Party und "Kampftag": Eine Bilanz zum Christopher Street Day in Chemnitz

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Mehr als 1000 Menschen haben mit Umzügen und einer Feier im Zentrum den neunten Chemnitzer CSD begangen. Zwischen viel Musik und guter Laune gab es auch ernste Zwischentöne.

Chemnitz.

Als die meisten Chemnitzer wohl den Mittagstisch decken, dreht Kevin Morris die Plattenteller an. Der bekannte Chemnitzer Gastronom steht auf einem Laster, der einen von vier Aufzügen zum Christopher Street Day (CSD) in Chemnitz anführt. Startpunkt dieses Zuges ist der Andrépark auf dem Kaßberg. Knapp 200 überwiegend junge Leute haben sich hinter dem Lkw eingereiht. Die Bässe wummern, die gut gelaunten, mit Regenbogenfahnen ausgestatteten jungen Leute tanzen, feiern, lachen. "Queerdenken statt querdenken", steht auf einem Plakat. Zu Fuß geht es in Richtung Innenstadt.

Es ist die neunte Auflage des Christopher Street Day in Chemnitz. Jenem Aktionstag, an dem gefeiert wird, den die LSBTQI-Community weltweit aber auch nutzt, um auf sich und ihre Sorgen aufmerksam zu machen. Und Forderungen zu stellen, beispielsweise nach einer Vereinfachung der Blutspende für schwule und bisexuelle Männer und der Änderung des Grundgesetz-Artikels 3: In das dort aufgeführte Diskriminierungsverbot soll nach dem Willen der Community auch die sexuelle Orientierung aufgenommen werden. Und weil in diesem Jahr Bundestagswahlen anstehen, habe man ein Zeichen setzen wollen und sich trotz Coronapandemie für Demonstrationen und nicht nur eine stationäre Feier wie 2020 entschieden, sagte Robert Lutz, Vorstand des Vereins CSD Chemnitz vorab.

Das gelingt. An den vier Aufzügen, die am Samstagmittag von verschiedenen Punkten in der Stadt starten - ein Novum, um mehr Raum zwischen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu bekommen - beteiligen sich insgesamt mehr als 1000 Leute. Der Zielort, der Stadthallenpark, ist ab 14 Uhr voll. Unter einem Baum ruhen sich zwei Personen von ihrem Umzug aus, der auf dem Sonnenberg gestartet war. Ihre Namen wollen sie nicht nennen. Man dürfe sich einen ausdenken. "Aber einen nicht-binären. Kim zum Beispiel." Sind die beiden zum Feiern hier? "Das hier ist mehr als Party. Das ist auch ein Kampftag", sagt Kim. "Die Gesellschaft müsse endlich darüber hinwegkommen, dass es nur Mann und Frau gibt." Außerdem wolle man Solidarität mit jenen LSBTQI-Menschen zeigen, die Repressionen und Gewalt ausgesetzt sind, beispielsweise in Georgien und Ungarn.

Deren Schicksale betonen auch Rednerinnen und Redner auf der Bühne im Stadthallenpark, sie verweisen aber auch auf Deutschland. "Diskriminierungen gegen uns sind nicht vorbei, nur weil es die Ehe für alle gibt", sagt Ronald vom CSD Dresden. Seine und weitere Reden verfolgen viele von außerhalb des eingezäunten Partygeländes vor der Stadthalle. Denn im Gelände dürfen sich zeitgleich nur 999 Personen aufhalten und diese Obergrenze wird im Laufe des Nachmittags immer wieder erreicht. Von Frust in der Schlange am Einlass ist aber keine Spur, was sicher auch an den freundlichen Securitys liegt, die Gäste mit den Worten "Gute Laune, aber keine Flaschen" empfangen. Während also drinnen Bands auftreten, getanzt und gejohlt wird, spielen die Draußengebliebenen im Schatten der Bäume Karten oder hängen einfach nur ab. "Unite with Pride - From Chemnitz with Love" (in etwa "vereint im Stolz - Liebste Grüße aus Chemnitz") - das Motto dieses CSD nehmen sich offenbar viele zu Herzen.

 

Zur Info:

Mit dem Christopher Street Day wird an den sogenannten Stonewall-Aufstand vom 28. Juni 1969 erinnert, der sich gegen Polizeiwillkür richtete. Damals lieferten sich in New York Homo- und Transsexuelle gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Heute nutzt die LGBTQI-Szene diesen Tag auch, um auf sich und gegen sie gerichtete Repressionen aufmerksam zu machen.

LSBTQI steht lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer und intersexuell. Intersexuelle Menschen haben seit Geburt keine eindeutigen Geschlechtsmerkmale. Trans bedeutet, dass sich Menschen mit ihrem biologischen und sozialen Geschlecht nicht identifizieren können. Queer wird unterschiedlich verwendet, unter anderem für nicht-heterosexuelle Menschen.

Führung im Tierpark Chemnitz widmet sich Homosexualität im Tierreich

Es musste ja so kommen. Rosa - genauer: ein rosa Winkel - gilt als Zeichen der Schwulenbewegung. Wo anders, als am Gehege der Flamingos, dieser, hochbeinigen, staksigen Vögel mit ihrem rosa Gefieder, sollte also eine Führung rauskommen, die sich dem Thema "Homosexualität im Tierreich" widmet. Jan Klösters, Zoopädagoge des Tierparks und Initiator des Rundgangs "Queere Tiere", nimmt den Faden auf: "Flamingos sind ein wunderbares Zeichen für Homosexualität unter Tieren - und das nicht wegen ihrer Farbe", sagt er und erntet ein Lachen der Gäste.

Die Vögel, erklärt er, lebten in freier Wildbahn in großen Kolonien mit etwa gleicher Anzahl an Weibchen und Männchen. Für jeden Topf gebe es also theoretisch einen Deckel. Und dennoch gingen einige Tiere lesbische und schwule Bindungen ein - ohne, dass das übrigens negative Auswirkungen auf die Anzahl des Nachwuchses habe. "Die Weibchen paaren sich trotzdem, leben aber in einer gleichgeschlechtlichen Gemeinschaft", erklärt Klösters. Im Chemnitzer Tierpark - einer eher kleinen Kolonie - lebten aber nur heterosexuelle Tiere.

Homosexualität habe lange Zeit als ein rein menschliches Verhalten gegolten, das überdies als "widernatürlich" abgelehnt und kaum erforscht wurde, erzählt Klösters. Das hat sich geändert. Mittlerweile kennen Forscher von etwa 1500 Tierarten homosexuelles Verhalten.

So zum Beispiel von Affen. "Bei Bonobos ist Sex ein großes Thema, dient auch als Konfliktlösung. Die Geschlechterkonstellation ist dabei egal", sagt Klösters. Häufiger neigten dabei Weibchen zu homosexuellem Verhalten. Bei Somali-Wildeseln gebe es Homosexualität nur bei Weibchen. "Sie lassen sich trotzdem decken, ziehen den Nachwuchs aber mit anderen Weibchen groß."

Und sonst? Kamele bevorzugen Harem-Strukturen, Stachelschweine haben Sex auch außerhalb der Paarungszeit und bei Tüpfelhyänen - "den Dragkings" (Klösters) - ähneln die Genitalien der Weibchen sehr dem Penis der Männchen. Es geht also durchaus queer zu im Tierreich. So, wie bei den Menschen. Nun ja, nicht ganz, schränkt Klösters ein. "Das Einzige, was der Mensch sein Eigen nennen kann, ist Homophobie. Das gibt es nämlich im Tierreich nicht."

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