Ausrangierte Züge für Strecke Chemnitz - Leipzig gesucht

Die alten Reichsbahnwagen, die zwischen Chemnitz und Leipzig rollen, sollen ausgetauscht werden. Doch was kommt danach? In der Branche wird munter spekuliert.

Chemnitz.

Weitere zehn Jahre sollen die umgebauten Reichsbahnwagen auf der Strecke Chemnitz-Leipzig nicht rollen - denn solange wird es dauern, bis die Linie elektrifiziert ist. Bereits vor drei Monaten hatte die Mitteldeutsche Regiobahn (MRB) angekündigt, dass die bis zu 30 Jahre alten Wagen schrittweise ersetzt würden. Nun sollen offenbar Fakten geschaffen werden. Der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) hat dabei wohl des Heft des Handelns an sich gezogen. Die Chemnitzer OB Barbara Ludwig (SPD), die den Vorsitz in der VMS-Verbandsversammlung hat, sagte gestern, dass der VMS mit mehreren Betreibern, darunter der Deutschen Bahn, verhandelt, um Züge abzukaufen. Dabei handelt es sich um ausrangierte Züge, die umgebaut werden sollen. Statt der lauten Klotzbremsen sollen die Wagen zeitgemäße und leisere Scheibenbremsen haben und zumindest über barrierearme Einstiegsbereiche verfügen. Laut Ludwig hat das Land finanzielle Unterstützung signalisiert.

Auch im Wirtschaftsministerium in Dresden ist man offenbar nicht glücklich über Situation auf der Regionalexpressstrecke, die im Schnitt pro Tag von 9000 Reisenden genutzt wird. Und so hat sich wohl auch das Ministerium eingeschaltet. Referent Christian Adler verwies auf laufende Verhandlungen, in deren Rahmen "mehrere Fahrzeugkonzepte, die zu einer Verbesserung führen können", geprüft würden. Details wollte er nicht nennen. Man werde über das Ergebnis zu gegebener Zeit informieren. Auch beim VMS gab man sich bedeckt. VMS-Mann Jens Müller erklärte lediglich, dass der Verkehr auf der Strecke Thema im nichtöffentlichen Teil der Verbandsversammlung am Freitag sein wird.

Über das künftige Wagenmaterial wird derweil in Branchenkreisen munter spekuliert. Eine Variante wären alte Doppelstockwagen, die in den 1990er-Jahren gebaut wurden. Allerdings verfügt erst ein Teil der ab 1994 gebauten Wagen über eine Klimaanlage. Zahlreiche unklimatisierte, ältere Doppelstockwagen stehen in Mukran auf dem Abstellgleis. Auch der Diesel-ICE, der einst für die Strecke Dresden-Nürnberg angeschafft wurde und bis zur Ausmusterung 2017 auf der Linie Hamburg-Kopenhagen fuhr, ist wohl in Betracht gezogen worden. Die Bahn hat noch zwölf Züge (Stückpreis einst knapp acht Millionen Euro) auf Halde stehen, davon sind acht fahrtüchtig. Doch für die Chemnitz-Leipzig-Linie sind die Züge wohl nicht geeignet. Sie haben knapp 200 Sitzplätze, was in der Hauptverkehrszeit zu wenig ist. Und um zwei Diesel-ICE aneinandergekoppelt fahren zu lassen, sind die Bahnsteige in Chemnitz, Geithain und Bad Lausick zu kurz - es fehlen 45 Meter. Ein K.o.-Kriterium, so heißt es in Bahnkreisen, seien allerdings die hohen Betriebskosten.

Wie viel Geld die Beteiligten in die Hand nehmen, ist offen. In Branchenkreisen sind Summen zwischen vier und acht Millionen Euro zu hören. Der ICE wäre sicher noch teurer. Für Ludwig steht fest: Bevor unterschrieben wird, will sie sich die Züge ansehen. Die jetzigen Bahnen habe sie vorab nur auf Fotos gesehen und nicht mit einer solch schlechten Ausstattung gerechnet. "Das passiert mir nicht noch mal."

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7Kommentare
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  • 3
    0
    AchimAdams
    21.06.2018

    Damit ich das richtig verstehe: die bemängelten "veralteten" Wagen sollen durch "ausrangierte" Wagen ersetzt werden? Wo ist denn da der Sinn dahinter?

  • 1
    1
    Zeitungss
    21.06.2018

    @Hinterfragt: Die Fahrzeuge der BR 605 wurden ausrangiert, weil sie wirtschaftlich ein Desaster waren und noch immer sind. Die Dänische Staatsbahn wollte sie aus diesem Grund auch nicht haben. Wenn der VMS damit liebäugelt, die MRB hat dazu sicherlich andere Ansichten. Noch ein Wort zum ehemaligen Regionalexpresss der DB. Die damals eingesetzten Triebwagen der BR 612 sind auch als fahrbare Folterkammer bekannt. Wer ein soches Fahrzeug abgenommen hat, fährt sonst im Dienstwagen auf der Autobahn. Wer damals auf der Strecke Dredes-Nürnberg unterwegs war, wo diese Fahrzeuge ebenfalls eigesetzt waren, kann ein Lied davon singen. Es gibt natürlich auch "Winterharte" denen es gleich ist, mit welchen Fuhrwerk sie gerade unterwegs sind.

  • 8
    0
    Deluxe
    21.06.2018

    In den letzten Tagen bin ich mehrfach auf der Strecke gefahren und habe es sehr genossen, im Abteil ein Fenster öffnen zu können. Da braucht es keine Klimaanlage. Das Problem dieser Strecke sind nicht die Waggons! Das Problem ist die gesamte deutsche Verkehrspolitik, der die Qualität dieser Strecke seit 1990 zum Opfer gefallen ist. Bis 1945 war das alles zweigleisig. Die DDR hatte nicht die Kraft zum Wiederaufbau. Und nach 1989 fehlte das Interesse. Und es fehlte auch an kräftigen Stimmen in der Chemnitzer Lokalpolitik. Das Schattendasein des sächsischen Aschenputtels Chemnitz ist doch zum großen Teil auch der Tatsache geschuldet, daß es in Chemnitz nach 1989 keine entsprechenden Köpfe in der Politik gab, die sich deutlicher hörbar zu Wort gemeldet hätten. Beim Land und beim Bund. Oberbürgermeister wie Noll und Pilz (kennt die überhaupt noch jemand?) haben ihren Anteil daran, daß Chemnitz im Schatten der Städte Dresden und Leipzig unsichtbar wurde. Und das ist nun eins der Ergebnisse.

  • 5
    0
    Hinterfragt
    21.06.2018

    "...Ausrangierte Züge..." Wenn die noch "gut" sind, warum hat man die dann ausrangiert ??? ... Mal so nebenbei gesagt, der Lärmpegel im Inneren ist bei den Reichsbahnwagen um ein vielfaches niedriger als in den vorherigen Wagen der DB-Regionalzüge.

  • 2
    0
    VaterinSorge
    21.06.2018

    Ich befürchte, dass es nicht klug und schon gar nicht wirtschaftlich ist, was da am runden Tisch geplant werden soll. Die nächsten 10 Jahre wird es weder eine elektrifizierte schnelle Eisenbahn- oder eine durchgehende Autobahn zwischen den Städten Chemnitz und Leipzig geben. Das blockiert sowohl die Anschlussfähigkeit an das internationale Bahnnetz, die Verbindung zum mitteldeutschen Flughafen Leipzig, aber auch die wirtschaftliche Entwicklung, da Berufspendler, Studenten oder Berufsschüler weiterhin stark benachteiligt sind. Meine favorisierte Version wäre, die vierteiligen Diesel ICE grundsätzlich einzusetzen und bei Stoßzeiten wie morgens, nachmittags und abends nicht stündlich, sondern halbstündlich zu tackten. Die Attraktivität und die dringend benötigte Mobilität sollte hier im Focus stehen. Dazu sollte sich das Land stärker beteiligen und den MDV mit all seinen fragwürdigen Entscheidungen nicht allein lassen. Chemnitz und die Region Mittelsachsen kann nur gewinnen, wenn es tragfähige Verbindungen zu Leipzig und Dresden gibt, mit Anschlussmöglichkeiten nach Berlin, weiter nördlich, westlich und östlich. Maßgeblich sind Fahrzeiten unter einer Stunde, zeitgemäßer Komfort und vor allem Zuverlässigkeit der Technik.

  • 6
    2
    Zeitungss
    20.06.2018

    Die Frau OB als "Gutachter" für zu beschaffende Züge. Schuster bleib bei deinen Leisten, sollte es lautstark schrillen. Demnach hat die Dame eine fundamentierte Ausbildung in Schienenfahrzeugtechnik und Bahnbetrieb allgemein, sonst könnte sie den Posten im VMS nicht begleiten, oder doch ???? Das es nicht noch einmal passiert, sollte sie ihr ganzes Fachwissen in den Ring werfen, Fotos schauen reicht leider nicht.

  • 4
    3
    Interessierte
    20.06.2018

    Das versteht man nicht ... Auf der einen Seite bauen die hier ein ´Chemnitzer Modell` vom Feinsten mit teuren Zügen und dazu werden noch Baumalleen gefällt und Landschaften aufgerissen .. Und auf der anderen Seite wird eine vorhandene Strecke ´in der Landschaft` mit alten Zügen ausgestattet .... ^Dabei handelt es sich um ausrangierte Züge, die umgebaut werden sollen. Statt der lauten Klotzbremsen sollen die Wagen zeitgemäße und leisere Scheibenbremsen haben und zumindest über ´barrierearme` Einstiegsbereiche verfügen ( wie auch immer das gehen soll ? in alten Zügen ... ( das wäre dann wohl vor allem auch für ältere Menschen wie die Frau Mössinger gedacht ...



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