Die Rückkehr der Wölfe

Eine nicht unumstrittene Aktion hat Chemnitzer über Stunden hinweg miteinander debattieren lassen. Der Initiator zeigt sich positiv überrascht.

Wisst Ihr, was Krieg ist? Die Frage, mit der Rainer Opolka das Gewisper und Getuschel der rund 60Schüler vor ihm schlagartig verklingen lässt, hat es in sich. Keiner der jungen Leute - Siebt- und Zehntklässler einer Oberschule im Stadtzentrum - traut sich, eine Antwort zu geben. Wie auch: Krieg kennen sie nur aus dem Fernsehen. In den meisten Fällen werden noch nicht einmal ihre Großeltern aus eigenem Erfahren berichten können, so lange ist das alles her.

Künstler Opolka ist der Schöpfer jener Installation aus zehn Bronze- und Eisenguss-Wölfen, die am Donnerstag für einen Tag am Marx-Monument zu sehen war. Unter dem Titel "Die Wölfe sind zurück?", so hieß es vorab, wolle er zum Nachdenken und zum Dialog einladen über das, was Chemnitz zuletzt so viel Aufmerksamkeit beschert hat. Über die Instrumentalisierung eines Tötungsverbrechens durch Rechtsradikale vor allem. Und die Chemnitzer nahmen die Einladung an. Bis in den Abend hinein wurde vor der Installation engagiert debattiert.

"Ich habe natürlich auch nicht die alleinige Weisheit", sagt Opolka anfangs vor den Schülern. Doch der Wolf, erinnert der Brandenburger, sei von den Nationalsozialisten immer wieder als Figur idealisiert worden - vom Führerhauptquartier "Wolfsschanze" über die Werwolf-Verbände, eine paramilitärische Mobilisierung gegen Ende des Weltkrieges, bis zum Wolf-oder-Schaf-Vergleich des Propagandaministers Goebbels. "Und das Ende?", fragt Opolka in die Runde. "Ein verheerender Krieg, 50 Millionen Tote, Kinder, die reihenweise mit Giftspritzen umgebracht wurden."

Die Wölfe, die er vor dem Marx-Monument postiert hat, sollen daran erinnern, wie seinerzeit alles begonnen hat. Einige von ihnen, die "Anführer", haben die rechte Pranke zum Hitlergruß erhoben - so, wie er vor wenigen Wochen am selben Ort auf Demonstrationen mehrfach zu sehen war. Andere heißen "Blinder Hasser", "Angriff" oder "Mitläufer".

"Das sind manchmal die Gefährlichsten, weil sie mitrennen, ohne sich einen Kopf zu machen, wer da vornweg geht", sagt Viola Mrohs. Die Limbach-Oberfrohnaerin hat sich eigens der Kunstaktion wegen nach Chemnitz aufgemacht. "Ich finde das richtig gut", sagt ihre Begleiterin Angelika Grunwald. "Weil diese gesamte Entwicklung in jüngster Zeit mir Angst macht."

An die Szenen auf der Demo am 27. August, einen Tag nach dem Tötungsverbrechen an einem 35-jährigen Chemnitzer, fühlt sich auch eine Studentin der TU Chemnitz beim Anblick der Wölfe erinnert. "Ich stand auf der Seite gegenüber und hab' das live mitbekommen", schildert die 22-Jährige. Neben den Skulpturen hat es ihr vor allem eines der flankierenden Plakate angetan: "Jedes Gewaltopfer ist eines zuviel. Wir trauern", steht darauf.

Ein älterer Herr wiederum findet die gesamte Aktion ziemlich daneben. Was bitteschön habe es mit Hetze zu tun, wenn Menschen gegen die Regierung auf die Straße gehen, und gegen die "Umvolkung" oder die absehbare "Islamisierung" Europas, fragt der Rentner aus Chemnitz, der sich bald als regelmäßiger Demonstrant bei Pegida & Co. zu erkennen gibt. "Diesem Künstler habe ich meine Meinung auch schon gesagt", fügt er hinzu. Nur in der Zeitung wolle er von alldem nichts lesen. "Am Ende wird das ja doch wieder falsch aufgefasst."

Rainer Opolka zieht am Abend ein positives Fazit. Dabei habe er nach seiner Ankündigung, nach Chemnitz zu kommen, im Internet zunächst "einen Shitstorm" erlebt. "Der war stärker als sonst", berichtet er. Vor Ort dann die Überraschung: "Ich hätte viel mehr Ablehnung erwartet. Mindestens 90 Prozent der Besucher fanden die Aktion gut", bilanziert der Brandenburger. Einige der mehrere Hundert Betrachter hätten ihm dagegen Hetze vorgeworfen. Selbst mit diesen Personen habe er aber konstruktive Gespräche führen können. "Das hatte ich so nicht erwartet", sagt Opolka und ergänzt: "Der Besuch in Chemnitz war anstrengend, aber beglückend."

Noch am Donnerstagabend reiste der Künstler mit seinen Wölfen wieder ab. Ein Grund: Die Kundgebung von Pro Chemnitz am Freitagabend an gleicher Stelle. "Ich will keine Zwischenfälle provozieren", so Opolka.

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5Kommentare
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  • 3
    3
    Distelblüte
    16.09.2018

    @Interssierte: Da hat der Künstler wohl etliche Nerven getroffen?

  • 2
    4
    Interessierte
    16.09.2018

    Es ist schon unglaublich , was diese Künstler sich einbilden und sich anmaßen ...
    Aber das Schlimme an der Sache - die bekommen Recht .....
    Und das alles auch noch vor dem Marx-Kopf ..........
    Und diese Westfrau im Interview mit den schlechten Zähnen , welche das befürwortet hatte ´für Chemnitz` , woher kam die denn ???

  • 0
    2
    Hinterfragt
    16.09.2018

    Hätte da eine Idee für auch ein "Kunstprojekt".

    Zwei Schafe, mit "geballter Faust" knuddeln mit Frau Merkel, bei einem der Schafe schaut am Bauch ein Stück Wolfspelz heraus ...

  • 4
    1
    aussaugerges
    15.09.2018

    Ich denke die Wölfe sind in Berlin die,
    Vermieter und Imobilien Haie.
    Wo 7000 gegen den Raubtierkapitalismus ankämpfen.

  • 4
    3
    leinadx
    15.09.2018

    genau die richtige installation am richtigen ort. kunst soll zum gespräch einladen und nicht irgendwo verstauben und widerspruchslos hingenommen werden!



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