Richard Ringer: Mit fünf Beinen zum Marathon-Gold

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Der Schwabe krönt sich in München überraschend zum Europameister im Marathon. Titel Nummer zwei steuern die deutschen Frauen bei - dabei zeigt auch die Reichenbacherin Kristina Hendel ihre Kämpferqualitäten.

München.

In Bayern - und damit auch in München - war am Montag Feiertag. Mit Mariä Himmelfahrt ein kirchlicher und mit zwei Goldmedaillen im Marathon kam ein sportlicher hinzu. Für die Überraschung schlechthin sorgte Richard Ringer, der dabei auf eine ganz besondere Hilfe setzen konnte: "Die Zuschauer waren heute mein fünftes Bein", meinte der Sieger vom LC Rehlingen, kurz nachdem er unter dem ohrenbetäubenden Jubel von Tausenden Zuschauern in 2:10,21 Stunden ins Ziel auf dem Münchner Odeonsplatz gestürmt war. Der 33-Jährige, dem die zur Mittagszeit in Richtung 30 Grad Celsius tendierenden Temperaturen offensichtlich nichts ausmachten, ist damit der erste deutsche Europameister im Marathon überhaupt. Nach einer kurzen Atempause feierte Richard Ringer seinen Goldcoup mit einem lauten Schrei. Dann aktivierte er die letzten Kräfte und animierte das Publikum zur La-Ola-Welle.

Gold Nummer zwei steuerten die deutschen Frauen bei, die sich den inoffiziellen Titel des Mannschafts-Europameisters sicherten. Alle sechs Starterinnen kamen unter den Top 20 ein und holten sich damit den in die EM integrierten Europacup. Dafür werden die Zeiten der drei Besten addiert. Die Allerbeste war Miriam Dattke aus Regensburg auf Rang vier. Die Reichenbacherin Kristina Hendel, die stark begonnen hatte, belegte eben jenen 20. Platz von 52 gewerteten Läuferinnen. "Ich bin einfach froh, dass ich bis zum Schluss durchgehalten und diesen Rang in der ersten Hälfte des Feldes noch geschafft habe", sagte die 26-jährige Mutter eines Sohnes, die bis Kilometer 15 in der Spitzengruppe lief. "Dann hat sich leider meine Hüfte beziehungsweise der Ischiasnerv bemerkbar gemacht. Da musste ich ein bisschen Tempo rausnehmen und bis ins Ziel richtig kämpfen", erklärte die gebürtige Kroatin. Ihr dritter Marathon war somit auch das erste internationale Rennen für Deutschland.

Sogar erst ihren zweiten kompletten Marathon absolvierte die 22-jährige Miriam Dattke. Die Studentin der Rechtswissenschaften, deren Mutter aus Ruanda und der Vater aus Deutschland stammt, lieferte auf den 42,195 Kilometern eine beherzte und mutige Vorstellung ab. Erst auf den letzten Metern musste sich die Deutsche in 2:28,52 Stunden der zeitgleichen Niederländern Nienke Brinkman, die 2022 bisher die schnellste Zeit in Europa gelaufen ist, im Kampf um Rang drei geschlagen geben. Nach dem packenden Endspurt brach sie hinter dem Zielstrich erst einmal zusammen, erholte sich aber schnell. "Die Stimmung war der Hammer. Ich habe gespürt, wie alle gehofft haben, dass ich es noch schaffe. Wie die mich aus tiefstem Herzen angebrüllt haben", beschrieb Miriam Dattke den "Kampf bis zum letzten Meter". Gold holte sich die Polin Aleksandra Lisowska (2:28,36), die sich bei Kilometer 40 etwas absetzen konnte, Silber ging überraschend an die Kroatin Matea Parlov- Kostro (2:28,42).

Richard Ringer hat schon ein paar Rennen mehr für Deutschland in den Beinen als Miriam Dattke. 2016 in Amsterdam gewann der Schwabe Bronze über 5000 Meter und ein Jahr später ebenfalls Bronze bei der Hallen-EM in Belgrad. Doch der grandiose Sieg am Montag bei den European Championships in der bayrischen Landeshauptstadt setzt seiner sich dem Ende zuneigenden Karriere die Krone auf. "Wir wollten eine Medaille im Team. Dass jetzt Gold im Einzel rauskommt, ist der Wahnsinn", sagte er.

Dabei legte der Blondschopf auf dem 10-Kilometer-Rundkurs durch die Innenstadt, der Münchner Sehenswürdigkeiten wie etwa Marienplatz, Viktualienmarkt, Isartor, Eisbachwelle oder den Englischen Garten streifte, eine taktische Meisterleistung an den Tag. In einem langen Schlussspurt überholte er noch alle Kontrahenten, zuletzt auf der Zielgeraden auch den Israeli Maru Teferi (2:10,23). Platz drei ging an dessen Landsmann Ayale Gashau (2:10,29). Zu den denjenigen, die Ringer noch passierte, gehörte auch Amanal Petros (Wattenscheid). Dem als Medaillenkandidaten gehandelte Deutschen Meister, der aus Eritrea stammt, ging beim dramatischen Schlussakkord die Kraft aus. Er musste sich mit dem undankbaren vierten Rang begnügen. Trösten dürfte ihn Silber für das Team und lobende Worte von Richard Ringer: "Amanal hat mir geholfen, bei Kilometer 25 war ich mal ein bisschen weg. Da hat er gesagt: "Junge, bleib dran!", verriet der neue Champion.

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