Wie die Zeit vergeht

Die Pünklichste ist sie gerade nicht. Sagt Isabell Winkler von sich selbst. An der TU Chemnitz erforscht die Psychologin - vielleicht gerade deshalb - das Zeitempfinden. Und erklärt, warum für uns drei Wochen Arbeit länger sein können als drei Wochen Urlaub.

Chemnitz.

Die Sommerferien sind für viele Schüler und Eltern vergangen wie im Flug. Schon am Montag ist wieder einmal alles vorbei. Dabei sind sechs Wochen eben sechs Wochen und kein Tag weniger. Aber schon Albert Einstein wusste, dass Raum und Zeit relativ sind: Während die Zeit im Wartezimmer des Hausarztes mitunter äonengleich dahinkriecht, verfliegt sie eben im Urlaub oder in den Armen des oder der Angebeteten im Nu. Oder warum vergeht beispielsweise die Zeit scheinbar schneller, je älter man wird? Es sind altbekannte Alltagsphänomene, denen die Chemnitzer Psychologin Isabell Winkler auf den Grund gegangen ist. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der TU Chemnitz erklärt mit ihren Studien, welche Faktoren für das subjektive Zeitempfinden in der Gegenwart und in der Rückschau verantwortlich sind.

Eine Sekunde, das sind rein physikalisch 9.192.631.770 Schwingungen eines Cäsium Atoms. Aber das Gehirn des Menschen hält sich nicht an die Atomuhr. Zeitforscher finden das Zeitgefühl daher viel interessanter als die Zeitmessung. "Die Neuropsychologische Forschung zeigt, dass es mehrere Bereiche im Gehirn gibt, die über Schleifensysteme vernetzt sind und die verantwortlich für das Zeitempfinden sind", erklärt Isabell Winkler. "Auch Tiere und kleine Kinder können bereits Unterschiede in der Dauer von Reizen wahrnehmen. Daher kann man davon ausgehen, dass die Wahrnehmung von Zeit angeboren ist. Was jedoch eine lange beziehungsweise kurze Dauer bedeutet, muss gelernt werden, wie zählen oder die Uhr lesen."

Alles hat einen Anfang und ein Ende. Das ist ein großes Thema der Kulturgeschichte. Dass die Zeit endlich ist, gehört zu den fundamentalen Erkenntnissen der Menschheit. Das christliche Weltbild ist geprägt von diesem linearen Zeitverständnis. Da liegt die Frage nach dem Umgang mit Lebenszeit und vor allem dem Zeitempfinden nahe.

Isabell Winkler beschäftigt sich damit seit 2009, seit ihrer Doktorarbeit. "Mich hat schon immer die kognitive Psychologie besonders interessiert, also wie wir die Dinge wahrnehmen, denken und erinnern", sagt sie über ihre Motivation. Und die Zeit? Sie selbst ist wie sie freimütig zugibt im Alltag alles andere als pünktlich. "Vielleicht hat das ja für meine Motivation, mich nun gerade mit dem Zeitempfinden zu beschäftigen, eine Rolle gespielt", sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Laut Isabell Winkler gibt es bei der Zeit Faktoren, die die Wahrnehmung beeinflussen und damit auch verfälschen können. Beispielsweise Ablenkung, emotionale Aktivierung oder körperliche Anstrengung. "Wenn Menschen warten müssen und sich dabei nicht ablenken können, kommt ihnen die Zeit meist ziemlich lang vor. Jeder kennt das vom Warten auf den Bus oder den Zug. Oft sind diese Schätzungen auch genauer, weil man sich auf die verstreichende Zeit konzentriert und diese besser wahrnehmen kann. Lenkt man sich ab - etwa durch das Internet, Videos schauen oder Musik hören - scheint die Zeit schneller zu vergehen." Die tatsächliche Dauer würde übrigens tendenziell unterschätzt, weiß die Zeitforscherin. Jeder Erwachsene wird sich noch an die ewig lange Vorweihnachtszeit der Kindheit erinnern. Doch schon damals dauert die nur 24 Tage - in Schokolade runtergezählt mit dem Adventskalender. Dazu Isabell Winkler: "Hier spielt das Zeitempfinden den Kindern einen Streich, weil sie sich zu sehr auf die Geschenke zu Heiligabend fokussieren. Sie achten zu stark auf die verbleibende Zeit."

Bei der Rückschau auf länger zurückliegende Zeitspannen kommen aber weitere Faktoren hinzu. Das sind zwei paar Schuhe. Es ist beispielsweise wichtig, wie viele Ereignisse in Erinnerung geblieben sind, wie routiniert die Handlungen waren und ob sie unter Zeitdruck ausgeführt wurden. "Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei", schrieb dazu einst der britische Visionär und Schriftsteller George Orwell ("1984"). Jeder Erwachsene im mehr oder weniger fortgeschrittenen Alter kennt das Gefühl, dass die Zeit zu rennen scheint.

Isabell Winkler untersuchte unter anderem die Einflussfaktoren des Zeitempfindens im Alter. "In der Forschung gibt es eine Reihe von Theorien zu diesem Alterseffekt. Aber die Ergebnisse der jeweiligen Studien waren nicht schlüssig und sogar etwas paradox", sagt sie.

Warum? "Der Effekt trat nur dann auf, wenn die Geschwindigkeit des Zeitvergehens für vergangene Lebensperioden beurteilt wurde. In der Regel wurde jedoch kein Unterschied festgestellt, wenn das Zeitempfinden in der aktuellen Lebensperiode zwischen Teilnehmern verschiedener Altersgruppen verglichen wurde", so die Psychologin.

Damit handelt es sich also nicht um einen tatsächlichen Wahrnehmungsunterschied, der vom Alter abhängt, sondern um ein Gedächtnisphänomen beziehungsweise einen Erinnerungseffekt. Mit anderen Worten: Das Gedächtnis schlägt uns ein Schnippchen, je älter wir werden. Der Alterseffekt entsteht meist nur beim Vergleich des rekonstruierten Zeitempfindens zwischen den verschiedenen Lebensperioden eines Menschen. So die Ergebnisse der Chemnitzer Studien. Aber es gibt einen Trost für Ältere: Selbst junge Probanden mit Mitte Zwanzig hatten schon den Eindruck, dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter sie werden.

Sind sie also doch unterwegs, die Zeitdiebe aus Michael Endes großartigem Buch "Momo" aus dem Jahr 1973? Die wollten bekanntlich die Welt erobern, indem sie die Menschen dazu nötigten, Zeit zu sparen. Meister Hora war dagegen. Der war bei Ende Herr über die Zeit und überlistete die Zeitdiebe schließlich mit Hilfe von Momo und der Schildkröte Kassiopeia. Im wahren Leben abseits der Romanfiktion ist aber jeder selbst ein Meister Hora.

Isabell Winkler erklärt das so: "Wichtige Erklärungsfaktoren für das immer schneller werdende Zeitempfinden im Alter sind die im Laufe des Lebens zunehmenden Handlungsroutinen und damit einhergehend das Erfahren immer weniger neuer Lebensereignisse. In der Rückschau rekonstruieren wir die Dauer von Zeitspannen auf Basis erinnerter Ereignisse. An Zeitspannen an sich können wir uns nicht erinnern. Je mehr passiert ist, desto länger wird ein Zeitabschnitt geschätzt. Zunehmende Routinen führen zu weniger intensiv und bewusst erlebten Ereignissen oder Handlungen. Damit werden in derselben Zeitspanne weniger unterschiedliche Elemente erinnert und die Dauer wird als kürzer wahrgenommen."

Dieses Phänomen erklärt, weshalb uns die Kindheit auch im Rückblick wie eine Ewigkeit vorgekommen ist. Kinder erleben natürlicherweise mehr Dinge zum ersten Mal und nehmen diese dadurch vermutlich intensiver und detailreicher wahr. Auch die Urlaubsreisen in der Kindheit, an die wir uns bis in das kleinste Detail zurückerinnern können, lassen sich durch diese Arbeitsweise des Gehirns erklären. Alltägliche Ereignisse in der Jugend aber geraten in Vergessenheit.

Im Erwachsenenalter ändert sich das: Stress und Zeitdruck bewirken, dass Handlungen und Ereignisse weniger bewusst, detailreich und damit weniger achtsam erlebt werden können. Winkler: "Meist müssen mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden und man kann sich nicht die Zeit nehmen, sich auf Einzelheiten zu konzentrieren. Rückblickend werden dann meist weniger Elemente des Erlebten erinnert und die Zeitspanne als kürzer wahrgenommen." Sogar in der aktuellen Stresssituation wird der Zeitverlauf als zügiger erlebt, da man dann nicht an die Zeit denkt. In Prüfungssituationen kommt das zum Beispiel häufig vor. Die Frage "Was, schon vorbei?" wird jeder Prüfer schon mal gehört haben.

Ob die Zeitwahrnehmung sich durch die Digitalisierung und die damit zusammenhängende ständige Erreichbarkeit verändert hat, kann die Chemnitzer Psychologin nicht beantworten. Der Einfluss von Digitalisierung ist in Studien nur schwer realistisch nachweisbar. Sie vermutet es aber. "Es gibt durch die Digitalisierung potenziell mehr Ablenkung und im Gegenzug kaum noch echte Wartezeiten, die zur Entschleunigung zwingen." Die Zeit könne daher durchaus als schneller erlebt werden - sowohl auf Künftiges als auch Vergangenes bezogen. Nicht jedermanns Sache. Ein Trend hin zum reflektierten Gegensteuern ist bereits erkennbar. Etwa in Form von diversen Achtsamkeitskursen, Yoga oder Meditation.

Gerade durch das schier allgegenwärtige Smartphone wird alles noch hektischer. "Es ist einerseits ein gutes Medium, um sich abzulenken. Die Zeit vergeht dann schneller. Anderseits ist man dadurch auch überall erreichbar, man bekommt Anfragen, Arbeitsaufträge - das kann zu Stress führen und lässt die Zeit wieder schneller laufen. Retrospektiv könnte es aber zu weniger detailreichen einzigartigen Erinnerungen führen", mutmaßt die Zeitforscherin. Handys killen die Zeit und die Erinnerung daran.

Was aber wäre die praktische Umsetzung ihrer Grundlagenforschung? Wie kann man das Beste aus seiner Zeit herausholen? Isabell Winkler: "Wann immer es der Alltag zulässt, könnte man Routinen durchbrechen und sich positive, bleibende Erinnerungen schaffen. Hilfreich ist vor allem, regelmäßig und bewusst Dinge zum ersten Mal auszuprobieren." Dann vergeht die Zeit subjektiv gesehen nicht mehr ganz so rasant.

Es soll Menschen geben, die ganz ohne Uhr in der Tasche oder am Handgelenk in den Tag gehen. Unsere westliche Welt funktioniert aber nur mit Pünktlichkeit, mit der Abhängigkeit von der Zeit. Die Uhr gibt Sicherheit und Kontrolle. Andere wollen sich nicht von der Uhr stressen lassen. Isabell Winkler: "Wir machen hier in Chemnitz gerade eine neue Studie zum Zeitbewusstsein. Da untersuchen wir, wie gut Menschen Zeit einschätzen können. Manche brauchen die Uhr gar nicht zum Zeitablesen. Sie haben eine gute innere Uhr."

Und da ist zumindest der praktische Erkenntnisgewinn der Studie schon klar: Die verlässliche innere Uhr ist wie geschaffen fürs Eierkochen zum Frühstück. Denn wer sie hat, die innere Uhr, den kann das Gefühl für das perfekte Fünf-Minuten-Ei gar nicht trügen ... Die heile, verschrobene Welt von Loriot lässt grüßen. Bei seinen Sketchen wurde die Zeit übrigens nie lang - sagen zumindest die Loriot-Fans.

Die Zeitforscherin

Isabell Winkler arbeitet seit 2011 als Psychologin an der Professur für Forschungsmethodik und Evaluation der TU Chemnitz. 2010 erhielt sie für ihre Dissertation den Universitätspreis der TU im Bereich Human- und Sozialwissenschaften.

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