1. Bundesliga
Warum Notfälle in Fußball-Stadien öfter auffallen

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Mitten im Stadion bricht die Stimmung plötzlich ab, ein medizinischer Notfall besorgt. Ein Blick auf gestiegene Aufmerksamkeit und Sensibilität in einer veränderten Fan-Kultur.

Köln/Stuttgart.

Es ist eine Geschichte, die Siege und Niederlagen klar in den Schatten stellt. Köln-Fan Marc Stentenbach (52) hat beim Spiel seines FC gegen den Hamburger SV einen Herzstillstand, kämpft auf der Tribüne um sein Leben. Neunmal wird er defibrilliert, wie der FC berichtet - im Stadion und auf dem Weg ins Krankenhaus. Drei Notärzte sind im Einsatz. Stentenbach schafft es. "Der FC hat mir das Leben gerettet", sagt er. 

Immer wieder gibt es medizinische Notfälle in den Fußballstadien - längst nicht alle mit einem glücklichen Ausgang wie im vergangenen November beim FC-Fan, der jetzt wieder das Stadion besuchen kann. 

In Heidenheim landete Ende vergangenen September ein Hubschrauber nach Spielende auf dem Rasen, weil kurz vor dem Abpfiff ein Fan vom Zaun gefallen war. Im April teilten erst Eintracht Frankfurt und dann Borussia Dortmund mit, dass ein Zuschauer nach Notarzt-Versorgung im Stadion später gestorben ist. 

In Heidenheim landete ein Hubschrauber, nachdem ein Zuschauer über den Zaun gestürzt war. (Archivbild)
In Heidenheim landete ein Hubschrauber, nachdem ein Zuschauer über den Zaun gestürzt war. (Archivbild) Bild: Harry Langer/dpa

Wie Notfälle wahrgenommen werden

Die Notfälle fallen auf, weil die Fans in der Regel ihre Unterstützung einstellen. Es herrscht dann eine ungewohnte Stille in sonst lauter, teils ohrenbetäubender Atmosphäre. Aber nimmt die Zahl tatsächlich zu? 

Das sei "eher unter die sogenannte gefühlte Wahrnehmung zu verbuchen", sagt der Kommunikationsleiter des Bayerischen Rotes Kreuz (BRK), Sohrab Taheri-Sohi. In Bayern bewegen sich die Einsatzzahlen demnach mit Schwankungen auf einem vergleichbaren Niveau. 

"Zugleich ist festzustellen, dass die mediale Aufmerksamkeit für schwere Notfälle heute deutlich höher ist", sagt Taheri-Sohi. "Medizinische Notfälle gab es auch früher, heute werden sie nur schneller und breiter wahrgenommen." 

Von der Überlebensgeschichte im Kölner Stadion berichtete der FC auf seiner Webseite. Wie die Clubs beispielsweise in den sozialen Medien mit Notfällen umgehen, schreibt die Deutsche Fußball Liga nicht vor. Nur in Ausnahmefällen werde beim VfB Stuttgart die Öffentlichkeit informiert, teilt der Club mit. Im Stadion erfahren die Besucher per Durchsage, warum es still wird. 

Wie Fans reagieren

Die Unterstützung bei schweren Notfällen einzustellen, gilt unter den Anhängern aus Respekt als eine Art ungeschriebenes Gesetz. Es habe sich eine höhere Sensibilität entwickelt, schildert Markus Sotirianos von der Fanorganisation "Unsere Kurve" seine Eindrücke einer positiven Entwicklung.

"Es hat ein Bewusstseinswandel stattgefunden über die letzten Jahre", sagt er. "So sehr man den Fußball und den Verein liebt, es gibt wichtigere Dinge. Wenn jemand um sein Leben kämpft, fällt es vielen Menschen schwer, völlig unbeschwert Fahnen-schwenkend, singend und trällernd in den Kurven zu stehen." Für ihn ist das Schweigen bei medizinischen Notfällen "genau das Gegenteil von dem, was einige Innenminister den Kurven unterstellen".

Kommt es zum Notfall, verbreitet sich dies über verschiedene Wege und Strukturen im Stadion. Über vernetzte Fangruppen, über Fanbeauftragte der Clubs, die die Informationen weiterleiten, über Fanprojekte. Oder über Vorsänger, die über mittlerweile festinstallierte Mikrofonanlagen in den Stadien oder mitgebrachte Megafone zu den Anhängern sprechen. Auch mit den gegnerischen Fans zeigt man sich in der Regel solidarisch. "Man beobachtet auch die gegnerische Kurve und sieht, wenn die Fahnen runtergehen oder ein Banner eingerollt wird", berichtet Sotirianos.

Ein medizinischer Notfall wird abgeschirmt. (Archivbild)
Ein medizinischer Notfall wird abgeschirmt. (Archivbild) Bild: Marc Schüler/dpa

Die Statistiken

Statistisch komme in Köln ein Fall pro Jahr wie der vom November vor, schreibt der FC. Das Rote Kreuz in Bayern zählt in der Münchner Allianz Arena im Jahr 10 bis 15 Reanimationen. Pro Veranstaltung gebe es "25 bis 50" Einsätze der Sanitäter. Darunter fallen auch kleinere Geschichten, die schnell versorgt werden können - ebenso wie in den Statistiken des VfB Stuttgart.

Auch der VfB stellt keine Zunahme der Sanitätereinsätze und Notfälle fest. Im Stuttgarter Stadion seien es etwa 10 bis 12 Patienten und Patientinnen pro Spiel. 3 bis 5 müssten zu einer weiteren Behandlung gebracht werden. Lange Treppen bergen Verletzungsrisiken, man kann stürzen, man kann umknicken. Hitze oder eisige Kälte spielen eine Rolle. Oder der Reiz des Spiels, das man sich nicht entgehen lassen will, auch wenn man sich nicht fit fühle, sagt der BRK-Sprecher. Alkoholvergiftungen seien dagegen selten. 

Strukturen retten Leben

Im Falle eines Herzstillstands sei die Überlebenschance im Stadion größer als an anderen Orten, so das Bayrische Rote Kreuz. Sanitäter und Ärzte seien schneller beim Patienten. So wie beim Köln-Fan Stentenbach. 60 Helfende, darunter auch Sicherheitspersonal und Koordinatoren, waren insgesamt in seinem Fall beteiligt. Und retteten sein Leben. (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
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