Fußball
Mit Whiskey-Stimme ins WM-Hotel - Kimmich will "bereit" sein

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Raue Stimme, klare Ansagen: Nach der guten Generalprobe und einem freien Sonntag in Chicago geht es für den Bundestrainer und sein Team ins WM-Camp nach North Carolina. Der Curaçao-Countdown tickt.

Chicago.

Die Frage nach seiner ziemlich lädierten Stimme nahm Julian Nagelsmann locker. "So schlecht klingt sie eigentlich gar nicht", witzelte der Bundestrainer nach dem 2:1 (1:1) bei der geglückten WM-Generalprobe gegen die USA über seine ungewöhnlich raue Tonlage. Den Konsum von einem bis zwei Bourbon legte diese nahe. Sie war aber natürlich nur den maximal kalt eingestellten Klimaanlagen in Chicago geschuldet. 

Mit dem Einzug ins WM-Quartier in Winston-Salem werde die Erkältung behoben sein, versicherte Nagelsmann. Das Kratzen im Hals soll am Montag, spätestens Dienstag vorbei sein. Dann logiert die DFB-Elf schon im feinen Schlösschen The Graylyn Estate und trainiert auf dem von Nagelsmann wegen der hochprofessionellen Ausstattung jetzt schon geliebten Campus der Wake Forest University. Feinschliff und Fokus gelten nur noch dem WM-Auftakt.

Nur ein klitzekleines Problem sei das Kratzen im Hals, ein zu vernachlässigendes Ärgernis, kein Grund zu größerer Sorge. Genau wie die letzten sportlichen Stellschrauben, die Nagelsmann bei der Fußball-Nationalmannschaft für den Countdown zum erhofften Tore-Festival am kommenden Sonntag (19.00 Uhr/MESZ) in Houston gegen Curaçao noch fixieren muss. Dann läuft die WM, dann muss alles passen. 

"Natürlich haben wir noch ein paar Dinge zu tun. Ich glaube, das ist auch normal. Aber wir haben auch Lust drauf und freuen uns jetzt auf unser Basecamp", sagte der 38-Jährige vor dem Flug nach North Carolina. 

Alle Neune auf dem WM-Weg

Neun Siege in Serie seit September runden den WM-Vorlauf ergebnistechnisch ab. Sieg Nummer neun gegen den WM-Gastgeber im Soldier Field war ein Mentalitätserfolg, wie ihn Joshua Kimmich und seine Kollegen als perfekte Etappe Richtung Turnierstart noch gebraucht hatten. "Wir haben auch gegen die USA gespielt, weil die uns alles abfordern. Die ersten 20 Minuten waren super", sagte DFB-Sportdirektor Rudi Völler. 

Der zweite Testsieg innerhalb von sechs Tagen nach dem 4:0 gegen Finnland, ein guter Rhythmus, das Einspielen mit der weitgehend gleichen Mannschaft, das Hinweise auf die WM-Startelf erlaubt. All diese Dinge hob Kimmich hervor. 

Keine Ablenkung durch Karls WM-Aus

Sogar der schmerzhafte WM-Ausfall von Teenie-Hoffnung Lennart Karl darf die Emotionen nicht mehr (ab)lenken. Der DFB-Kapitän nahm seine Kollegen in die Pflicht. "Jeder muss dafür sorgen, dass er bereit ist", forderte Kimmich.

Rücklings sitzend auf einem Golf-Cart war Nagelsmann im Soldier Field von dannen gebraust und hatte sich noch einmal generös gezeigt. "Die Jungs haben frei, können machen, was sie wollen", sagte er zum Sonntagsplan in Chicago. "Es ist echt eine schöne Stadt, da kann man was erleben." 

Julian Nagelsmann bedankt sich bei Joshua Kimmich.
Julian Nagelsmann bedankt sich bei Joshua Kimmich. Bild: Christian Charisius/dpa

Wer keine eigenen Ideen hatte, konnte als Option auch eine Führung durch das Trainingszentrum der Basketball-Stars der Chicago Bulls machen. Top-Profis auf den Spuren von Top-Profis. Auch das kann den WM-Kick geben. 

Nagelsmann selbst wollte sich der Analyse des USA-Spiels und der Schonung seiner angegriffenen Stimmbänder widmen. "Wir im Trainerteam werden natürlich das Spiel noch einmal anschauen und ein paar Szenen ausschneiden, die wir auch dann in der Nachbetrachtung nächste Woche der Mannschaft zeigen", kündigte er an. Die Woche kann schließlich noch lang werden bis zur Reise nach Texas, bis es dann wirklich richtig losgeht. 

Nagelsmann will effektives Pressing

Was gibt es noch zu tun? Die "gute Positionsbesetzung im letzten Drittel" müsse man noch "ein bisschen effektiver nutzen", erklärte Nagelsmann. Soll heißen, aus Pressing-Situationen auch klare Torchancen erzwingen und diese dann auch nutzen. Ein bisschen "zu schlampig" seien auch einige Bälle in der Rückwärtsbewegung verloren worden. 

Für Nagelsmann aber am wichtigsten ist: Die Mentalität passt. Trotz des Stimmungsdämpfers um Karls WM-Aus und trotz des resoluten US-Teams wurde konzentriert geackert, wurde eine sportliche Antwort gefunden, nachdem der Spielfluss zwischendurch verloren gegangen war. "Wetter, Rasen, ein gelungener Nachmittag", sagte Völler. 

Kai Havertz soll zu einem großen WM-Faktor werden.
Kai Havertz soll zu einem großen WM-Faktor werden. Bild: Christian Charisius/dpa

Ein großer Pluspunkt ist die Offensive. Wieder stachen die Angreifer. Torschütze Nummer eins, Kai Havertz, demonstrierte seine Klasse und kann ein WM-Held werden. Völler nannte ihn "einen begnadeten Fußballer". Torschütze Nummer zwei, Leroy Sané, zeigte als Karl-Ersatz viel Engagement auf dem Flügel und keine hängenden Schultern. 

"Er hat das Tor gemacht, das ist am Ende mit das Wichtigste, was ein Offensivspieler machen kann", sagte Nagelsmann. Aber er verwies auch auf andere Optionen rechts vorne. Der Druck muss immer auch hochgehalten werden, gerade bei Sané. 

Ist die Startelf fix?

Eine Startelf-Aussage für den WM-Auftakt wollte Nagelsmann auch nicht machen. Obwohl davon auszugehen ist, dass außer dem geplanten Torwarttausch zum Comeback-Star Manuel Neuer für den "großen Sportsmann" Oliver Baumann, der gegen die USA mit starken Paraden den Sieg sicherte, keine Änderungen absehbar sind. 

Oliver Baumann und Jonathan Tah klatschen sich im Spiel gegen die USA ab.
Oliver Baumann und Jonathan Tah klatschen sich im Spiel gegen die USA ab. Bild: Christian Charisius/dpa

"Das liegt natürlich daran, wie gut alle gesund bleiben, wie die Jungs auch trainieren", sagte Nagelsmann. "Was wir nicht machen, ist achtmal wechseln. So viel kann ich vorwegnehmen", bemerkte er. Das ist sowieso logisch.

Auch für den Druckverlust nach 20 guten Auftaktminuten hatte Nagelsmann eine Erklärung. Bei hohen Temperaturen müsse das Team in der Lage sein, zu variieren. "Ich verlange von der Mannschaft, dass sie ein Gespür dafür entwickelt, wenn sie hoch verteidigt. Dann müssen sie das auch mit 100 Prozent Intensität tun. Und wenn es nicht geht, dann ziehen wir uns zurück." Gegen den krassen WM-Außenseiter Curaçao sollte das kaum notwendig sein. (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
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