"Das Aussehen bringt dich rein, die Persönlichkeit hält dich drin"

Das Augustusburger Model Marie-Luise Wintermantel über ihr Abbild auf Großplakaten, ihren Job und Vorurteile

Augustusburg.

Berlin, München, Düsseldorf - es sind die großen Laufstege der Republik, auf denen Marie-Luise Wintermantel läuft. Seit einigen Tagen ist sie auch in der Heimat zu sehen. Auf riesigen Plakaten, nur spärlich bekleidet. Sie liebe es, mit solchen Bildern zu provozieren - erst Recht in Flöha, sagt die 24-Jährige im Interview mit Thomas Reibetanz.

Freie Presse: Sie haben ja Mut. Sie sind in einer Art von nackt auf riesigen Plakaten zu sehen. Mitten in Flöha.

Stimmt. Und ich finde die Plakate klasse. Sie sind wunderbar ästhetisch und gleichzeitig provokant. Ich mag das sehr. Gerade in Flöha tut es doch gut, mal ein wenig zu provozieren.

Wie meinen Sie das?

Da ich aus Augustusburg stamme und hier auch noch wohne, darf ich das sagen: In unserer Ecke sind viele Leute noch zu bieder. Viele sehen bei einer ästhetischen Fotografie nur ein dummes Blondchen, das sich für Geld ablichten lässt. Doch genau das ist es nicht. Ich bin sehr stolz darauf, das Gesicht für "Flöha ist sexy" sein zu dürfen. Und dafür zu sorgen, dass in meiner geliebten Heimat auch ein bisschen Ästhetik auf die Werbeplakate kommt.

Verstehe. Aber Geld haben sie schon bekommen dafür, oder?

Natürlich. Das Modeln ist mein Job. Damit finanziere ich mein Studium. Und es ist ein harter Job. Nehmen wir das Shooting für die Kampagne der Wohnungsgenossenschaft: Es war wirklich kalt damals. Und es hat viele Stunden gedauert. Warum also sollte ich dafür kein Geld nehmen?

Weil Sie nur Ihren Körper verkaufen?

Das ist so nicht richtig. Ich verdiene Geld mit meinem Aussehen. Das stimmt. Aber auch mit meiner Persönlichkeit - darauf lege ich viel Wert. In der Modelbranche reicht ein hübsches Gesicht nicht aus. Das Aussehen bringt dich rein, aber die Persönlichkeit hält dich drin. Und ich bin seit vielen Jahren dabei. Also weiß ich, wovon ich spreche.

Sie werden entschuldigen, aber ich sehe auf dem Plakat eine wunderschöne Frau. Die Person dahinter sehe ich aber nicht.

Man kann nicht alles haben. So ist das in jedem Beruf. Ich habe mich für diesen entschieden. Und ich habe kein Problem damit, dass ich auf Bildern auf mein Aussehen reduziert werde. Meinen Charakter brauche ich während des Fotoshootings. Wäre ich ein dummes Blondchen, würde ich in dem Business nicht lange durchhalten. Und außerdem gibt es ja nicht nur das Modeln vor der Kamera. Auf dem Laufsteg oder als Grid Girl beim Motorsport zählt meine Persönlichkeit viel mehr.

Jetzt machen Sie mir aber Spaß. Als Grid Girl müssen Sie doch nur im knappen Höschen neben einem Motorrad stehen.

Denken viele. Ist aber nicht so. Ich mache das seit sechs Jahren, war in der ganzen Welt unterwegs. Und zwar als Repräsentantin des Teams, für das ich gebucht werde. Wir sind neben den Fahrern die Gesichter des Teams, stehen im Vordergrund, tragen Verantwortung, promoten die Marke. Und so ein Rennwochenende mit zahlreichen Terminen ist richtig Arbeit. Das Schirm halten neben dem Motorrad ist nur ein Bruchteil davon.

Und dennoch gibt es eine Debatte um Grid Girls. Es sei Sexismus.

Ich finde es feige, uns Grid Girls einfach entsorgen zu wollen, statt sich der Debatte zu stellen, wie man diesen Job mit dem Bild der modernen Frau verknüpfen kann.

Und wie kann man das?

Indem man uns ernst nimmt. Wir machen das aus freien Stücken. Uns zwingt niemand dazu. Wir haben Spaß daran. Und sind stolz darauf. Wer das anders sieht, soll uns fragen, statt Vorurteile in die Welt zu rufen. Oder er soll einfach nicht hinschauen. Auch dazu wird ja niemand gezwungen.


Marie-Luise Wintermantel

Die 24-Jährige ist in Augustusburg aufgewachsen und lebt dort. Schon als Kind war sie bei zahlreichen Fotoshootings für die Modegeschäfte ihrer Mutter dabei, schnell stand sie auch selbst vor der Kamera. Nach dem Abitur stieg sie intensiver ins Modelbusiness ein, mittlerweile sind ihre Auftragsbücher mit Fotoshootings, Modenschauen und Auftritten als Grid Girl bei Motorsportveranstaltungen komplett gefüllt. Vor zwei Wochen hat sie ihre Masterarbeit fürs Studium des Immobilienmanagements abgegeben. (tre)

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