Die Grünen und ihr Luxusproblem

Zur Debatte um einen grünen Kanzlerkandidaten

Davon können CDU und SPD derzeit nur träumen: Glänzende Umfragewerte und eine beliebte Parteispitze. Dazu kommt bei den Grünen nach Jahren des Zanks eine fast schon unheimlich anmutende Geschlossenheit, auch bei der Frage einer möglichen Kanzlerkandidatur. Spätestens seit die Partei in den Umfragen an der CDU vorbeigezogen ist, drängt sich das Thema zwar auf, wurde bisher aber konsequent kleingehalten. Konsequent weichen grüne Spitzenpolitiker entsprechenden Fragen aus. Ihrer Beliebtheit hat es noch nicht geschadet. Warum sollte es auch? Jeder potenzielle Grünen-Wähler kennt doch das Spitzenduo. Robert Habeck und Annalena Baerbock stehen bereit und verweigern würden sich die Grünen dem Kanzleramt wohl kaum. Und eine angemessene Form der Kandidatenkür ist ihnen auch zuzutrauen. Wenn es denn überhaupt jemals so weit kommt.

Deshalb war es nicht besonders clever vom bayerischen Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann, sich auf das "Was wäre, wenn"-Spiel einzulassen. Und falls man sich in anderen Parteien schon die Hände reiben sollte angesichts einer vermeintlich bevorstehenden Personaldebatte: Kaum zu erwarten, dass die jetzt ausbricht, dafür wirken die Grünen zu stabil.

Was angesichts der mehr oder weniger chaotischen Verhältnisse bei SPD und CDU wie eine Meisterleistung wirkt, ist lediglich politisches Handwerk. Nicht streiten, die wichtigen Themen besetzen, sich möglichst wenig mit dem Gegner befassen. Das gelingt den Grünen schon so lange so gut, dass die Attacken immer plumper werden, je besser die Grünen in den Umfragen abschneiden. Thorsten Schäfer-Gümbel, einer der drei SPD-Übergangsvorsitzenden, rückte die Grünen jüngst in die Nähe der AfD und FDP-Chef Christian Lindner machte sich fürs Schnitzelessen stark. Ratlosigkeit in Reinkultur.

Dabei müssten es gerade Leute wie Lindner doch besser wissen. Stabile Unterstützung für eine bestimmte Partei, so wie man das früher kannte, gibt es nicht mehr. Wichtig sind den Wählern Themen und Personen, mit denen man eine bestimmte Haltung und ein Lebensgefühl verbindet, Milieus haben sich aufgelöst. Darum ist auch die Frage müßig, ob die Grünen jetzt eine Volkspartei oder vielleicht die neue SPD sind.

Auch deshalb schadet es den Grünen nicht, wenn sie Fragen zur Kanzlerkandidatur oder der nächsten Regierung abwimmeln. Es wird nicht als bockig oder gar verlogen, sondern als sympathisch wahrgenommen. Welchen Eindruck es macht, wenn man ohne überzeugende Agenda vor allem über mögliche Machtoptionen diskutiert, lässt sich bei CDU und SPD besichtigen. Wenn etwa Finanzminister Olaf Scholz in einem Interview nach der krachenden Europawahl-Niederlage über die Chancen der SPD aufs Kanzleramt sinniert, löst das beim Publikum fassungsloses Kopfschütteln aus. Die Kommunikationsstärke der Grünen - sie ist natürlich auch die Krise der anderen.

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