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Untermieter auf Zeit

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Im Internet gibt es 100 Tipps auf dem Weg zu einem grünen Fußabdruck. Ein Mann aus Lichtenwalde hat unbewusst einen hinterlassen, der vielen Freude bereitet - Mensch und Tier.

Lichtenwalde.

Das Schild am eisernen Gartentor wirkt zunächst wenig einladend, denn die Worte unter dem Porträt eines Schäferhundes sind eine eindringliche Warnung: "Du siehst mich nicht! Du hörst mich nicht! Aber glaube mir: Ich bin da!" Trotzdem haben in jüngster Zeit so viele Wanderer und Radfahrer wie noch nie genau an dieser Stelle einen Stopp eingelegt: vor dem Grundstück mit der Nummer 6, Am Angerbach in Lichtenwalde.

Ausgesprochen romantisch schlängelt sich der Bach hier neben dem schmalen Anliegersträßchen durch das Tal, das von einigen Häuschen flankiert wird. Seit wenigen Wochen hat die kleine Siedlung neue Mieter auf Zeit. Genau genommen sind es Untermieter, die sich kurzerhand und ohne zu fragen im März auf dem Grundstück Nummer 6 eingerichtet haben - in einem großen hölzernen Briefkasten, dessen Form ein wenig an eine rustikale Schutzhütte im Wald erinnert. Seit mehr als 20 Jahren hat der Postkasten hier im Schatten einer weiß blühenden Magnolie seinen festen Platz. Die Familie von Hauseigentümer Dietmar Funke hat ihn irgendwann einmal gebaut, und seither landen sämtliche Briefsendungen darin.

Es war im März, so erinnert sich Dietmar Funke, als ihm beim Öffnen des Briefkastens jedes Mal getrocknetes Gras und winzige Zweige entgegen fielen. "Ich dachte, da haben sich Kinder wieder einen Streich ausgedacht. Doch in den Tagen darauf fand ich plötzlich auch Moos im Kasten. Das wurde jeden Tag mehr und lag bald 15 Zentimeter hoch aufgeschichtet darin", erzählt der 60-Jährige. Nun ahnte er, was die Stunde geschlagen hat. Auch die von seinem Hund ausgekämmte und unter dem Briefkasten platzierte Unterwolle nahmen die Nestbauer rasch an. Funke bedruckte ein A-4-Blatt Papier mit einem unübersehbaren Warnhinweis und brachte den am Briefkasten an.

Die Postzustellerin staunte nicht schlecht, dass ihr der Einwurf von Briefen plötzlich untersagt war und dass alle Post doch bitte in den unter dem Vogelhaus hängenden Eimer gelegt werden soll. Die Begründung ist am "Vogelhaus" zu lesen: "Hier brütet Fam. Meise."

Dietmar Funke ist in dem Haus mit der Nummer 6 aufgewachsen. Warum sich ein Kohlmeisenpaar jetzt zum ersten Mal in seinem Briefkasten eingenistet hat, ist ihm allerdings ein Rätsel. "Vielleicht war es in diesem feuchtkalten Frühjahr da drin gemütlicher? Scheu vor Menschen haben die Singvögel ohnehin nicht", ist seine Erfahrung. So lange er sich erinnern kann, schwirren sie durch das an Bäumen reiche Angerbachtal. Sie leben hier in trauter Gemeinschaft mit den Anwohnern, brüten aber doch eher in Baumhöhlen oder extra angebrachten Nistkästen.

Funkes Erklärung für den ungewöhnlichen Nistplatz sind seine beiden Hunde, darunter ein acht Jahre alter Schäferhund. Sie verbellen auch von drinnen durch die Fenster jeden, der dem Grundstück zu nahe kommt - und sogar die Katzen der Nachbarn. "Damit haben die Meisen hier einen geschützten und ruhigen Platz. Das Bellen stört sie offenbar nicht."

Natürlich hat Funke ab und an ganz behutsam die Briefkastenklappe ein Stück geöffnet. Sieben oder acht Eier entdeckte er dabei. Während der Brut versorgte das Männchen seine Partnerin mit Nahrung. Es sei ein ständiges Kommen und Gehen gewesen. Inzwischen sind drei der Jungvögel flügge und haben nach etwa drei Wochen das Nest verlassen. Funke weiß, dass auch der Rest der Familie bald ausziehen wird und er das Schild dann entfernen kann. Denn er will sich nicht als Werbeträger einer künftigen grünen Bundesregierung verstanden wissen, wie es mancher Passant schon vermutet hat. Gleichwohl ist er überzeugt, dass die Grünen ab Herbst "kräftig mitmischen werden". Dietmar Funke will das im Kleinen auch.

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