Chemnitz holt den Titel zur Kulturhauptstadt 2025

Coronabedingt wurde die Entscheidung ausschließlich per Video im Internet bekannt gegeben. Die Chemnitzer grüßten aus der Stadthalle mit EU-Fähnchen.

Chemnitz.

Chemnitz hat es geschafft, sie wird Kulturhauptstadt Europas 2025. Das hat die Juryvorsitzende Sylvia Amann soeben per Livestream verkündet. Die international besetzte Jury habe erst nach mehrstündiger Diskussion am Mittwoch entschieden. Coronabedingt wurde die Entscheidung ausschließlich per Video im Internet bekannt gegeben. Schon der Jurybesuch in der vergangenen Woche konnte nur virtuell stattfinden. Anfang 2019 hatte der Stadtrat der Bewerbung zugestimmt, im Dezember schaffte es Chemnitz in die zweite Auswahlrunde - gemeinsam mit Magdeburg, Nürnberg, Hildesheim und Hannover. Diese vier Städte haben nun das Nachsehen. Die Bekanntgabe der Juryentscheidung ist in der Chemnitzer Stadthalle von Initiatoren, Politikern und Medienvertretern verfolgt worden. Anschließend gab es eine Pressekonferenz. 

Vor Bekanntgabe der Siegerstadt sprach Jörg Wojahn, Vertreter der Europäischen Kommission in Deutschland - allerdings von zuhause aus. Er ist in Corona-Quarantäne. Er erinnerte daran, dass es gerade derzeit für Kulturschaffende schwer ist, weil Auftrittsmöglichkeiten wegfallen. Davon, so Wojahn, sollte man sich aber nicht entmutigen lassen. Und Wojahn versicherte: "Es gibt keine Verlierer, nur einen Gewinner." Bernd Sibler, Vorsitzender der Kultusministerkonferenz und Bayrischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, sprach von einer schwierigen Entscheidung, weil nach seinen Worten alle fünf Bewerberstädte überzeugende Konzepte vorlegten. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, machte vorab schon mal den Verlierern Mut: "Alle gehen den Weg der Stadtentwicklung weiter. Mit Überzeugung der Menschen und kreativem Tun." Aus Hilgerts Sicht hat schon die Bewerbungsphase das Miteinander der Menschen in den Städten gefördert und gestärkt.

Zu Beginn des Livestreams gab es eine Schalte in alle Bewerberstädte. Die Chemnitzer grüßten aus der Stadthalle mit Fähnchen der Europäischen Union. Formal gesehen gilt das Votum der Jury als Empfehlung, die letzte Entscheidung trifft die Kulturministerkonferenz. Man kann davon ausgehen, dass sie der Jury folgt. Die zweite Kulturhauptstadt Europas 2025 kommt aus Slowenien. Sie wird laut Wojahn im Dezember bekanntgegeben. (dy)


Reaktionen

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig: "Der vorletzte Arbeitstag als Oberbürgermeisterin dieser wunderbaren Stadt ist eindeutig der beste meiner 14-jährigen Amtszeit. Dieser Titel ist für Chemnitz die große Chance, viel zu geben und viel zu bekommen, viel vom Ungesehenen zu zeigen. Nicht nur die Bilder von Nazi-Aufmärschen, sondern eine Erzählung von Fleiß und Kreativität für gelebte europäische Werte. Eine aktive, vielfältige Stadtgesellschaft im internationalen Austausch.
Der Titel wird der Stadt einen Schub geben, Ressourcen hier bündeln, die über Generationen wirken können. Ich danke der Jury für das Vertrauen. Danke an alle, die den Weg bis zum Titelgewinn mit Herz und Verstand begleitet und bestärkt haben."  

Künftiger Oberbürgermeister Sven Schulze: "Das ist eine richtig gute Entscheidung, die ich als großes Geschenk für meinen Amtsantritt empfinde. Dafür bin ich sehr dankbar und freue mich auf die herausfordernden aber auch unschätzbar wertvollen Jahre, die nun vor uns liegen. Die Arbeit geht weiter."

Barbara Klepsch, Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus: "Ich bin überglücklich über die Entscheidung der europäischen Jury. Damit rückt eine starke Stadt mitten in Europa noch weiter in das Herz des Kontinents. Der Zuschlag ist eine Auszeichnung für die Kulturarbeit vor Ort und eröffnet neue Möglichkeiten für das kulturelle Leben. Hier ist es mir wichtig, dass wir auch die Umgebung von Chemnitz mitdenken. Als Schauplatz der Begegnung wird die Region zu einem zentralen Besuchermagneten im Freistaat Sachsen. Ich lade alle Kulturinteressierten aus Europa und darüber hinaus 2025 nach Chemnitz ein, um zu erleben, welche Reichtümer die Stadt zu bieten hat. Der Weg zum europäischen Kulturhauptstadt-Jahr und darüber hinaus wird für Chemnitz ein großes Konjunkturprogramm. Wir werden einen enormen Schub im Tourismus erleben, neue Jobs entstehen, Löhne können steigen."

Projektleiter Ferenc Csák: "Hinter allen fünf deutschen Kandidatenstädten liegen intensive Monate, die aufgrund der Covid-19-Pandemie auch einige ungeahnte Herausforderungen bereithielten. Ich denke, da haben alle Bewerbungsteams großartiges geleistet. Deshalb wünsche ich allen, dass sie die begonnenen Prozesse weiterführen können. Aber natürlich bin ich unglaublich froh, dass wir nun tatsächlich den Titel nach Chemnitz geholt haben und in den nächsten Jahren diesen spannenden Weg gehen können."

Peter Seifert, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Chemnitz: "Dass es geklappt hat, ist große Klasse. Man muss allen Beteiligten ein großes Lob aussprechen, denn schon die Bewerbung war ein großer Mehrwert. Durch den Titel wird der Schwung noch größer werden, die Beteiligung der Chemnitzer wird größer werden. Dass Chemnitz Kulturhauptstadt ist, wird für die Entwicklung der Stadt sehr hilfreich sein."

Malte Ziegenhagen, Kapitän von Basketball-Bundesligist Niners: "Da wir gerade in Quarantäne sind, musste ich die Entscheidung ganz allein im Stream verfolgen, was mich ehrlich gesagt tierisch genervt hat. Nichtsdestotrotz freue ich mich wahnsinnig für unsere Stadt. Die Menschen in Chemnitz haben sich diesen Titel verdient, weil sie sich gemeinsam aufgerafft haben, um zu zeigen, dass wir hier eben mehr sind als nur das, was 2018 in aller Welt zu sehen war. Ich verspreche, dass wir alles dafür tun werden, dass wir auch 2025 noch Bundesligabasketball in Chemnitz haben. Wenn wir irgendwann auch wieder Fans zu unseren Spielen begrüßen dürfen, dürfte das kein Problem werden." 

Thomas Schönlebe, Weltmeister über 400 Meter 1987 und heutiger Geschäftsführer des Leichtathletikclubs Chemnitz: "Ich freue mich sehr für die Stadt und für die, die viele Jahre lang für diesen Titel gekämpft und gearbeitet haben. Es war eine sehr emotionale Geschichte. Ich denke, dass uns dieser Titel in alle Bereichen helfen kann und wird. Bis 2025 und darüber hinaus können wir jetzt zeigen, wozu wir in Chemnitz in der Lage sind - auch im sportlichen Bereich."

Romy Polster, Vorstandschefin des Chemnitzer FC: "Ich konnte die Entscheidung nicht live verfolgen, weil wir einmal mehr eine für die Zukunft des CFC sehr wichtige Besprechung hatten. Aber wir waren natürlich immer auf dem Laufenden und haben uns sehr gefreut. Ich erhoffe mir von diesem Titel, dass die Stadt jetzt die große Chance ergreift, vom negativen Image wegzukommen. Und ich hoffe auch, dass wir das gemeinsam schaffen und dass der Chemnitzer FC dabei eine bedeutende Rolle spielt. Beim DFB-Pokalspiel und auch bei anderen Aktionen haben wir ja bereits gezeigt, wie sehr wir hinter der Bewerbung stehen."

Barbara Wiegand-Stempel, Leiterin der Städtischen Museen Limbach-Oberfrohna, zur Entscheidung der Jury: "Ich bin wirklich überrascht und freue mich jetzt natürlich sehr für Chemnitz. Gleichzeitig hoffe ich, das auch wir und die Region etwas davon profitieren können und mit eingebunden werden. Es ist für alle Beteiligten eine große Chance, europaweite Aufmerksamkeit zu bekommen."

André Gruhle, Gastronom (u.a. Mirarmar, Pelzmühle) hatte als aktiver Unterstützer der Bewerbung nach eigener Aussage keinen Zweifel, dass Chemnitz den Titel holt. Er verfolgte die Übertragung im Kultur- und Kongresszentrum Kraftverkehr gemeinsam mit einer Reihe weiterer Kulturhauptstadt-Enthusiasten, Verantwortlichen und Mitarbeitern der Wirtschaftsförderung CWE. Erst Sekunden vor der Bekanntgabe sei ihm der Gedanke gekommen, "Was, wenn nicht?" Doch nur Augenblicke später - grenzenloser Jubel. "Es kommt jetzt darauf an, dieses zarte Pflänzchen weiter zu pflegen", sagte er nach einem ersten Gläschen Sekt zur Feier des Tages. Schon jetzt habe die Bewerbung auch unter den Gastronomen der Stadt ein neues Miteinander und neuen Zusammenhalt bewirkt "Da müssen wir unbedingt weitermachen, denn davon profitieren wir alle", so Gruhle. "Und ich bin mir sicher, dass wir erste positive Effekte in der Stadt schon in den kommenden Jahren spüren werden, nicht erst 2025."

Unternehmer Lars Faßmann, IT-Unternehmer, Mitinitiator und Förderer zahlreicher Kulturinitiativen, verfolgte die Entscheidung auf Usedom am Handy. Er sieht das Votum der Jury vor allem als Arbeitsauftrag. Der Titel Kulturhauptstadt sei vergeben worden aufgrund von Versprechungen, die nunmehr eingelöst werden müssen, sagte er. Die kommenden Jahre sollten seiner Ansicht nach dazu genutzt werden, die Kulturszene in der Stadt insgesamt zu stärken. "Das heißt, lokale Akteure einzubinden und diesen Möglichkeiten zu geben, sich zu verwirklichen", so Faßmann. Dies dürfe aber nicht auf Kosten bestehender Strukturen geschehen. Vielmehr müsse es darum gehen, zugleich auch Kulturschaffende von außerhalb zu gewinnen und möglichst langfristig an Chemnitz zu binden. "Damit die Stadt auch wirklich über 2025 hinaus von diesem Titel profitiert."

Hardy Hoosmann vom Fritztheater hofft, dass mit dem Titel die kulturelle Szene der Stadt insgesamt eine neue Wertschätzung erfährt. "Vor den vielen kulturellen Projekten hier kann man jetzt sicher nicht mehr so ohne weiteres die Augen verschließen. Das ist sehr positiv", sagte er. Seiner Ansicht nach tue die Stadt gut daran, in der Vorbereitung des Kulturhauptstadtjahrs nicht nur auf das Einladen auswärtiger Künstler zu setzen, sondern vor allem auch das in der Stadt vorhandene Potenzial zu nutzen.

1717 Kommentare
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  • 19
    9
    gelöschter Nutzer
    28.10.2020

    Gratulation an die Macher der Bewerbung !
    Ich freue mich für die Stadt, die Region und Frau Ludwig. Ein sensationelles Siegtor in der 90. Spielminute. Großartig !

  • 16
    8
    Neuchemnitzer
    28.10.2020

    Juhu!!!!!!!

  • 24
    10
    KTreppil
    28.10.2020

    Ich freue mich für Chemnitz und hoffe, dass es 2025 noch oder
    inzwischen wieder Kultur gibt. Momentan steht Kultur ja ganz hinten dran. Möglichst nicht nur Subkultur und vor allem Kultur mit der jeder was anfangen kann....

  • 23
    8
    Gegs
    28.10.2020

    Ich freu mich drauf.

  • 23
    6
    Schwimmerin
    28.10.2020

    Sehr geehrter Herr Bürgermeister ...,
    nun brauchen wir einen Bahnanschluss, eine dringende Repararur des Chemnitz(Schlaf)Fernsehens, ein universell verwendbares Stadion, für Radfahrer weitestgehend eine eigene Spur, schnelle Beendigung nutzloser Baustellen, intelligente Verkehrsführung, öffentlichen Nahverkehr mit preislichem Anreiz ... und und und.
    Bisschen Zeit wäre ja.
    Schaffen wir das?

  • 19
    7
    johannes12
    28.10.2020

    Nach der großen Freude wird bald wieder der Alltag einziehen. Hoffentlich fährt man dann von Chemnitz nach Leipzig ist der mit ausgedienten Wagen der Deutsch Bahn.
    Vieles gibt es noch zu tun, denn Chemnitz ist nicht nur Campus, Theaterplatz, Schloßviertel und Uni. Da gibt es noch viele Ecken wo man nicht gern Besucher hinschickt. Dazu erhört auch das verwiderte Rosarium im Stadtpark.

  • 26
    7
    efan60
    28.10.2020

    Eine starke Leistung und auch deshalb hat Chemnitz diesen Titel verdient.
    Ich freue mich sehr für Chemnitz und auf das Jahr 2025!

  • 13
    11
    nnamhelyor
    28.10.2020

    Passt doch.....kurz bevor der Kulturszene nächsten Mittwoch (endgültig) der Stecker gezogen wird. Mal sehen was dann bis zum Kulturjahr 2025 noch davon übrig ist. Aber vielleicht ist die fehlende Kultur dann auch unsere geringste Sorge.

    Trotzdem Herzlichen Glückwunsch an die Stadt und alle daran beteiligten!

  • 29
    10
    Silverore87
    28.10.2020

    Einfach nur KLASSE! Vielen Dank an alle Beteiligten die sich trotz Gegenwind und permanentem Gemecker nicht vom Weg abbringen ließen. Hoffentlich ist das der nötige Impuls um Chemnitz als die tolle Stadt zu präsentieren die ich kenne und liebe. Mögen die Nörgler für immer verstummen :-)

  • 70
    16
    KarlChemnitz
    28.10.2020

    Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank an alle, die das ermöglicht haben, die trotz Gegenwind und Schmähungen der Miesepeter und Stumpfsinnigen nie ihren Optimismus und ihren Mut verloren haben. Ich besaufe mich heute !! Was ein Tag !!

  • 63
    13
    defr0ke
    28.10.2020

    G E I L

  • 60
    18
    FromtheWastelands
    28.10.2020

    Nehmt das, Ihr Dauermeckerer!!

  • 79
    6
    chris1405
    28.10.2020

    Jetzt ist aber auch die Deutsche Bahn, Bund und Land in der kurzen Zeit gefordert einen entsprechenden Anschluß an das Fernverkehrsnetz zu organisieren. Ein relativ schneller Anschluß kann auf der Strecke "Chemnitz - Riesa - Berlin Flughafen - Berlin erfolgen. Wenn das nicht passiert, kann man davon ausgehen das dies weder gewollt oder bewusst unterlassen wird!

  • 12
    50
    UwesZeitung
    28.10.2020

    Na vielleicht haben wir uns ja bis 2025 an carola gewöhnt. Ich bin gespannt.

  • 39
    24
    Wast
    28.10.2020

    Endlich eine positive Nachricht aus und über Chemnitz, einer Stadt, der selbst ihre Bewohner oft ( nach meiner Auffassung ungerechtfertigt) ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Bleibt zu hoffen , dass nach überstandener Coronazeit die Kultur wieder den Stellenwert innehat wie zuvor. Und das hoffentlich ohne Subkultur wie ein Schrottauto im Schlossteich und ähnliche Mätzchen.

  • 68
    10
    BuboBubo
    28.10.2020

    Glückwunsch!

  • 70
    11
    SimpleMan
    28.10.2020

    Ich freue mich so für unsere Stadt :-)