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Foto: Andreas Seidel

Tatort Straßenbahn

Von Michael Müller
erschienen am 09.05.2015

Es saßen nicht viele Leute in der ersten Bahn der Linie 4, die sich an diesem Samstagmorgen in aller Frühe auf den Weg nach Kappel machte. Am Ende waren sie wohl ganz allein im Wagen: Nadine P.*, eine 20-jährige Studentin, und jener Fremde, der ihr in seiner Aufdringlichkeit beinahe zum Verhängnis geworden wäre.

Von wildfremden Männern angesprochen oder mit dummen Sprüchen angemacht zu werden, diese Erfahrung hatte Nadine P. schon des Öfteren machen müssen. Auch ihre jüngere Schwester und viele ihrer Freundinnen könnten ein Lied davon singen, schildert die zierliche junge Frau mit den langen dunkeln Haaren. "Vor allem in der Innenstadt passiert so etwas immer wieder mal. Ich versuche, das zu ignorieren, dann hören sie meist von alleine auf." So schlimm wie an jenem Morgen, auf der Heimfahrt von der Diskothek, sei es noch nie gewesen.

Nadine P. schaltete auch diesmal auf "Einfach nicht beachten", als der ihr unbekannte Typ ihr gegenüber Platz nahm - trotz etlicher freier Plätze in der Bahn. Seine Worte, gesprochen in einer fremden Sprache, verstand sie nicht; die Musik aus den Kopfhörern in ihren Ohren half beim Ablenken. Doch der Mann - ihrem Eindruck nach Mitte 20, südländischer Typ, offenbar nicht ganz nüchtern - zeigte sich unbeeindruckt. Erst habe er seine Hand auf ihr Bein gelegt, sich dann über sie gebeugt und sei immer zudringlicher geworden. "Ich habe ihn weggestoßen, geschlagen und geschrien", erinnert sich die junge Frau. Bis er von ihr abließ.

Doch was nun? Einfach wie geplant an einer der nächsten Haltestellen aussteigen und nach Hause laufen? Mit dem Risiko, dass er folgen würde? Oder weiterfahren, in der Hoffnung, der Fremde verlässt die Bahn vielleicht eher?

Nadine P. blieb bis zur letzten Station in der Straßenbahn sitzen - der Mann auch. Sie stieg aus - er folgte und wurde draußen wieder zudringlich. Nadine P. gelingt es, sich loszureißen. Sie will zurück zur Bahn, die mit geschlossenen Türen noch immer an der Haltestelle steht. Was sich dann zugetragen haben soll, kann sie bis heute nicht fassen. "Ich habe an eine Scheibe der Bahn geklopft, aber der Fahrer drinnen hat nicht reagiert", schildert die 20-Jährige. Seine einzige Regung sei eine Geste gewesen, die in ihren Augen nur eins bedeuten konnte: "Hau ab!"

Ein Missverständnis? Nadine P., die sich schließlich einem wildfremden jungen Mann anvertraut und sich von ihm auf Umwegen sicher nach Hause bringen lässt, mag daran nicht glauben. Stunden später geht sie zur Polizei und erstattet Anzeige gegen den Fremden, der sie bedrängt hat. Gegen ihn wird nun wegen sexueller Nötigung ermittelt - gegen den Bahnfahrer wegen des Verdachts unterlassener Hilfeleistung.

Der Nahverkehrsbetrieb CVAG mag sich angesichts dessen zu dem Vorfall noch nicht näher äußern. Dem Vernehmen nach wird unter anderem geprüft, ob der Bahnfahrer den Ernst der Situation möglicherweise nicht erkannt hat. Grundsätzlich, so ein Sprecher, gebe es für derlei Vorfälle Regularien für das Personal. Sie sehen vor, "dass bei Notwendigkeit die Verkehrsleitstelle zu informieren ist, die dann nach Schilderung des Vorfalls durch den Fahrbediensteten alle weiteren notwendigen Schritte einleitet". Zugleich habe der Fahrer in dem ihm möglichen Maße selbst Hilfe zu leisten oder zu organisieren - wie erst vergangene Woche geschehen, als an einer Straßenbahn-Haltestelle in Markersdorf ein 17-Jähriger attackiert wurde und eine Straßenbahnfahrerin die Leitstelle informierte. "Prinzipiell gehen wir davon aus, dass Hilfeleistung für Menschen, denen eine Gefährdung oder Ähnliches droht, ein allgemein geltender Grundsatz ist", so der CVAG-Sprecher. "Egal, ob man sich im Dienst befindet oder nicht."

Nadine P. ist seit dem Vorfall nicht wieder allein mit der Bahn von der Disko nach Hause gefahren. Sie nehme jetzt sicherheitshalber das Taxi, sagt sie. Die Polizei habe ihr gesagt, man werde sich bei ihr melden. Sie glaubt, sie würde ihren Angreifer wiedererkennen. Ihr Vater meint, der Vorfall habe ihm mindestens genauso zugesetzt wie seiner Tochter, vielleicht sogar noch ärger. Und er sorge sich mehr und mehr um die Sicherheit im Stadtteil allgemein.

* Name von der Redaktion  geändert.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
20
(Anmeldung erforderlich)
  • 11.05.2015
    16:25 Uhr

    1953866: Kalifornien schrieb am,10.05. 8:45 Uhr: "Der jungen Frau wird empfohlen, mal an einem Kurs über kluges Verhalten bei der Volkshochschule oder Universität teilzunehmen." Werte(r) Kalifornien, ich würde Ihnen auch einen Kurs empfehlen, einen Kurs im Zeitung lesen. Da steht nämlich: "Ich habe ihn weggestoßen, geschlagen und geschrien", erinnert sich die junge Frau.
    Das ist natürlich ein eindeutiges Zeichen, dass die junge Frau von der Anwesenheit des Mannes ganz angetan war. Aber Sie haben schon recht. Was treibt sich eine Frau auch nachts in einer Straßenbahn herum! Noch dazu nach einem Diskobesuch! Frauen gehören hinter den Herd und dürfen das Haus nur mit männlicher Begleitung verlassen! Selber schuld, richtig Herr/Frau Kalifornien? [Ironie aus]

    0 4
     
  • 11.05.2015
    10:10 Uhr

    florry: @Kalifornien: ich vermute mal, sie sind so ein Typ der der Meinung ist, dass alle Frauen, die einen perfekten BMI haben und sich schick anziehen (sprich, enge Hose, kurzer Rock, hohe Schuhe,...), selbst Schuld sind wenn so was passiert. :-( .Würden alle Frauen in „Schmuddel-Klamotten“ und 20Kg Übergewicht haben, würde dann wahrscheinlich die Menschheit aussterben weil solche Typen wie du dann nicht mehr hinschauen, geschweige „so eine Frau“ zu ehelichen und sich mit ihr fortpflanzen. Aber zum Glück gibt es ja doch mehr anständige Männer mit Moral als solche Typen.

    1 1
     
  • 11.05.2015
    00:55 Uhr

    Hankman: @voigtsberger: Sie schreiben: "Es kann doch nicht sein, wenn eine Studentin, ihre Schwester und deren Freundinnen die selben Erfahrungen mit Belästigung, ausgehend von wahrscheinlich Ausländern/Asylanten immer häufiger erleben".

    Woher wissen Sie das? Im Text steht davon nur etwas in Bezug auf die Studentin selbst - im Fall der Schwester und der Freundinnen waren es dem Text zufolge "wildfremde Männer". Das bedeutet übersetzt: Männer, die den jungen Frauen nicht bekannt waren. Mehr nicht. Dort ist keine Rede von Ausländern oder Inländern. Aber Sie lesen wieder nur "fremd" und kriegen gleich wieder Schnappatmung.

    8 2
     
  • 10.05.2015
    11:18 Uhr

    Pixelghost: Ich bin ein Mann und ich wir klarstellen: die Frau hat nicht Schuld!!!

    0 4
     
  • 10.05.2015
    08:41 Uhr

    Kalifornien: Ich würde nicht bestreiten wollen, daß durch die vielen männlichen sogenannten Asylanten in Chemnitz ein zusätzliches Problem vorhanden ist bedingt dadurch, daß niemand von ihnen einfordert, sich an hiesige Regeln und Gesetze zu halten.

    Davon abgesehen muß man - überall auf der Welt - damit rechnen, daß man als Frau belästigt wird, wenn man mitten in der Nacht alleine unterwegs ist. Da hat man auf der Hut zu sein und Abstand zu wahren. Wenn sich jemand mir in der Strassenbahn direkt gegenübersetzt und seine Hand auf mein Bein legt, muß ich auf der Stelle reagieren und mich nicht durch Musikhören ablenken. Juristisch ist die beschriebene Berührung bereits Körperverletzung. Wenn ich das toleriere und dem Typen bis zur letzten Strassenbahnhaltestelle gegenüber sitzen bleibe, dann signalisiere ich doch, daß mir das nichts ausmacht.
    Der jungen Frau wird empfohlen, mal an einem Kurs über kluges Verhalten bei der Volkshochschule oder Universitä teilzunehmen.

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