaft betrieb Werner bis 1893.

Mit dem neuen Besitzer Emil Gäbler erhielt die Schankwirtschaft schließlich ab 1893 den Namen Restaurant "Zum Rosen-Thal". Der Name stammt wahrscheinlich von Gäblers Rosenzucht, mit der er sich im direkt an die Pleiße grenzenden Garten befasste. Zum Restaurant gehörte zudem ein Gartenbereich mit Kegelbahn und einem kleinen Turnplatz, wo Kletterstangen, Reck und Barren aufgestellt waren. Eine bauliche Ergänzung des Restaurants erfolgte durch Richard Spohn, der ab 1903 neuer Besitzer wurde. Spohn erweiterte durch einen flachen Anbau auf der rechten Seite das Restaurant um weitere Gasträume. Damit verschwand aber der einstige Biergarten einschließlich der Turnmöglichkeiten. Als Ausweichort platzierte Spohn die Turngeräte vor das linke Nebengebäude.

Als Spohn 1911 das Restaurant aufgab, übernahm im Anschluss der bereits im Haus wohnende Rudolf Schierig das Restaurant "Zum Rosenthal". Die Ansichtskarte aus dem Jahr 1912 zeigt einen Blick vom Mittelweg auf das sich mittig der Karte befindliche Restaurant, den linksseitigen Turnbereich und auf das rechts stehende Schulgebäude. Auf der linken unteren Seite erkennt man das Pleißen-Wehr, von dem vormals der Mühlgraben zur Schneidermühle abzweigte. Den unteren mittleren Bereich der Karte nimmt der an die Pleiße grenzende Rosengarten ein.

Wie in der aktuellen Aufnahme zu erkennen ist, befindet sich heute an dessen Stelle ein Wohnhaus. Schierig bewirtschaftete das Restaurant bis 1921. Dann wurde es endgültig geschlossen. Bereits 1922 wurde schließlich der Flachanbau wegen Baufälligkeit abgebrochen. Im Anschluss wurde das Gebäude vorwiegend für Wohnzwecke genutzt. Interessant ist auch das bereits erwähnte Gebäude links oberhalb der heutigen Baulücke. Seit einigen Jahren für Wohnzwecke saniert, befand sich hier Am Schulberg, Hausnummer 1, von etwa 1900 bis um 1912 die Graupnersche Brauerei. Nachdem der Besitzer Heinrich Graupner vergeblich versucht hatte, nach geeignetem Wasser zu bohren, musste er schließlich die Brauerei wieder aufgeben.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Ortschronik Langenhessen.


Zum Gasthaus "Pleißenburg"

Nachkommen der einstigen Gastwirtschaftsfamilie Kändler haben Unkorrektheiten aus Folge 135 berichtigt. Als Williy Kändler 1946 tödlich verunglückte, übernahm seine Witwe Hertha bis 1964 die weiteren Geschäfte. Horst Kändler betrieb ausschließlich die anliegende Schmiede. Nach dessen Ableben 1963 übernahm seine Witwe Lisa zusammen mit Bernd Hamberger, ihrem Ehemann, 1965 die renommierte Gaststätte. (puch)

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