Treu und brav watschelten die sechs Wildentenküken ihrem Ziehvater Frank Löscher beim ersten größeren Ausflug hinterher.
Foto: Andreas Wohland
Pilot zeigt seinen Wildenten das Fliegen
Ein Hartensteiner mit Vision: Gemeinsam mit sechs Wildenten will der Gleitschirmpilot in einem Monat in die Lüfte steigen
Hartenstein. So schnell sie die kurzen Beinchen tragen können, wackeln sechs Entenküken über einen Feldweg nahe dem Gewerbegebiet in Hartenstein. Die piepsende Reihe wirkt genauso flauschig wie zerbrechlich. Über Steine und Grashalme saust sie immer dem Gefährt nach, in dem der Mann sitzt, den sie das erste Mal sahen, als sie ihren Schnabel aus einem Ei steckten.
Frank Löscher tritt kräftig in die Pedale seines fliegenden Fahrrads, vom Hersteller Flyke genannt. Immer wieder schaut er sich um, ob ihm die Küken folgen. Der 48-Jährige ist Mitglied im Drachenfliegerclub des Ortes. Seit zwölf Jahren segelt er durch die Lüfte. Jetzt möchte er mit Wildvögeln fliegen, wie er es schon einmal in einer Dokumentation im Fernsehen gesehen hat. "Die schönsten Momente sind die, wenn man zusammen mit Vögeln segelt, die ja auch die Thermik nutzen", erzählt er. Doch dieses Glück hat man nicht oft. Deshalb zieht Frank Löscher jetzt liebevoll seine eigene Staffel für eine Flugformation groß.
Namen haben die Enten bisher nicht bekommen. Denn noch sind sie kaum unterscheidbar. Einen Monat sind die Kleinen jetzt alt. Ende August will Frank Löscher mit ihnen in die Lüfte steigen. Fast 30 Tage lang wartete er, bis endlich kurz vor Mitternacht am Siebenschläfertag das erste Küken seinen Kopf aus dem Brutkasten auf seinem Schreibtisch reckte. Die Eier hatte er im Internet bestellt. In seinem Laden, wo er Funktechnik und Zubehör für den Flugsport verkauft, duldet seine Frau die Entenaufzucht. Schon durch die Eierschale spielte er ihnen das Motorengeräusch seines fliegenden Gefährts immer wieder vor, um sie daran zu gewöhnen. Denn Scheu dürfen sie vor dem Surren nicht zeigen, wenn das Experiment funktionieren soll. "Es muss alles einmal ausprobiert werden", entgegnet er der Frage nach dem Verrücktheitsgrad seiner Idee. "Die Nachbarn denken zum Glück, ich ziehe mir einen Weihnachtsbraten auf." Aber daran verschwendet Frank Löscher keinen Gedanken, wenn er mit seinen gefiederten Kindern spazieren geht. An jenem Abend übt er mit seinen Zöglingen das erste Mal, dass sie dem Flyke folgen müssen, wenn er drin sitzt. Es funktioniert auf Anhieb.
Selbst wenn das Experiment nicht klappen sollte, bleibt es für den Unternehmer ein Gewinn. "Es gab bisher schon so viele schöne Momente", berichtet er mit glänzenden Augen. Wie an dem Tag, als er mit ihnen im See schwimmen war. Es wird aber auch der Tag kommen, an dem sie Frank Löscher ziehen lassen muss. Wenn er ihnen die Freiheit des Fliegens gezeigt hat, will er sie ihnen nicht mehr nehmen. "Es sind Wildtiere, die man ihr Leben leben lassen muss", sagt er und plant, sie auszuwildern, wenn sie ausgewachsen sind. Doch die Hoffnung bleibt, dass sie anfangs noch ab und an zu ihm zurückkommen.