Apfelschäler unter Generalverdacht

Der Bundesrat soll ein Messerverbot an vielen öffentlichen Orten angehen. Als Bereiche sind Fußgängerzonen und öffentlicher Nahverkehr im Blick. Die Polizeigewerkschaft sieht verrohte Gesellschaft als Grund für Angriffe.

Augenmaß statt Aktionismus ist das Gebot der Stunde, wenn es um eine Aktualisierung des deutschen Waffenrechts geht. Ein Waffenrecht, das bereits jetzt viele Beschränkungen in Bezug auf den Besitz und das Mitführen von Messern auferlegt. Grundsätzlich ist längst verboten, Hieb- und Stoßwaffen mit fest stehender Klinge von mehr als zwölf Zentimetern mitzuführen. Auch für Messer mit einhändig feststellbarer Klinge, die also im Verborgenen leicht und schnell in Angriffsposition zu bringen sind, gelten Auflagen. Butterflymesser, deren Klinge mit einem Handgelenksdreh in Position zu bringen sind, sowie Spring- und Fallmesser gehören zu komplett verbotenen Gegenständen.

Für viele Klingen galt bisher eine Unbedenklichkeitsgrenze von 8,5 Zentimetern. Dass die nicht mehr zu reichen scheint, hat mit der Messerattacke auf den 35-jährigen Daniel H. am Chemnitzer Stadtfestwochenende zu tun. Das mutmaßliche Tatmesser vom Typ Böker Magnum, an dem sich Daniel H.s Blut und DNA-Spuren des flüchtigen Verdächtigen Farhad A. befinden, hat eine Klingenlänge eben jener achteinhalb Zentimeter. Die Stiche hatten trotzdem tödliche Konsequenz.

Natürlich mag angesichts dessen die Forderung nahe liegen, Gefahren weiter schrumpfen zu lassen, durch geringere Klingenlänge oder dadurch, in bestimmten Bereichen und bei Menschenaufläufen Messer erst gar nicht mehr zuzulassen. Allerdings übersieht man beim Ganzen ein wesentliches Problem: Den Blick auf die Minderheit krimineller Gewalttäter gerichtet, die sich von einem Verbot nicht wirklich vom Tragen einer Waffe abhalten lassen wird, spräche der Gesetzgeber einen Generalverdacht für die große Mehrheit gesetzestreuer Bürger aus. Denen käme ihr Messer in ihrer Tasche, das sie eher zum Apfelschälen nutzen, nie als Waffe in den Sinn. Muss sich jeder Besitzer eines Schweizer Offizierstaschenmessers, dessen Klinge in aller Regel bei etwa neun Zentimetern liegt, als potenzieller Verbrecher fühlen? Absurd!

Bei Menschenaufläufen Messer grundsätzlich zu verbieten, ist natürlich erwägenswert. Ähnlich wie bei Veranstaltungen, bei denen der Hausherr ja auch definieren kann, welche Gegenstände er erlaubt und welche nicht. Allerdings gilt es hier eben, das eingangs erwähnte Augenmaß zu bewahren. Örtlichen Behörden Blanko-Vollmacht zu erteilen, weite Teile eines Ortes mit einem Komplettbann für Messer zu belegen, ist übertrieben. Und auch gar nicht zielführend, weil es das Problem möglicher Attacken kaum lösen dürfte.

Im Prozess zum Tod von Daniel H. sagten Zeugen, der mutmaßliche Täter Farhad A. habe in der Tatnacht bereits Stunden zuvor sein Messer gezückt. Er verletzte einen Gastwirt an der Hand, der die Polizei rief. Die erteilte dem Täter einen Platzverweis, ließ ihm aber sein Messer. Vor der Einführung neuer Verbote ist zuallererst eins wichtig: Konsequenz der Gesetzeshüter beim Durchsetzen des bereits geltenden Rechts. Wäre dem Angreifer nach der ersten Attacke des Messer ab-, wäre er festgenommen worden - es hätte gar keinen tödlichen Angriff gegeben.

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