Das Gespenst der Weimarer Verhältnisse

Die Erinnerung an die Weimarer Republik boomt dank des hundertsten Jubiläums wie noch nie. Eine Tagung in Chemnitz fragte nach den Lehren von 1918/19. Mit durchaus erstaunlichen Einsichten.

Chemnitz.

So viel Erinnerung an die Weimarer Republik, die vor 100 Jahren aus der Taufe gehoben wurde, war eigentlich noch nie. Aber ist es allein die Aura der kalendarischen Wiederkehr, die diese Zeit für die Gegenwart so interessant erscheinen lässt? Das fragten sich jüngst Historiker bei einer Konferenz "Die Weimarer Republik als Ort der Demokratiegeschichte"am Lehrstuhl Politische Theorie und Ideengeschichte der TU Chemnitz.

Jüngst nach der Europawahl vom Mai wurde landauf, landab von einer dramatischen Erosion der Volksparteien und der parlamentarischen Zersplitterung gewarnt. Die Krise der Demokratie ist offensichtlich. Haben wir also doch eine Renaissance der Weimarer Verhältnisse? Erinnert sei an die Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und DDP, die schon seit den Reichstagswahlen von 1920 keine Mehrheit mehr besaß. Eine weitere alarmierende Parallelität liegt im Anwachsen des Rechtspopulismus und in der Verrohung der Sprache. Auch die heute teils offene Verhöhnung des Konsenses über die deutsche Diktaturvergangenheit gibt zu denken.

Weimar kommt als erster Demokratie auf deutschem Boden eine besondere Bedeutung zu, auch wenn stets als Chiffre für eine letztendlich gescheiterte Demokratie. Doch der grobe Vergleich zu heute ist falsch, wie bei der Fachtagung an der TU Chemnitz festgestellt wurde. Martin Sabrow vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam sah in seinem Vortrag hinter den vordergründigen Parallelen fundamentale Unterschiede. "Die Weimarer Republik entstand in und die Bundesrepublik lange nach der Niederlage. Die Bundesrepublik ist zudem durch eine breite demokratische Mitte geprägt, die scharf mit dem Abschmelzen der bürgerlichen Parteien in Weimar kontrastiert."

Auch beim Populismus damals und heute zeigten sich wesentliche Unterschiede. Der Rechtspopulismus der Zwischenkriegszeit war "durch fester umrissene weltanschauliche Ziele bestimmt". Sabrow: "Deswegen vermochte das Zukunftsversprechen des Rechtsradikalismus nach 1918 messianische Züge anzunehmen, während der Populismus unserer Zeit seine strukturelle Antihaltung zum Bestehenden gerade aus dem Verblassen der Zukunftsvision ableitet." Die Renaissance des Weimar-Vergleichs küsse ein bloßes Gespenst wach.

Die von dem Chemnitzer Politikwissenschaftler Alexander Gallus und seinem Potsdamer Kollegen Ernst Piper organisierte Konferenz ging daher vielmehr der Frage nach, welchen Platz dieser Versuch, einen liberalen und sozialen Staat zu etablieren, in der deutschen Erinnerungskultur hat. Allzu oft wurde sie als Geschichte des Scheiterns gesehen und nur von ihrem Ende her betrachtet. In Chemnitz wurde ein offener Blick auf die europäischen Demokratien der Zwischenkriegszeit gewagt. Gallus: "Weimar ist kein antiquarischer Gegenstand, sondern ein vitales historisches Experimentierfeld."

Als Bilanz der Fachtagung stellte Gallus fest: "Es ist ein Abschied von einfachen Formeln. Wir müssen Weimar janusköpfig sehen, als Fundus für verschiedene Erzählungen: einerseits die von den Weimarer Verhältnissen mit der drohenden Niederlage der Demokratie, andererseits die von dem beachtlichen Potenzial für eine demokratische Tradition in Deutschland." Beispiele für eine solche Traditionslinie seien nicht nur die Rückkehrer aus dem Exil nach 1945, sondern auch der Parlamentarische Rat, der 1948 nicht immer nur die Formel "Bonn ist nicht Weimar" bestätigen wollte, sondern auch einiges an Verfassungstradition von 1918/19 in das Grundgesetz eingearbeitet hatte.

Der Beginn von Weimar bietet den Reiz der offenen historischen Situation. Gallus: "Sie interessiert uns mehr als früher in einer als unsicher empfundenen Gegenwart. Mit der Verspätung von drei Jahrzehnten stellen wir heute fest, dass wir uns nicht mehr in den festen Modellen des Kalten Krieges befinden. Demokratie muss nicht immer in einer ganz bestimmten Form fortgesetzt werden, sie verändert sich und ist mitunter auch gefährdet. Man muss an der Demokratie arbeiten."

Lehren aus Weimar? "Es ist die Pluralität der Möglichkeiten jenseits von für ewig gehaltenen politischen Zuständen", so Gallus. Über die Formbarkeit und Fragilität der Demokratie, die nicht gleich den Zusammenbruch prognostiziert, sondern auch Alternativen aufweist, sprach auch der Freiburger Historiker Jörn Leonhard in seinem Festvortrag. Es wurde in Chemnitz deutlich, wie sehr die Weimar-Formel, so Gallus, einen "Raum für Sorge, aber auch für Sehnsüchte" eröffnet.

Wer mehr über Weimar wissen möchte: Gegenüber dem Tagungsort der Nationalversammlung, dem Deutschen Nationaltheater, entsteht derzeit in der thüringischen Klassikerstadt das "Haus der Weimarer Republik". Das Forum für Demokratie wird am 31. Juli eröffnet.

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