Wahlkampf auf Augenhöhe

Willkommen in der Demokratie! Was auf den ersten Blick ein bisschen übertrieben klingen mag, ist es auf den zweiten wohl doch gar nicht so sehr: Dass sich die Spitzenkandidaten der sechs aussichtsreichsten Parteien zu öffentlichen Streitgesprächen treffen, ist zumindest für Sachsen neu. In vorangegangen Landtagswahlkämpfen scheiterte das Zustandekommen der "Elefantenrunden" vor allem daran, dass die dominierende CDU ihre weit abgeschlagene Konkurrenz nicht noch aufwerten wollte.

Selbst vor fünf Jahren ließ Stanislaw Tillich über seine Partei ausrichten, dass er "lieber von früh bis abends bei den Menschen im Land unterwegs" sei, als in einer Fernsehrunde "das PR-Geschäft für andere" zu übernehmen. Gesagt hat das damals übrigens der Generalsekretär, ein gewisser Michael Kretschmer.

Dass der als Spitzenmann einen viel offensiveren Umgang mit der Konkurrenz pflegt, kann der demokratischen Willensbildung im Land nur gut tun. Allein: So ungewohnt diese Art der Auseinandersetzung mit der Konkurrenz für die hiesige CDU ist, so selbstverständlich ist sie für ein demokratisches Gemeinwesen. Dahinter sollte Sachsen auch in Zukunft nie mehr zurückfallen.

Wohin der weitgehende Verzicht auf politische Konfrontation geführt hat, war vor fünf Jahren auch an der Wahlbeteiligung ablesbar: Weniger als 50 Prozent der Sachsen nahmen damals ihr Stimmrecht wahr - ein Armutszeugnis für eine Region, in der ein Vierteljahrhundert zuvor für die Durchsetzung freier Wahlen demonstriert werden musste.

Dass die Wahlbeteiligung am 1. September voraussichtlich deutlich höher ist, wird mehrere Gründe haben. Dazu gehört, dass sich frühere Nichtwähler vor allem von der AfD angesprochen fühlen. Dass erst ihr Aufstieg, der bei der Bundestagswahl 2017 in Sachsen in Platz 1 gipfelte, den öffentlich ausgetragenen Parteienwettbewerb um die besten Lösungen reanimiert hat, lässt sich schwer widerlegen. Wahr ist aber auch, dass die Kontrahenten von CDU, SPD, FDP, Grünen oder Linken nicht als Einheitsfront abzustempeln sind, nur weil sie in Sachsen oder anderswo schon mal Regierungsverantwortung getragen haben oder noch tragen.

Die unterschiedlichen Ansätze der Parteien wurden auch in der Debatte am Mittwochabend offenkundig. Diese war durchaus unterhaltsam, verlief meist sachlich, zuweilen auch bissig. Alle sechs Diskutanten machten beim Publikum ihre Punkte - manche mehr, manche weniger.

Jeder Zuhörer dürfte um ein paar Erkenntnisse reicher geworden sein. Welchen Einfluss das auf die tatsächliche Wahlentscheidung hat, wird vor allem an den persönlichen Prioritäten liegen. Hängen bleibt vielleicht aber auch ein bisher noch nie gehörtes Gegenargument, die eine oder andere Botschaft, die nicht vom eigenen Favoriten stammt. Widerspruch zuzulassen, Positionen abzuwägen, Lehren abzuleiten: Wenn dies gelänge, wäre auch für Sachsen viel gewonnen. Der entsprechende Nachholbedarf könnte durch die Versäumnisse der Vergangenheit durchaus höher sein als anderswo - und das nicht nur bei Wählern. Sollte die Regierung nach der Wahl aus drei Parteien gebildet werden müssen, wird das auch den beteiligten Landespolitikern so viel Kompromissbereitschaft abverlangen wie noch nie.

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