Steinalt - Warum eine Höhlenzeichnung Kulturgeschichte schreibt

Man könnte es Gekritzel nennen. Und das soll Kunst sein? Neun rötlich-braune Streifen, die sich kreuzen, auf einem knapp vier Zentimeter langen Stein. Ja, das ist Kunst. Sagen die Forscher rund um den südafrikanischen Archäologen Christopher Henshilwood, die den kleinen Brocken in einer Höhle etwa 300 Kilometer östlich von Kapstadt an der Küste fanden. Bereits 2011. Nun, sieben Jahre und viele Untersuchungen später, sind sie sich sicher: Das Gekritzel ist mehr als 70.000 Jahre alt, stammt von Menschenhand - und ist damit die älteste bekannte Zeichnung dieser Zivilisation.

Und damit schlappe 30.000 Jahre älter als die Kunst, die der Homo sapiens an die Wände der Höhlen im französischen Chauvet oder im spanischen El Castillo malte. Im Fachmagazin "Nature" wird nun beschrieben, wie die Streifen auf den Stein in der Blombos-Höhle kamen. Es sind die Spuren eines wenige Millimeter breiten, angespitzten Ockerstiftes: drei Längslinien, sechs vertikale. Nach dem Prinzip: # - also Hashtag. Nein, das heißt nicht, dass das Doppelkreuz, das der heutige Twitter-Mensch vor ein Schlagwort setzt, eine Erfindung der Steinzeit ist - aber irgendwie modern wirkt das Gekritzel aus dem Höhlenatelier trotzdem. Wie eine Ahnung von Carlfriedrich Claus. Gerhard Richter. Picasso. Baselitz. Mindestens.

Aber nun mal im Ernst: Wer bisher noch das Vorurteil pflegte, dass der Mensch vor 70.000 Jahren mit urigem Gegröle aus seiner Höhle kam, muss sein Steinzeitmenschenbild nun wohl revidieren. Wer mit einem Stift Striche zeichnete, kann nicht doof gewesen sein. In abstrakten Bildern denken, brotlose Kunst produzieren - das ist der Anfang jeglicher Hochkultur, das nennen wir Moderne. Jetzt wird klar: Sie ist in Wahrheit von gestern - und so richtig steinalt. Ulrich Hammerschmidt

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