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Warum sich Olivia Rodrigo für ihren Stil rechtfertigen muss

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Popsängerin Olivia Rodrigo bringt ein neues Album heraus - und entfacht eine Debatte um ihre mädchenhafte Inszenierung, heute oft "Girlhood" genannt. Was ist das? Und warum wird darüber gestritten?

Berlin.

Olivia Rodrigo ist eine der aktuell besten Songwriterinnen im Pop. Doch das geriet zuletzt etwas in den Hintergrund. Denn die 23-Jährige, die jetzt ihr neues Album veröffentlicht hat, verursachte vorab mit ihrer mädchenhaften Ästhetik Diskussionen.

Bei öffentlichen Auftritten trägt sie derzeit bevorzugt ein Babydoll - also ein extrem kurzes, ausgestelltes Nachthemd. Im neuen Musikvideo ist sie mit Rüschen-Shorts zu sehen. Und das gefällt manchen Leuten nicht, die ihr vorwerfen, sie inszeniere sich bewusst kindlich.

Schaut man genauer hin, steckt hinter der Debatte mehr als eine Stilfrage. Es geht darum, wie weibliche Popstars wahrgenommen und bewertet werden - und warum ihr Äußeres so oft lauter spricht als ihre Kunst.

So klingt das neue Album

Vorneweg: Rodrigos neues Album "you seem pretty sad for a girl so in love" ist beeindruckend. Es zeigt Rodrigos Talent für epische Spannungsbögen im Pop. Oft sind es Klavierballaden, die langsam anschwellen, bevor sie sich in treibenden Rhythmen entladen, mal leise mit Streichern unterlegt. 

Dass das nicht kitschig klingt, sondern eher an klassischen Pop wie von Elton John, U2, The Cure oder Taylor Swift denken lässt, ist ein Kunststück, das nur wenigen gelingt. Rodrigo zum Beispiel meisterhaft in den Liedern "stupid song" und "the cure" (und auf vielen ihren Klassikern: "vampire", "drivers license", "Can't Catch Me Now"). Beim Track "what's wrong with me" des neuen Albums ist The-Cure-Sänger Robert Smith sogar als Gastsänger dabei.

Mädchenhafte Ästhetik: Was ist "Girlhood"?

Doch zurück zu ihren Outfits. Auf Instagram präsentierte Rodrigo ihren mehr als 40 Millionen Followern kürzlich das Cover von "you seem pretty sad for a girl so in love". Es zeigt sie auf einer Schaukel, gekleidet in eine Art knappe Schuluniform. 

Für viele Fans ist das ein Verweis auf das derzeit angesagte Popkultur-Phänomen "Girlhood": eine verspielte, solidarische Feier des Mädchenseins, wie sie etwa auch Filmemacherin Sofia Coppola oder Popstar Sabrina Carpenter inszenieren.

Coppola hat diese "Girlhood" schon vor gut 20 Jahren mit Filmen wie "The Virgin Suicides" populär gemacht. Es geht dabei um eine Art ästhetisierte Inszenierung des Mädchenseins, die sich durch nostalgische, verspielte und hyperfeminine Bildwelten - etwa Schleifen, Pastelltöne, Glitzer, Tagebuchästhetik oder analoge Fotografie - ausdrückt und zugleich Gemeinschaft, Emotionalität und Selbstfindung symbolisiert.

Diesen Look bedient Rodrigo in ihrem neuen Musikvideo zur Single "drop dead", wo sie in Rüschen-Shorts durch Versailles tanzt. Daran entzündete sich Kritik. Rodrigo, die einst mit Disney-Produktionen bekannt wurde, betreibe eine gefährliche "Infantilisierung", hieß es. Kritiker werfen ihr vor, ein Frauenbild zu bedienen, das Weiblichkeit bewusst kindlich, dabei gleichzeitig sexy inszeniert - und damit patriarchale Fantasien eher zu reproduzieren als zu hinterfragen.

Andere sehen gerade darin jedoch ein bewusstes Spiel mit solchen Zuschreibungen: Rodrigo eigne sich stereotype Bilder von "Mädchenhaftigkeit" an, überzeichne sie und mache sie damit sichtbar. Ähnliche Debatten gab es in der Vergangenheit auch über Popstar Sabrina Carpenter, die ebenfalls gern in Babydoll-Kleidern auftritt.

Warum weibliche Popstars anders gelesen werden

Carpenter und Rodrigo erzählen etwas darüber, wie Frausein im Pop verhandelt wird. Weibliche Popstars werden bis heute stark über ihr Äußeres definiert. Im Gespräch über sie geht es dann nicht mehr um ihre Kunst.

"Das Problem ist doch nicht, dass eine Frau ein kurzes, verspieltes Kleid trägt", sagt die Musikwissenschaftlerin Penelope Braune der dpa zu der Debatte. "Das Problem ist viel eher eine Kultur, die weibliche Körper permanent sexualisiert und anschließend Frauen für genau diese Sexualisierung verantwortlich macht." 

Viele Künstlerinnen spielen inzwischen bewusst mit dieser Objektifizierung: Sie überzeichnen Schönheitsideale ironisch, brechen sie - oder machen die eigene Körperlichkeit demonstrativ selbst zum Thema.

Das Prinzip "Reclaiming" - und was daran ambivalent ist

Das wird oft als "Reclaiming" bezeichnet - was so viel bedeutet wie sich eine Zuschreibung anzueignen und dadurch Kontrolle zurückzugewinnen. Darin liegt aber auch eine Ambivalenz, wie Braune sagt. Denn die Grenze zwischen Zuschreibung und Selbstverantwortung verschwimmt, sobald etwas in der Welt ist.

"Pop(kultur) findet nicht im luftleeren Raum statt, das ist ein Fakt", sagt sie. "Hinter jedem Look steht eine Industrie, stehen Plattformlogiken, Aufmerksamkeit, Vermarktung usw., und genau deswegen ist Reclaiming auch nie völlig frei von Ambivalenz: Es kann empowernd gemeint sein und trotzdem in einer Bildökonomie zirkulieren, die vom Male Gaze geprägt ist."

Mit Male Gaze (auf Deutsch: männlicher Blick) wird die historisch dominante Tendenz in Medien und Kunst bezeichnet, Frauen aus der Perspektive eines (heterosexuellen) Mannes darzustellen.

Verweis auf weibliche Tradition in der Rockmusik

Rodrigo selbst bezieht sich mit ihrer Kleidung auf einen Trend der "Riot Grrrl"-Bewegung der 90er Jahre, wie sie in einem Interview der "Vogue" erzählte. Musikerinnen wie Courtney Love trugen damals bewusst mädchenhafte Outfits, die sie mit Springerstiefeln, wütenden Lyrics und verzerrten Gitarren kontrastierten - und so Rollenbilder durcheinanderbrachten.

Diese Musikerinnen seien ihr Vorbild, sagte Rodrigo im Interview des "New York Times"-Podcasts "Popcast". Die Kritik an ihren Babydoll-Kleidern mache sie "wirklich wütend", führte sie aus. "Das zeigt, wie wir Pädophilie in unserer Kultur normalisieren. Und es ist auch genau diese Rhetorik, die uns als Mädchen von klein auf eingetrichtert wird: "Trag das nicht, denn dann wird ein Mann deinen Körper sexualisieren und es ist deine Schuld." Das ist so seltsam." 

Entscheidend sei, so Braune, "ob wir Olivia Rodrigo als handelnde Künstlerin ernst nehmen, oder aber, ob wir ihr sofort unterstellen, sie reproduziere bloß fremde (männliche) Fantasien?"

Berühmte Fans und großer Erfolg

Interessanterweise äußern sich Musikerinnen und Musiker deutlich wohlwollender über Rodrigo als manch anonymer Kritiker im Netz. Robert Smith etwa ist nicht nur auf dem neuen Album zu hören, er lobte ihre Songs schon davor und performte gemeinsam mit Rodrigo. Auch Courtney Love verteidigte sie gegen Vorwürfe.

Kein Wunder: Rodrigo hat bereits eine ganze Reihe eingängiger Hits mit beeindruckenden Harmoniefolgen geschrieben, die hörbar mit der Pop- und Rockgeschichte der 80er und 90er Jahre spielen - also genau mit jener Ästhetik, auf die sich ihre visuelle Inszenierung bezieht. Der erste dieser Tracks ("All I Want") erschien, als sie 16 Jahre alt war.

Am Ende bleibt Olivia Rodrigo vor allem einer der derzeit erfolgreichsten Popstars der Welt. Ihre Single "drop dead" ist das vierte Lied, das direkt auf Platz 1 der Billboard-Charts gelandet ist. Die Termine ihrer weltweiten Tour, die sie kommendes Jahr auch nach Deutschland bringt, sind längst ausverkauft. (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
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