Die Freiwilligenfalle

Als Aushilfslehrer oder Waisenhaus-Betreuer für einige Wochen in die Dritte Welt? Das machen viele junge Leute. Doch mancher "Voluntourist" wird ausgebeutet. Und es gibt noch anderen Ärger.

Freiwilligenreisen sind ein Megatrend - und Projekte mit Kindern besonders beliebt. Abiturienten und Schulabgänger, aber auch Studenten arbeiten gern in einem Waisenhaus Asiens oder bringen afrikanischen Schulkindern Englisch bei. Solch ein freiwilliger Auslandseinsatz kann beruflich wegweisend und menschlich bereichernd sein.

Kann, muss aber nicht. Zum einen, weil Freiwillige oftmals unzureichend vorbereitet werden und mit überzogenen Erwartungen und weltfremder Motivation auf Einheimische losgelassen werden. Zum anderen, weil immer mehr kommerzielle Anbieter diesen lukrativen Markt des "Voluntourismus" für sich entdecken und Freiwillige viel zu schnell für viel zu kurze Zeit ins falsche Projekt vermitteln. Darunter leiden dann auch die betreuten Kinder. "Kinderschutz wird bei den Freiwilligenagenturen leider nicht mitgedacht", sagt Dorothea Czarnecki von der Kinderschutzorganisation ECPAT. "Je kurzfristiger der Einsatz und je bequemer für den Entsandten, desto schlechter für die Kinder."

Doch Freiwilligenarbeit im Ausland ist auch ein Megageschäft. Allein in Deutschland nehmen schätzungsweise 25.000 Menschen jährlich an einem Freiwilligeneinsatz in Entwicklungs- und Schwellenländern teil. Mit der freiwilligen Arbeit der einen verdienen andere viel Geld, kritisiert die aktuelle Studie "Vom Freiwilligendienst zum Voluntourismus". Sie untersuchte 50 Angebote. Tourism Watch bei Brot für die Welt und ECPAT haben sie gemeinsam herausgegeben. Kommerz mache aus einer guten Absicht ein Reise- und Lifestyle-Produkt, kritisieren die Autoren.

Doch die Nachfrage nach Freiwilligeneinsätzen ist groß. Mit Voluntourism werden weltweit Milliarden umgesetzt. Immer mehr Anbieter tummeln sich auf einem immer schwerer zu durchschauenden Markt. Verbindliche Standards, etwa zur Vor- und Nachbereitung eines Freiwilligenaufenthaltes, zum Kindesschutz oder zur Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit lokalen Organisationen, fehlen oft. So ergab die Studie, dass drei von vier Anbietern keinen Lebenslauf der Freiwilligen verlangen. Keiner fragt nach Referenzen oder führt ein persönliches Bewerbungsgespräch vor der Abreise. Nur 16 Prozent der Veranstalter erkundigen sich nach vorhandenen Arbeitserfahrungen - ebenso wenige verlangen ein Motivationsschreiben. Verbindliche Vorbereitungskurse in Deutschland sieht kein Anbieter vor; erst vor Ort bieten einige Orientierungskurse an, die in der Regel zwischen einem Tag und einer Woche dauern. "Dramatisch ist, dass die Einsätze immer flexibler werden", sagt Laura Jäger, Tourismusexpertin von Brot für die Welt. "Die Wünsche der Reisenden sind wichtiger als die Sinnhaftigkeit der Einsätze und die Wirkungen vor Ort."

Im Fokus der Kritik sind Angebote in Waisenhäusern. Die Idee: Westliche Touristen können dort ohne viel Vorbereitung Kindern helfen. Die Realität sieht anders aus: Das Interesse führt zu einem Anstieg von Waisenhäusern und Waisen in touristischen Gebieten, wo vorher keine waren. Einem Artikel der Zeitung The Guardian zufolge befinden sich in Nepal vier von fünf der rund 800 landesweiten Waisenhäuser in den drei populärsten touristischen Zielen - dem Kathmandu-Tal, Pokhara und Chitwan. In seinem Buch "Das Gegenteil von Gut ... ist gut gemeint" schildert Daniel Rössler die absurde Situation, zu der Waisenhaustourismus in Ghana geführt hat: Dort werden 90 Prozent der vermeintlichen Waisenkinder bei armen Familien rekrutiert. Um die Kinder kümmern sich dann Besucher, die dafür bis zu 3000 US-Dollar monatlich zahlen. Auch im kambodschanischen Siem Reap haben steigende Touristenzahlen zu einer parallel wachsenden Anzahl von Waisenhäusern geführt. Doch laut einer Unicef-Studie lebt bei drei von vier "Waisenkindern" in Kambodscha noch ein Elternteil. Manchmal sogar beide.

Es gibt Hunderte solcher Einrichtungen im Land, die ohne staatliche Registrierung eröffnet worden sind. Den Großteil des Geldes vereinnahmen dubiose Organisationen. Laut der Organisation Friends-International gestalten manche Waisenhausleiter die Lebensbedingungen für die Kinder absichtlich schlecht, um den Spendenanreiz zu steigern. Experten lehnen den "Waisenhaustourismus" jedoch auch noch aus einem anderen Grund strikt ab: allzu leicht könnten Kinder ausgebeutet werden - auch sexuell. "Pädokriminelle versuchen ganz bewusst, den Zugang zu Kindern im Rahmen von Waisenhausaufenthalten zu nutzen", sagt Tourismusexpertin Jäger. Wie viele Minderjährige weltweit von Sextouristen ausgenutzt werden, darüber gibt es keine Zahlen. "Da liegt viel im Dunkeln", sagt ECPAT-Sprecherin Czarnecki.

Tipps finden: Interessierte sollten die Voluntourismus-Studie von Brot für die Welt (www.freiepresse.de/voluntourism) lesen. Seriöse Anbieter bieten unter anderem Vorbereitungsseminare oder -materialien an, haben eine Mindestaufenthaltsdauer im Projekt und Kontaktpersonen im Reiseland für die ausgereisten Freiwilligen.

Weitere Infos: www.ecpat.de, www.tourism-watch.de, www.fairunterwegs.org.

"Von Waisenhäusern die Finger lassen"

Wie finden Freiwillige in spe einen guten Anbieter? Martina Hahn sprach mit Laura Jäger von Tourism Watch bei Brot für die Welt.

Frau Jäger, woran erkennen junge Menschen einen seriösen Anbieter von Freiwilligenprojekten?

In Deutschland gibt es keine unabhängige Nachhaltigkeitszertifizierung für kurzzeitige Freiwilligeneinsätze. Hingegen müssen staatlich geförderte Freiwilligendienste wie etwa das "Weltwärts"-Programm bestimmte Qualitätskriterien erfüllen. Dazu zählen etwa eine intensive, mehrwöchige Vor- und Nachbereitung der Freiwilligen oder eine Aufenthaltsdauer von mindestens sechs, meist zwölf Monaten.

Worauf können Freiwillige dennoch achten?

Sie sollten sich intensiv beraten lassen. Und dem Anbieter Fragen stellen: Werde ich vorbereitet, und wenn ja, wie, von wem und wie lange? Wie arbeitet die lokale Organisation, die mich aufnehmen soll? Kennt der Veranstalter diese schon lange? Wählt sie die Freiwilligen mit aus? Und auch: Welchen Anteil des Reisepreises erhält die lokale Organisation? Interessierte sollten auch nachhaken, ob und wie Veranstalter die Kinder schützen. Fordern sie ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis von den Freiwilligen und verbindliche Verhaltensregeln? Das ist wichtig - schließlich werden die jungen Freiwilligen von den Jugendlichen vor Ort oft als Vorbilder gesehen. Zu viel Freizügigkeit oder der Konsum von Alkohol und Drogen kann in dieser Situation fatale Folgen haben.

Was sollten Freiwillige vorab für sich klären?

Sie sollten ihre eigenen Fähigkeiten und Erwartungen, aber auch die verfügbare Zeit realistisch einschätzen. Wer mit wenig Berufserfahrung ins Ausland geht, sollte möglichst lange bleiben - dann kann er sich auch gewinnbringend in die Projekte einbringen. Für manchen ist auch eine begegnungsorientierte Reise oder ein ehrenamtliches Engagement im eigenen Land sinnvoller als ein kurzer Voluntourismus-Einsatz in einem Entwicklungsland.

Von welchen Programmen sollten Freiwillige die Finger lassen?

Von Einsätzen in Waisenhäusern. Durch das wachsende Interesse an Besuchen und Mitarbeit in Waisenhäusern steigt dort die "Nachfrage" nach Waisen. Skrupellose Menschenhändler nutzen die finanzielle Not von Eltern aus, die ihre Kinder in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Obhut geben. In vielen touristischen Hotspots eröffnen Privatpersonen ohne staatliche Registrierung Waisenhäuser, um Einnahmen - auch von Freiwilligen und Touristen - zu erwirtschaften. Damit steigt die Gefahr von Kinderhandel und Korruption.

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