Einbrecher nehmen Tankstelle ins Visier

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AKTE WESTSACHSEN Die "Freie Presse" blickt auf spektakuläre Straftaten aus der Vergangenheit zurück. Heute: Eine Einbruchserie - bevorzugt in eine Glauchauer Tankstelle- sorgte für Aufregung.

Glauchau.

Am 7. April 1967 endete der Arbeitstag für den Tankwart Heinz Schmidt mit Ärger. Der 52Jahre alte Mann hatte sich von zwei Unbekannten anderthalb Stunden vor Ende der Öffnungszeit dazu überreden lassen, ihnen fünf Liter Benzin zu leihen. Die beiden Männer seien mit ihrem Auto liegen geblieben, weil ihnen der Sprit ausgegangen war und seien daher zur Muldetankstelle an der Dr.-Külz-Straße gelaufen. Nachdem die Männer versprochen hatten, bis 18 Uhr zurückzukommen, hatte der Tankwart ihren mitgebrachten Kanister nach einigem Zögern gefüllt.

Inzwischen war es bereits 18.20 Uhr, von den Fremden aber war nichts zu sehen. Der Tankwart der Minol-Tankstelle wollte gerade nach Hause gehen, als ein grauer Barkas B 1000 in die Tankstelle einbog. Schmidt atmete auf. Die Unbekannten tankten noch 70 Liter Benzin, woraus der Tankwart schloss, dass der Tank tatsächlich leer gewesen sein musste.

Schmidt hätte die Angelegenheit sicher wieder vergessen, wenn er nicht am nächsten Morgen, einem Samstag, gegen 7.15Uhr an der Tankstelle ein aufgebrochenes Fenster entdeckt hätte. Der Leutnant der Kriminalpolizei Mike Schubert war mit einem großen Aufgebot schnell vor Ort. Auch ein Fährtenhund kam zum Einsatz, der jedoch erfolglos wieder abzog. Immerhin war es nicht der erste Einbruch in dieser Zeit in Glauchau. Erst wenige Tage zuvor hatten Einbrecher nachts die HO-Verkaufsstelle "Menü-Laden" an der Dr.-Friedrichs-Straße heimgesucht und 6000 Zigaretten, sechs Kilogramm Bohnenkaffee, elf Flaschen Weißwein, zwei Flaschen Johannisbeerlikör und Pralinen mitgenommen. Bereits zuvor hatten sie sich in der HO-Gaststätte "Vaterland" in der gleichen Straße kiloweise mit Bockwurst, mehreren Flaschen Schnaps und acht Kisten Bier eingedeckt. Skurril nimmt sich dagegen der Diebstahl von mehr als 20 Teilen Damenunterwäsche aus, die direkt von einer Wäscheleine verschwanden.

An der Tankstelle hatten sich die Einbrecher am Tresor zu schaffen gemacht - der hatte jedoch standgehalten. Die Täter mussten daher ohne Beute flüchten. Immerhin hatten im Tresor mehrere Tausend Mark Bargeld, die Einnahmen von zwei Tagen, gelegen. Schubert stellte sich die Frage, wer alles von dem Tresor wusste. Da fielen Heinz Schmidt die jungen Männer vom Vortag wieder ein. Sie hatten gesehen, wie er den Scheck, mit dem sie bezahlt hatten, in den Tresor gelegt hatte. Nachdem umfangreiche Befragungen im Umfeld der Tankstelle keine Hinweise auf die Täter erbrachten und alle "üblichen Verdächtigen" entweder in Haft saßen oder ein Alibi hatten, konzentrierte sich der Leutnant vom Volkspolizeikreisamt Glauchau auf die mysteriösen Fremden. Immerhin hatten er mit dem Scheck eine erste Spur. Ausgestellt war er auf den VEB Deutsche Spedition Erfurt Abteilung Gütertaxi. Die Ermittlungen der Erfurter Kripo waren allerdings ernüchternd. Zwar hatte man mit Lars Pfeiffer den Namen des Fahrers des Wagens, aber der graue Barkas hatte 21 Uhr auf den Betriebshof in Erfurt gestanden. Konnten die beiden Männer noch einmal zurückgefahren sein? Leutnant Schubert hielt das für möglich, zumal der 26 Jahre alte Lars Pfeiffer wegen Benzindiebstahl vorbestraft war. Aber wer war der zweite Mann? Laut Fahrauftrag hätte Pfeiffer allein unterwegs sein müssen. Er hatte eine Theke für eine Gaststätte in Wurzen abzuliefern. Glauchau lag da nicht an der Wegstrecke. Tankwart Schmidt war sich aber nicht sicher, ob Pfeiffer der Mann war, als ihm ein Foto vorgelegt wurde. "Ich würde ihn erkennen, wenn er in der gleichen Kleidung wie damals vor mir steht", sagte er.

Nach einigem Zögern gab Lars Pfeiffer zu, am 7. April in Glauchau gewesen zu sein. Er habe einen Abstecher zu seinem Bruder Franz gemacht, der dort wohnte. Gemeinsam wollten sie nach Erfurt fahren und dort ihre Mutter besuchen. Er bestätigte auch die Aussage des Tankwartes. Den Einbruch bestritt er jedoch. Da Schubert keine Beweise hatte, musste er Pfeiffer wieder laufen lassen.

Am 30. Mai 1967 wurde der Ermittler erneut wegen eines Einbruchs zu der Tankstelle gerufen. Diesmal waren die Täter erfolgreich. Etwa 4000 Mark hatten sie mitgenommen, nachdem sie alle Behälter im Büro durchsucht hatten. Jetzt ging der Leutnant der Kriminalpolizei an die Öffentlichkeit, er schaltete die Presse ein. Doch der erhoffte entscheidende Hinweis aus der Bevölkerung blieb aus. Die Polizei befragte Taxifahrer, Gastwirte, Kellner, Goldschmiede, Zugschaffner, Verkaufsstellenleiter und weitere Berufsgruppen. Wer hat plötzlich viel Geld ausgegeben? Wer ist nicht zur Arbeit erschienen? Wer hat sich ein Auto gekauft? Wer versucht, gerade Zigaretten und Alkohol billig zu verkaufen? Selbst Prostituierte, die es offiziell gar nicht gab, wurden nach eventuellen neuen spendablen Kunden befragt. Die Befragungen brachten zwar eine Reihe von Verdächtigen, die jedoch als Täter wieder ausschieden.

Schließlich verdächtigte Leutnant Schubert auch den Tankwart Heinz Schmidt und ließ ihn observieren. Der hatte sich ein gebrauchtes Auto gekauft, für das sehr hohe Reparaturkosten anfielen, die er sich gar nicht leisten konnte. Damit gingen nach mehr als acht Monaten Ermittlungen der Kriminalpolizei die Ansatzpunkte für weitere Ermittlungen allerdings aus.

Die Akte wurde schließlich geschlossen und die Ermittlungen eingestellt. Weder die Einbrüche in die Tankstellen noch die Einbruchserie in Ladengeschäfte konnten jemals aufgeklärt werden.

Der Fall wurde nach Unterlagen rekonstruiert, die sich im Staatsarchiv Chemnitz befinden. Die Namen wurden geändert.

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