Rasante Flucht endet auf Anklagebank

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Im Frühjahr hat sich ein 22-Jähriger mit der Polizei eine Verfolgungsjagd zwischen Chemnitz und Limbach-Oberfrohna geliefert. Zehn Zeugen erlebten den Fall hautnah.

Limbach-O./Chemnitz.

Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Gefährdung des Straßenverkehrs. Was hinter den Anklagepunkten steht, klingt in der Anklageschrift von Staatsanwalt Martin Bierlein zunächst wie eine Passage aus einem Drehbuch für die Fernsehserie "Alarm für Cobra 11".

Das belegt auch die Zeugenaussage eines Polizeibeamten. Als der am 12. Februar dieses Jahres mit einer Kollegin gegen 13.20 Uhr mit dem Streifenwagen im Chemnitzer Stadtteil Wittgensdorf unterwegs ist, fällt ihm am Bräuteichweg ein BMW auf. "Wir hatten das Gefühl, dass mit dem etwas nicht stimmt. Also haben wir uns entschlossen, den Fahrer einer allgemeinen Verkehrskontrolle zu unterziehen." Doch der trat plötzlich das Gaspedal durch und flüchtete. Die Beamten verfolgten den BMW und forderten Verstärkung an. "Der ist innerorts mit Tempo 120 gefahren", schätzte der Polizist vor Gericht. Außerhalb der Ortschaften sei er sogar mit 160 Kilometer pro Stunde unterwegs gewesen. Die Polizisten schalteten Martinshorn und Blaulicht ein, um die anderen Verkehrsteilnehmer zu warnen und rasten mit etwa 150 Metern Abstand hinterher. Eine 41-Jährige, die nach dem Ortsausgang in Richtung Chemnitz unterwegs war, bemerkte das Sondersignal. "Der BMW hat im Gegenverkehr überholt und ist auf mich zugefahren. Ich musste stark abbremsen und ganz rechts fahren, damit es nicht kracht", so die Frau vor Gericht.

Von den zehn Zeugen konnten mehrere die rasante Fahrweise bestätigen. Der BMW schlängelte sich durch den stehenden Verkehr knapp an einem Winterdienst-Traktor vorbei. An anderer Stelle musste er, wie in der Verhandlung beschrieben wurde, über den Bordstein fahren und beschädigte einen Zaun - Schaden: 2500 Euro. Erst am Ostring in Limbach-Oberfrohna musste der Fahrer anhalten. Ein VW, der nach links auf den Ostring eingebogen ist, versperrte ihm unbewusst die Weiterfahrt. Inzwischen hatte der Streifenwagen den Flüchtenden eingeholt. Doch beim Versuch, den BMW zu blockieren, rammte die Streife den Golf: 10.000 Euro Schaden.

Die Beamten sprangen aus ihrem Auto, wollten die Türen vom BMW öffnen. Doch die waren verriegelt. Einem zweiten Streifenwagen der Autobahnpolizei gelang es auch nicht, den BMW seitlich zu blockieren. Der Fahrer legte den Rückwärtsgang ein, wendete und raste wieder in Richtung Chemnitz. Später, so die Schilderung vor Gericht, fanden die Beamten das ramponierte Auto in der Einfahrt zu einem Garagenhof bei Kändler. Eine Zeugin berichtete den Beamten, dass sich der Fahrer zu Fuß davongemacht hat. Eine Abfrage ergab: der BMW war von der Mutter des Angeklagten, der unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leidet, gemietet worden. Eine Fahrerlaubnis hat der Angeklagte nicht, ein gefälschter Führerschein war ihm Monate vor der Tat abgenommen worden. Als die Polizisten den Verdächtigen zu Hause aufspürten, ergab ein Drogentest bei ihm 7,2 Nanogramm THC im Blut. THC steht für Tetrahydrocannabinol, eine psychoaktive Substanz und rauschbewirkender Bestandteil der Hanfpflanze. Verteidiger Stefan Katzorke gab in seinem Plädoyer der Polizei eine Mitschuld am Geschehen: "Sie haben ihn in gewisser Weise dazu getrieben. Bei Menschen, die viele Jahre unter ADHS leiden, ist so eine Reaktion nicht unnormal." Staatsanwalt Bierlein sah da bei dem Mann, der weder über einen Schul- noch einen Berufsabschluss verfügt, eher das schlechte Gewissen als Motiv für die Flucht. Das Gericht verurteilte den Angeklagten unter Einbeziehung einer Vorstrafe zu 3600 Euro Geldstrafe und ein Jahr Führerscheinsperre. Richter Manfred Weber: "Sie können von Glück reden, dass nicht mehr passiert ist." Das Urteil ist noch nichts rechtskräftig.

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