Eine Mühle findet ihre Neubestimmung

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Der heutige Besitzer der Rochhausmühle in Grünhainichen hat sich in deren Geschichte umgeschaut. Was fand er heraus?

Grünhainichen.

500 Jahre ist es her, dass der seit 1845 unter dem Namen Rochhausmühle bekannte Gebäudekomplex erstmals erwähnt wurde. Grund genug, für den heutigen Besitzer, den Antikhändler Ralph Geisler, in Archiven nachzuforschen, Kirchenbücher zu studieren und nach Sachzeugnissen zu stöbern.

Er wäre gern an diesem Frühlingsmorgen des Jahres 1521 dabei gewesen, als sich Fabian Richter zu Marchbach und sein Vorgesetzter, der Erbrichter vom Schellenberger Amt, auf den Weg machten, sagt Geisler. An dem Tag wurden die Grenzen für den neuen Lehensrichter abgeschritten, hat er nachgelesen. In mittelalterlichen Lettern wird das Flurstück beschrieben: "Oben den Kirchsteig hindurch (...) zum grünheynichen an deme birnbaum hinnauf zur fichten, bis an den Wegk, der geht zur Ulmezmühl. Das bechlein hinnauf bis an das Börnchen, die Straßen hin bis zur leymgruben hinter dem frauenholz." Heute sind die Grenzbezeichnungen schwer nachvollziehbar, aber die Aufzeichnungen lassen den Schluss zu, dass die Ulmezmühl die später Rochhausmühle benannte ist.

Ralph Geisler verweist auf den historischen Kontext. "1521 wirft Luther dem Kaiser in Worms sein ,Hier stehe ich, ich kann nicht anders' entgegen. Die Türken erobern Belgrad, und die ,gebürgischen Orte' Sachsens müssen Mannschaften für den Krieg stellen. Am 29. Juli wird die Stadt Marienberg abgesteckt. Und an der Pest sterben allein in Freiberg über 2000 Menschen."

Der Antikhändler verweist auf die wechselvolle Geschichte der alten Ulmezmühl - auch ulemanns möle bezeichnet. "Sie war Breth-, Öl- und später auch Papiermühle. Als 1528 Schellenberg (heute Augustusburg) niederbrannte, wurde es mit hier geschnittenem Bauholz wieder aufgebaut. Mit der 1568 vollzogenen Grundsteinlegung zum neuen Schloss Augustusburg dürfte die kleine Brettmühle ihre Hochzeit erlebt haben", so Geisler weiter. Kriegswirren machten um den Flecken keinen Bogen. "In einer Oktobernacht 1813 schaute der Pastor von Schellenberg (Augustusburg) vom Kirchturm gen Marbach und zählte über 300 sogenannte Bivouacfeuer auf den Feldern in Richtung Grünhainichen. Soldaten bevölkerten die Fluren auf dem Weg zur Völkerschlacht bei Leipzig."

Als wirtschaftlich entscheidender Impuls erwies sich das von Friedrich Gottlieb Keller 1843 in Kühnhaide bei Marienberg neu entwickelte Verfahren der Papierherstellung aus Holzschliff. "Als 1845 die erste Zeitung auf Holzschliffpapier gedruckt wurde, kam die Familie Rochhausen ins Spiel", erklärt der 56-Jährige. "Um 1820 tauchte Heynrich Rochhausen, gewesener Schichtmeister und Factor auf dem Hammerwerk Großpöhla in Marbach, auf. Mit seinen Söhnen Carl Julius und Carl Domenicus betrieb er die Brettmühle samt Landwirtschaft. Er wandelte sie in eine moderne Papiermühle um. Gleichzeitig gab er ihr seinen Namen Rochhausmühle."

Dem Erben Ernst Julius sei bereits wieder weniger Glück beschieden gewesen. Denn schnell wurde das Papiermühlchen von den Großen überrundet. Bachabwärts an der Flöha entstand die Papierfabrik Siegel & Haase mit größerer Wasserkraft und Maschinen. Der erste Konkurs kam 1885, weitere folgten. "Sie kämpften, die Rochhausens, doch 1904 war Schluss - die Mühle wurde von Siegel & Haase aufgekauft." Die Rochhausens zogen 1905 nach Kemtau und führten bis in die DDR-Zeit hinein eine Papiermühle. "1907 ließ Haase einen Teil der Mühle abreißen und für seine Ingenieure ein modernes Wohnhaus bauen", so Geisler.

Mit Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die letzte Privatbesitzerin Käthe Haase 1946 enteignet. Die Papierfabrik wurde verstaatlicht und mit ihr die Rochhausmühle. Sie wurde ein Zentrag-Parteibetrieb der SED, die Zentrale Druckerei-, Einkaufs- und Revisionsgesellschaft der DDR. "Die Rochhausmühle sollte gänzlich abgerissen werden", so der heutige Besitzer. "Auf dem Gelände waren 120 Wohnungen, zudem Poliklinik, Kindertagesstätte und Konsum samt Gaststätte geplant. Vorprojekt und Bauzeichnungen stammen von 1954. Doch als die Papierfabrik den Zentrag-Status verlor, war es auch um dieses Vorhaben geschehen. Die Mühle bot weiter Werkswohnungen, bewirtschaftet vom VEB Gebäudewirtschaft. Zehn Mietparteien wohnten hier auf Vorkriegsniveau mit Plumpsklo, Gemeinschaftsbad, Schuppen und Lauben", so Geisler.

1972 wurde die Rochhausmühle als Ortsteil von Marbach nach Grünhainichen umgewidmet. Mit der politischen Wende 1989 verließen die Mieter nach und nach den Standort, und 1996 wurden die Häuser zum Verkauf ausgeschrieben. 1997 erhielt Ralph Geisler den Zuschlag: "Eine ungeahnte Herausforderung wartete: Unrat verunstaltete Wiesen, Bachbett und Teich. 60 Lkw-Ladungen bedurfte es, den abgelagerten Müll abzufahren." 2002 eröffnete Ralph Geisler sein Geschäft am neuen Standort.

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