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Mäusegift im Bier führt zum Tod

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AKTE WESTSACHSEN Die "Freie Presse" blickt auf spektakuläre Straftaten aus der Vergangenheit zurück. Heute: Ein Mann hat seine Frau vergiftet, weil sie aus seiner Sicht zu verschwenderisch war.

Zwickau.

Die Statistiken zeigen es deutlich: Männer töten öfter als Frauen. Den Frauen wiederum wird nachgesagt, hauptsächlich perfide und heimlich mit Gift zu töten. Doch längst holen die Männer auf. Tatsächliche Zahlen gibt es wegen der hohen Dunkelziffer bei Giftmorden nicht. Doch Schätzungen zufolge sollen auch Männer immer häufiger beim Morden zu Gift greifen. Der Zwickauer Kaufmann Martin Heckelmüller war im Jahr 1616 möglicherweise ein Vorreiter für diese Tötungsart. Am 27. August 1616 beendete der Scharfrichter das Leben des 39 Jahre alten Kaufmannes am Galgen. Das Stadtgericht hatte ihn am Tag zuvor schuldig gesprochen, seine Ehefrau Maria mit Mäusepulver vergiftet zu haben.

Am 27.Mai 1616 war die 36 Jahre alte Frau von einer Nachbarin tot in ihrem Bett gefunden worden. Die Nachbarin hatte in den letzten Tagen immer wieder nach Maria Heckelmüller gesehen, weil es ihr nicht gut ging. Martin Heckelmüller war tagsüber unterwegs, um seine Waren zu verkaufen und kam manchmal auch mehrere Tage nicht nach Hause. Der Medicus konnte nur noch den Tod der Frau feststellen. Aber aus irgendeinem Grund schöpfte er Verdacht und informierte den Rat der Stadt über das mysteriöse Ableben der Frau. Der Rat, der auch das Stadtgericht bildete, setzte Ermittler ein, die die Hintergründe aufklären sollten.

Der Medicus wiederum brachte die Ratsherren auf die erste Spur. Er hatte herausgefunden, dass sich im Magen der Frau Bier und Mäusepulver befanden. Er ging davon aus, dass das Gift zum Tod geführt hat. Da die Ermittler einen Freitod ausschlossen, weil das Opfer als lebenslustige Frau bekannt war, lenkten sie ihre Ermittlung auf Mord. Aber wie hatte die Frau das Gift aufgenommen? Zeugen bestätigten, dass sie kein Bier trank. Der Gastwirt in der Nähe des Hauses der Heckelmüllers sagte aus, dass sich Martin Heckelmüller zwei- bis dreimal in der Woche eine Kanne Bier mit nach Hause nahm. In der Kanne fand der Medicus schließlich neben dem Gerstensaft Reste des Mäusepulvers. Die Räte unternahmen mit dem Rest an Bier einen Versuch. Sie füllten eine flache Schale damit und stellten sie im Haus der Heckelmüllers ab. Als am nächsten Tag dort mehrere tote Mäuse lagen, waren sie vom Giftmord überzeugt. Damit war Martin Heckelmüller, der einen Tag nach dem Tod seiner Frau von einer Reise nach Hause zurückkehrte, gleichzeitig ihr Hauptverdächtiger - zumal sein Entsetzen über das Ereignis von einem der Ermittler "als schlechtes Schauspiel" in den Unterlagen vermerkt wurde.

Heckelmüller stritt ab, seine Frau getötet zu haben. Vielmehr lieferte er den Ratsherren eine andere Variante. Da seine Frau kein Bier trank, könne der Anschlag folglich nur ihm gegolten haben. Die Ermittler nahmen den Hinweis ernst und gingen ihm nach. Tatsächlich hatte sich Heckelmüller in seiner Tätigkeit als Kaufmann Feinde gemacht. Doch die Räte fanden schnell den Haken an der Sache. Wieso hatte dann Maria Heckelmüller das Bier samt Gift getrunken? Die Ermittler kehrten zu ihrem ursprünglichen Hauptverdächtigen zurück und nahmen ihn in Haft. Jetzt brachte der Gefangene eine neue Theorie ins Spiel. Seine Maria habe es mit der ehelichen Treue nicht so genau genommen. Zwar konnte er den Ratsherren keine Namen nennen, aber Heckelmüller war sich seiner Sache sicher. Einer von denen müsste der Mörder seiner Frau sein. Wahrscheinlich habe sie mit ihrem Liebhaber das Bier getrunken, das er zuvor vergiftet hatte. Heckelmüller vermutete, dass dieser mehr von seiner Frau wollte, diese sich jedoch nicht von ihrem Mann trennen wollte. Die Ermittler gingen auch diesem Hinweis nach. Es entbrannte nach den erhaltenen Unterlagen sogar eine Diskussion im Rat, ob der Kaufmann nicht bis zum Beweis seiner Schuld auf freien Fuß gesetzt werden sollte. Die Befürworter dieses Vorschlages konnten sich aber nicht durchsetzen. Nachbarn und Bekannte wurden jetzt befragt. Doch ein konkreter Hinweis, dass Maria Heckelmüller einen Liebhaber hatte, fand sich nirgends. Im Rat wurde erneut über eine Freilassung Heckelmüllers diskutiert, denn weder die von ihm eingebrachten Tatversionen waren bewiesen, noch konnte er selbst als Schuldiger entlarvt werden. Die Ermittler wussten noch nicht einmal, woher das Mäusepulver stammte. Diese Frage sollte sich jedoch bald aufklären, als der Kaufmann noch eine Möglichkeit für den Tod seiner Frau ins Spiel brachte und sich dabei unbeabsichtigt selbst dem Schafott auslieferte. Maria hätte sich demnach häufig für Landstreicher eingesetzt und ihnen etwas zu Essen und Bier geschenkt. Es könne ja sein, dass einer von ihnen seine Frau vergiftet hatte, um das Geld, das sich im Haus befand zu rauben. Die Räte suchten nun nach Landstreichern, um diese zu befragen. Doch eine Maria Heckelmüller war ihnen nicht bekannt. Doch dann tauchte Niclas Brunner auf. Er war, so steht es in den Unterlagen, bei der Befragung sehr nervös. Eine Maria Heckelmüller kannte auch er nicht, dafür aber ihren Ehemann. Für ihn habe er aus einer anderen Stadt Mäusegift holen sollen. Da die Bezahlung gut war, machte er sich auf den Weg. Nach der Übergabe habe ihn jedoch ein "merkwürdiges Gefühl" befallen. Er sei, so sagte er aus, eines Abends zum Haus der Heckelmüllers geschlichen und habe durch ein Fenster geschaut. Dabei habe er gesehen, wie der Mann der Frau einen Krug Bier hinstellte. Die Frau wehrte sich dagegen, doch der Mann bestand darauf. Der Landstreicher hatte nur einige Wortfetzen verstanden. Das Bier sei wie Medizin, hörte er. Schließlich habe die Frau nachgegeben und getrunken. Drei Tage später war sie tot.

Mit dieser Aussage konfrontiert, legte Heckelmüller ein Geständnis ab. Seine Frau habe zu viel des von ihm verdienten Geldes ausgegeben. Da sie ihren Lebensstandard nicht einschränken wollte, sei er auf die Idee gekommen, sie umzubringen. Als sie eines Tages über heftige Kopfschmerzen klagte, sah er seine Chance gekommen. Er mischte das Mäusepulver in die vollgefüllte Kanne mit Bier und bot einen Krug daraus seiner Frau an. Mehrere Tage sollte sie einen Krug trinken, dann würden die Kopfschmerzen langfristig verschwinden. Die Frau gehorchte dem Rat ihres Mannes und bezahlte dafür mit dem Leben.

Der Fall wurde nach Unterlagen rekonstruiert, die sich im Staatsarchiv Chemnitz befinden.

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