Abo
Sie haben kein
gültiges Abo.
Schließen

Blütenvorrat muss übers Jahr reichen

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Berufsmillionäre: Christiane Schlüssel sammelt als Inhaberin der Zipfelhaus-Werkstatt nicht nur eben mal 1000 Gänseblumen

Auerbach.

Zahlen bestimmen den Alltag. Gewerke und Branchen kennen Kilogramm, Liter oder Stück. Einige Berufsvertreter haben für die "Freie Presse" einmal die Statistik bemüht. Und da wird mancher auf dem Papier sogar zum Berufsmillionär. Christof Heyden hat mit Christiane Schlüssel, der 84-jährigen Kunsthandwerkerin und Inhaberin der Zipfelhaus-Werkstatt in Auerbach, gesprochen.

Freie Presse: Das Zipfelhaus gilt als Wunderwelt der Blütenminiaturen. Seit wann haben Sie den Hut für die Marke auf?

Christiane Schlüssel: Als Tochter von Werkstattgründerin Hildegard Hemmerling-Vogel bin ich seit 1959 Mitinhaberin und habe 1972 die Geschäftsführung des Familienunternehmens mit mehreren Mitarbeiterinnen übernommen. Seit 2000 trage ich allein die Zipfelhaus-Idee weiter.

Das Motto "Lasst Blumen sprechen" bekommt in Ihrer Werkstatt eine ganz neue Dimension. Kunstwerke erblühen quasi aus filigransten Pflanzenteilen. Oder kommen doch einmal Buntstift oder Farbpinsel zum Einsatz?

Wir nutzen für jedes noch so kleine Detail ausschließlich Naturmaterialien. Sowohl jene, die vor unserer Werkstatttür wachsen, als auch Exemplare, die wir im gesamten Erzgebirge sammeln. Jedes Detail besteht aus Blumenteilen, Gräsern oder auch Moosen. Genauso verarbeite ich natürliches Treibgut, etwa Tang aus der Ostsee. Und selbst einen Urlaubsaufenthalt in der Karibik habe ich genutzt, Pflanzenteile einzusammeln. So eignete sich beispielsweise das abgefallene Blütenmaterial eines Baumes als Stilmittel. In dem Motiv der Arche Noah habe ich so den Regen der Sintflut dargestellt.

Unser Interview fällt in eine Zeit, in der Weidenkätzchen einen Schwerpunkt bilden.

Ja, ich nutze ganzjährig das, was uns die Natur jeweils zur Verfügung stellt. Diesmal galt es, 1200 weibliche Weidenkätzchen-Blütenstände zu verarbeiten. Getrocknet entstehen daraus Igel oder Eule. Wie bei diesem Material heißt es auch bei allem anderen, einen Vorrat anzulegen, damit ich bis ins darauffolgende Jahr ausreichend Nachschub habe. Mit meiner Enkelin habe ich soeben auch 1000 Gänseblumenköpfchen gesammelt.

Haben Sie je Buch geführt, wie viele Bildkompositionen Sie bislang geschaffen haben?

Zunächst muss man wissen, dass Hildegard Vogel rund 2000 Blütenbildentwürfe und 50 verschiedene Kassetten mit weiteren 600 Motiven kreierte. Diese bilden die Basis meines Tuns, zudem habe ich eine Vielzahl weiterer Motive geschaffen. Dabei hat sich die Themenpalette um Tiere und Lebenssituationen von uns Menschen erweitert. Jüngst wollte ein privater Auftraggeber als Sammler von Bügeleisen ein Motiv mit Plätteisen. Selbst das habe ich ihm fertigen können. Am gefragtesten sind bei solchen Auftragsarbeiten Katzen als Motiv, gefolgt von Hunden, angeführt vom Dackel.

Aus wie vielen Einzelteilen besteht ein solches Kunstwerk?

Als Beispiel könnte das Motiv September meines diesjährigen Jahreszeitkalenders dienen. Die Eberesche, also der Vugelbeerbaam für die Erzgebirger, besteht aus 303 Pflanzenteilen. Die kleinsten Blütenteile sind dabei gerade einmal mit einer Pinzette zu verarbeiten.

Haben Sie je mitgezählt, wie viele Blüten Sie bislang verarbeitet haben?

Auf die Stückzahl genau kann ich das nicht sagen. Aber die Dimension wird deutlich, wenn ich meine Papierbögen heranziehe, auf denen ich mein gesammeltes Naturmaterial trockne und presse. Auf jede dieser Platten im Format Din A4 passt eine bestimmte Anzahl Blütenteile. So etwa vom Vergissmeinnicht. Da passen 220 Stück Blüten auf eine Platte. Einmal den Zeitraum seit 2000 zugrunde gelegt, habe ich 2515 Platten getrocknet. Das sind also insgesamt 553.000 Köpfchen. Oder die Kornelkirsche. Von dieser habe ich in einem Zeitraum von 20 Jahren rund 29.000 Blüten gepresst.

Könnte man ausrechnen, welche Fläche eine Blumenwiese mit den von Ihnen geschaffen Kunstwerken einnehmen würde?

Wenn ich die auf den Trockenplatten gepressten Blumenteile seit 2000 hochrechne, dürften diese etwa 1800 Quadratmeter ausmachen, also so groß wie ein Eishockeyspielfeld. Und ziehe ich einmal den Zeitraum seit 1972 heran, dann ist das Bild einer Berufsmillionärin ohnehin stimmig. Seitdem wurden etwa 2.173.680 Blütenplatten getrocknet.

Bezüglich unseres Millionenthemas die Nachfrage: Was würden Sie mit einer solchen Geldsumme anfangen wollen?

Diesen Betrag würde ich zur Erhaltung naturnaher Flächen in unserer Erzgebirgsregion und auch für den Erhalt des Regenwaldes spenden wollen.

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.