Deutsche Ex-Weltmeister betreuen Konkurrenz im Ausland

Bei der Bahnrad-WM in London trafen sich im Fahrerlager gleich mehrere frühere Asse wieder - aber keineswegs nur zum Plauschen.

London/Chemnitz.

Während der Entscheidungen hatten sie mit der intensiven Betreuung ihrer Athleten zu tun. Doch die Zeiten in den Pausen oder nach den Entscheidungen nutzten sie oft, um mit den einstigen Weggefährten ein bisschen zu fachsimpeln. Denn ihrem Metier, dem Bahnradsport, sind mehrere deutsche Ex-Weltmeister treu geblieben, fünf weilten auch während der WM in London. Im Gegensatz zu den Chemnitzern Michael Hübner und Jens Fiedler, die neben ihren Berufen das Erdgasteam leiten, erhielten Jan van Eijden, René Wolff und Bill Huck in anderen Nationen eine feste Anstellung. Und das deutsche Know-how hat sich bislang bestens bewährt, die Erfolgskurve zeigt in allen Ländern nach oben. Zudem sind die jeweiligen Verbände mit den Tätigkeiten einverstanden, denn die Verträge werden stetig verlängert.

Jan van Eijden, der von 1997 bis 2006 für das Chemnitzer XXL-Team fuhr und während jener Zeit seine größten Erfolge - Weltmeister im Team mit Hübner und Fiedler 1995, Sprint-Weltmeister 2000 - feierte, ist seit nunmehr zehn Jahren Auswahltrainer der britischen Radsprinter. "Ich bin nach wie vor sehr zufrieden, das Arbeiten ist angenehm, es macht einfach Spaß", gerät der 39-Jährige ins Schwärmen, wenn er über seinen "Traumjob" spricht. Nachdem seine Schützlinge vor allem bei Olympia 2008 in Peking und 2012 vor eigener Kulisse groß abräumten - u. a. jeweils viermal Gold im Kurzzeitbereich -, lief es bei anderen internationalen Meisterschaften nicht immer wie erhofft. Auch vergangene Woche hatten sich die Gastgeber etwas mehr als einen Sieg und zwei dritte Plätze ausgerechnet.

Aber Jan van Eijden weiß aus eigenem Erleben nur zu gut, dass im Sport nicht immer alle Wünsche aufgehen. "Wir haben zuletzt auch gleich drei Topleute verloren", erklärt der gebürtige Pfälzer. Doch der Begeisterung der Anhänger tut das keinen Abbruch, sie feierten während der Wettbewerbe all ihre Starter - unabhängig vom Ergebnis. "Der Radsport hat sich in England zu einer der erfolgreichsten Sportarten entwickelt. Damit identifizieren sich die Leute", meint Jan van Eijden und erklärt so auch die außergewöhnliche Kulisse im Olympiaoval, wobei jede der bis zu drei Veranstaltungen pro Tag mit 6000 Zuschauern ausverkauft war. Zudem erzählt er, dass beispielsweise der nicht mehr aktive Chris Hoy (sechsfacher Sprint-Olympiasieger) sowie Bradley Wiggins (vierfacher Olympiasieger, Tour-de-France-Gewinner) und Sprintstar Mark Cavendish - das Duo holte dieses Mal gemeinsam Gold im Zweier-Mannschaftsfahren - neben den Fußballern als Superstars gelten.

Die Engländer fanden Jan van Eijden schon während seiner sportlichen Auftritte sympathisch. Als 2006 die spezielle Anfrage kam, brauchte er kaum Bedenkzeit, zumal er in Deutschland keine konkreten Möglichkeiten sah. Sein Arbeitsort ist Manchester, wo die Auswahlsprinter aus dem gesamten Land trainieren. Wenn keine Wettkämpfe anstehen, dann fliegt er an den Wochenenden nach Kaiserslautern. Dort wohnt er inzwischen wieder mit seiner Familie, wobei Ehefrau Stefanie nach Oscar (4 Jahre) und Felix (2) im nächsten Monat das dritte Kind erwartet. "Das passt alles schon, auch wenn es nicht optimal ist. Aber ich pendle wie andere eben auch", berichtet er.

René Wolff, der aus Erfurt stammt, hat indes seinen Wohnsitz nach Apeldoorn verlegt. In der niederländischen Stadt betreut er als verantwortlicher Coach die Sprint-Asse des Nachbarlandes. Er lebt mit der ehemaligen Bahnsprinterin Willy Kanis zusammen, die 2014 den gemeinsamen Sohn zur Welt brachte. Trotzdem besucht der Olympiasieger von 2004 (Teamsprint mit Fiedler und Stefan Nimke) sowie zweifache Weltmeister von 2003 (Team mit Fiedler und Carsten Bergemann) und 2005 (Sprint) noch oft seine Heimatstadt, um vor allem seine zwei Kinder aus einer anderen Partnerschaft zu treffen.

Nachdem René Wolff seine Laufbahn 2007 beendet hatte, arbeitete er am Stützpunkt in Erfurt. Ende 2009 kam plötzlich per Mail das Angebot aus dem Land der Tulpen. "Ich habe die Chance wahrgenommen und würde das auch heute wieder so machen", sagt der 37-Jährige, für den der Anfang eine ziemliche Umstellung war. Ein ähnliches System wie in Deutschland fand er nicht vor. Inzwischen konnte René Wolff, der binnen drei Monaten die niederländische Sprache erlernte, einiges entwickeln, erste Erfolge (3 WM-Medaillen 2016) verbuchen. So holten "seine" Teamsprinter mit Silber seit 2005 erstmals wieder Edelmetall. Damals lagen sie ebenso wie dieses Mal vor dem deutschen Trio, zu dem damals René Wolff gehörte. Für die Niederlande startete wiederum Theo Bos, der nach Jahren auf der Straße, nun wieder auf die Bahn zurückkehrte und außerdem überraschend Silber im Zeitfahren erkämpfte. Der Vertrag des Thüringers ist bis zu Olympia in Rio dotiert. Er würde jedoch gern weitermachen.

Die Liste vervollständigen der Berliner Bill Huck (u. a. 1989 Sprint-Weltmeister), seit Juni 2015 Trainer in den USA, sowie der Cottbuser Heiko Salzwedel, der mit den britischen Ausdauerspezialisten arbeitet.

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