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Drei Tage hat Chemnitz gestrahlt. Der Erfolg des ersten Lichtfestivals war unübersehbar. Neben dem grandiosen Spektakel wurde unterschwellig auf städtebauliche Problemlagen hingewiesen.
Tausende Menschen schieben sich am Abend durch die Stadt. Halb Chemnitz scheint mal nicht zu Hause zu sitzen, sondern gut gelaunt sich selbst und die Stadt zu feiern. Darunter sind auffällig viele Familien. Ist das ein Vorgeschmack auf 2025? Doch neben Show haben die Initiatorinnen von „Light our Vision“ auch ernsthafte Anliegen.
Plötzlich gibt es in Chemnitz einen Marienplatz, und der erstrahlt auch noch. Es ist eine Marienerscheinung, ohne religiöse Aufladung. Die Namenswahl hat historische Gründe. Bis zur Neubebauung der Innenstadt in den 1960er-Jahren gab es hier eine Marienstraße. Daran knüpfen Claudia Fischer und Linda Hüttner an, die mit einer Schar von Unterstützern das Lichtfestival „Light our Vision“ gestemmt haben. Die Brache in bester Citylage direkt hinter der Parteifalte benötigt eine Reanimation. Wenn Maria viele Pilger hierherlockt, am besten Verantwortliche der Stadtentwicklung, ist das Ziel erreicht.
Fischer wählt den etwas angestaubt wirkenden Begriff „bombastisch“ für ihre Eindrücke schon nach den ersten beiden Abenden. Gibt es vom Wort nach dem Sonnabend eigentlich eine Steigerungsform? Wurde in den sozialen Netzwerken zuvor noch auf lokaltypische Weise rumgemeckert, waren alle Kommentatoren, die es sich dann vor Ort umgeschaut haben, überwältigt.
Versteckte Fingerzeige
Ein kostümiertes Paar mit leuchtenden Aufblas-Elementen bewegt sich auf Stelzen durch die Zuschauer. Die Schweizer Künstlerin Janine Jaeggi ist der weibliche Part der Fantasiefiguren. Aus fast drei Metern hat sie einen guten Überblick und ist beeindruckt, obwohl sie schon viele solche Ereignisse erlebt hat. Kamen an den ersten Tagen viele Besucher zufällig vorbei, war es am Sonnabend eine Massenbewegung. Alle wollen genießen, nicht diskutieren. Ob auch Denkanstöße hervorgehen, können viele zunächst nicht beantworten. Erst einmal sacken lassen.
Am imaginären Marienplatz gibt es drei Schilder mit Darstellungen des Zustandes vor dem Krieg, der späteren Ödfläche und der Collage mit dem Guggenheim-Museum Bilbao, das hierher verpflanzt wurde. Den Effekt solch eines visionären Bauwerkes habe Chemnitz dringend nötig, so Fischer. Im baskischen Bilbao, einer mit Chemnitz vergleichbaren Stadt im Umbruch, ist das Museum zum Touristenmagnet und Wahrzeichen geworden. „Es ist eine neue Erfahrung, dass man hier entlang wandeln kann“, sagt Claudia Fischer. „Das ist schon mal was.“ Dass nun gleich intensive Diskussionen zur Überbauung der Brache entstehen, war gar nicht zu erwarten.
Ein neues Raumgefühl
„Dass wir von leuchtenden Flügelwesen durch die Parteifalte gelockt wurden auf einen Weg Richtung Kunstsammlungen, deren Treppenhaus wie ein beleuchtetes Tor wirkte, das habe ich wahrgenommen“, sagt Stadträtin Katharina Weyandt. Und dann sei ihr die Idee der Achse eingefallen, die schon oft präsentiert wurde. Tatsächlich gibt es die Achse Brückenstraße/Theaterplatz. Doch der Korridor des Museums ist außerhalb der Öffnungszeiten eigentlich geschlossen. Den Durchgang der Parteifalte nimmt man normalerweise kaum wahr. Warum auch? Dahinter gibt es ja nichts. Ein anderes Erlebnis ist die zum Wandeln einladende, für den Autoverkehr gesperrte Brückenstraße, ohne dass es zum Verkehrskollaps kommt. Es geht also.
Aus den Erfahrungen lernen
Diese Wahrnehmung neuer Raumeindrücke ist ein wichtiger Schritt in Richtung Veränderung. Die unvermeidlichen technischen Problemchen haben Profis so schnell in den Griff bekommen, dass die Besucher nichts merkten. Dass die Erstauflage des Lichtfestes hervorragend vorbereitet wurde, kriegt Claudia Fischer von den Partnern bestätigt. Etwas zu lernen gibt es immer. Mehr Toiletten, mehr gastronomische Angebote wird es 2024 geben, wenn das Festival einen Tag länger geht. Vorerst ist sie aber überglücklich über den Erfolg, der ohne einen einzigen Euro an Fördermitteln in wenigen Monaten umgesetzt wurde. Die Anzahl der Zuschauer überraschte. „Wir hatten etwa zwei Drittel weniger erwartet“, so Fischer. Fazit: Die Stimmung war perfekt. In den Köpfen ist zweifellos einiges hängengeblieben. (kas)





