"Keine emotionale Bindung mehr"

Dirk Schuster erlebte seine besten Jahre als Profi beim Karlsruher SC. Nun kehrt er als Trainer des FC Erzgebirge Aue zurück in den Wildpark - mit Erinnerungen an historische Abende, aber nicht mit den ganz großen Gefühlen.

Aue.

Den 3. November 1993 wird Dirk Schuster nicht vergessen. "Ein Riesenerlebnis, ein munterer Abend in jeglicher Beziehung", beschreibt der Trainer des FC Erzgebirge Aue lachend das Wunder vom Wildpark, bei dem der heute 51-Jährige 90 Minuten im Trikot des Karlsruher SC auf dem Rasen stand. Am Ende steht es im Rückspiel der zweiten Uefa-Pokal-Runde 7:0 für die Badener gegen den FC Valencia. Die 1:3-Niederlage gegen den spanischen Tabellenführer aus dem Hinspiel ist damit pulverisiert, der Bundesligist steht im Achtelfinale. "Ab der 20. Minute haben wir uns in einen Rausch gespielt. Da wussten weder wir noch die Spanier, was gerade passiert - und erklären konnte es auch keiner", erinnert sich Schuster.

Sechs Jahre, von 1991 bis 1997, spielt Schuster beim KSC. "Die besten meiner Karriere", schätzt der gebürtige Karl-Marx-Städter ein. "Ich konnte große Erfolge feiern: Europapokal, ich bin Nationalspieler geworden und habe das Pokalendspiel erreicht. Ich denke gern zurück." Kontakt mit den ehemaligen Europapokalhelden hat der Auer Coach nur noch wenig - mit einer Ausnahme: Edgar "Euro-Eddie" Schmitt, der beim Wunder von Wildpark vier Tore erzielte. "Mit ihm habe ich einen guten Draht. Wir diskutieren gern und regelmäßig über vergangene Zeiten", berichtet Schuster. Der Karlsruher Lauf im Uefa-Cup 1993/94 geht bis ins Halbfinale. Dort verpasst die Mannschaft von Trainer Winfried Schäfer den Finaleinzug gegen Austria Salzburg.

Für Schuster stehen am Ende seiner Karriere 14 Europapokalspiele zu Buche - alle für Karlsruhe. Insgesamt schnürt er sich 212-mal die Schuhe für den KSC, so häufig wie für keinen anderen Verein. Im Sommer dieses Jahres wird Schuster anlässlich des 125-jährgen Bestehens des KSC von den Lesern der "Badischen Neusten Nachrichten" in die Jubiläumself gewählt. "Das ist eine Riesenauszeichnung, weil es eine Ansammlung illustrer Namen ist. Das macht einen stolz", meint der ehemalige Verteidiger. "Ich habe offensichtlich Spuren hinterlassen."

Am Montag, mehr als 22 Jahre nach seinem letzten Spiel als Karlsruher Profi, kehrt Schuster als Veilchen-Trainer zurück in den Wildpark. "Ich hatte seit 1997 nichts mehr mit dem KSC zu tun. Es besteht zwar noch der eine oder andere Kontakt, und ich schaue immer wieder mal nach, was gerade in Karlsruhe passiert. Aber die emotionale Bindung ist nicht mehr vorhanden. Das ist dem Lauf der Zeit geschuldet", erklärt Schuster. Im Vergleich zur Partie vor zwei Wochen in Darmstadt, wo Schuster als Trainer vor fünf Jahren die Bundesliga aufstieg, ist die Gefühlslage des Fußballlehrers nach eigener Einschätzung entspannter, weil die Beteiligten eben nicht mehr die Gleichen sind.

Große Sentimentalitäten werden am Montagabend also nicht ausgetauscht. Eher im Gegenteil, wie Schuster vermutet: "Aufgrund der verlorenen Relegation vor anderthalb Jahren gegen Aue werden wohl noch Rachegelüste da sein." Dass es für die Auer oder den Aufsteiger aus Baden am Ende der Saison in die Relegation geht, danach sieht es derzeit nicht aus. Beide Clubs stehen in der oberen Tabellenhälfte. "Wir treffen auf eine Mannschaft, die die letzten acht Spiele nicht verloren hat. Das hat mich beeindruckt", sagte Schuster. "Sie sind in der Liga angekommen, sind mit ihrer Spielweise ein typisches Zweitligateam: Sie arbeiten defensiv sehr kompakt dun sind brutal gefährlich bei Standardsituation. Wir sind gut beraten, diese zu vermeiden." Eine Favoritenrolle sieht der FCE-Trainer für den Montagabend nicht. Und ohne Favorit, so wie es Valencia im Herbst 1993 war, kann es auch kein Wunder, "sondern ein kampfbetontes Spiel geben, in dem sich beide Mannschaften nichts schenken werden", sagt Schuster voraus.

Der FC Erzgebirge Aue hat im Geschäftsjahr 2018/2019 einen Gewinn von 535.000 Euro erzielt. Das teilte der Vorstand des Fußball-Zweitligisten auf der Mitgliederversammlung am Freitagabend mit. In der vergangenen Saison betrug der Gesamtumsatz 20,46 Millionen Euro - ein neuer Höchstwert in der Vereinsgeschichte. Für die laufende Saison planen die Veilchen mit einem Gesamtbudget von 19,5 Millionen Euro.

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