Geht's dem Sparschwein an den Kragen? Wieviel die Energiewende eine Familie im Vogtland kostet

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Eine Familie im Vogtland rüstet ihr Haus um. Das gelingt nur, weil Alt und Jung Erspartes zusammenlegen.

Rodewisch.

Oehlmanns und Galemanns kratzen das Geld für den letzten entscheidenden Schritt zusammen. Bald sind die Rodewischer im Zweifamilienhaus energieautark - wenn die Sonne scheint. "Mein Sparbuch liegt auf dem Dach", sagt Wolfgang Oehlmann und lacht. Denn da sieht er es gut aufgehoben.

Der 83-Jährige ist stolz auf die Photovoltaiktechnik, die ihm den Sommer versüßte und die monatliche Stromrechnung der Familie von 200 Euro strich. Nur fünf Kilowattstunden bezogen sie während der Sommermonate aus dem Netz. Eine neue Klimaanlage unterm Dach läuft auch mit Sonnenpower. Wenn bald das bestellte Elektroauto über die Wallbox lädt, will die Familie die Energie noch besser nutzen, statt Überschüsse für nur 6 Cent pro Kilowattstunde ins Netz einzuspeisen.

Auch ein weiterer Speicher im Keller soll Energie aufnehmen, um sie am Abend oder an grauen Tagen zu nutzen. Im Erdgeschoss leben die Senioren, unterm Dach Tochter Astrid und Ehemann Thomas Galemann, der als gelernter Technischer Gebäudeausrüster die Energiewende im Haus des Schwiegervaters anschob. "Wir werden sehen, was die Anlage im Winter bringt", sagt er. Schon jetzt im September machen sich fehlende Sonnenstunden bemerkbar. Innerhalb von zehn bis 15 Jahren soll sich die Investition amortisieren. Steigen die Energiepreise weiter, könnte sich die Ausgabe sogar schneller rechnen.

Seit Mai ist die Anlage in Betrieb, die die Familie rund 20.000 Euro kostete. 20 Jahre ist das Haus in der Rodewischer Eigenheimsiedlung "An der Sonnentrasse" alt, die Gasheizung unterm Dach ebenso. Nun fliegt sie im November raus. Ein Schritt, den die Familie erst mit der Gaskrise entschied. Noch einmal mit 20.000 Euro planen die Vogtländer nach Abzug der Förderung für eine Luft-Wasser-Wärmepumpe, die die Umgebungsluft als Wärmequelle nutzt. Nach Abwägung aller Alternativen sei das vielleicht nicht die beste, aber die wirtschaftlichste Lösung, sagt Thomas Galemann, der in Leipzig eine Gebäudetechnik-Firma führt und Anlagen für Großkunden plant. Privat geht die Rechnung auf, weil sich zwei Parteien die Kosten teilen. "Allein ist das gar nicht zu stemmen", sagt Tochter Astrid. "Ich bin richtig stolz auf meine Eltern, dass sie so mitziehen."

An guten Tagen brummt nun der Wechselrichter im Keller und die Herzen der technikaffinen Herren im Haus hüpfen vor Freude. 14 Kilowatt ist der absolute Spitzenwert. Noch vorm Rasieren steigt Wolfgang Oehlmann morgens in den Keller, um die aktuelle Leistung abzulesen und mit Empfehlungen für seine Frau wieder hochzusteigen: "Waschen, waschen, waschen!" An sonnigen Tagen singt der ehemalige Wema-Maschinenbauer es fast. Denn Waschmaschine, Fernseher, Backofen und Trockner laufen bei Sonnenschein für lau. Schon eine Stunde nach Sonnenaufgang ist an wolkenlosen Tagen der Speicher voll. "Wir haben wirklich einige Dinge im Tagesablauf umgestellt, um die Energie zu nutzen", sagt Barbara Oehlmann. "Es ist ja nur eine Frage der Gewohnheit."

Elektrotechnikermeister Thorsten Wirth, der die Anlage der Rodewischer Familie plante und einbaute, steht auf einem Dach, als er ans Telefon geht. Das sei jetzt der Dauerzustand. Die Auerbacher Firma kann sich vor Aufträgen nicht retten. Seit Beginn der Gaskrise sind es zehn Anfragen täglich. "Wir hier an der Basis können das alles gar nicht so akut bewältigen", sagt Wirth. Ein Jahr Wartezeit kommt auf Neukunden zu - dann ist die Anlage auf dem Dach, aber noch nicht am Netz.
Was der Auerbacher Unternehmer berichtet, hört Uwe Hergert, Energiebeauftragter des Landkreises, von Handwerksfirmen aus dem gesamten Vogtland. "Es ist im Moment extrem", sagt er.

Wartezeiten hätten sich verdoppelt, die Preise aber auch. Viele Ratsuchende rufen jetzt bei Hergert an. Doch die Lösung auf dem Silbertablett hat auch der Experte nicht. "Lange Zeit wurde die Entwicklung verschlafen und jetzt ist es extrem schwer, die richtige Entscheidung zu treffen", sagt er. "Es ist ganz schwierig zu sagen, wohin der Hase läuft."

Heike Teubner von der Verbraucherzentrale in Auerbach erlebt in der Beratungsstelle jeden Tag Verzweiflung. "Die Last der Rechnungen ist für viele so groß", sagt sie. Es sind Alleinerziehende, Senioren.
Barbara und Wolfgang Oehlmann haben Glück, dass sie die Kinder mit im Haus haben. "Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass sie von der Investition profitieren, wenn ich mal die Augen zu mache", sagt der 83-Jährige. Die Rodewischer Familie lebt nun auf der Sonnenseite.

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44 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    10
    LukeSkywalker
    23.09.2022

    sorry mein Berater Robert sagte lieber umlegen und nichts verkaufen dann geht auch keiner Pleite von daher hab ich mein bissl Restgeld von 30Mrd in so ein komisches Dings rüber gelegt die Kraftwerke in Berjosowskaja -Russland- betreiben und nun durch die Sanktionen so arg gebeutelt sind

  • 11
    2
    KTreppil
    23.09.2022

    Na diesem eitel Sonnenschein Bericht bitte demnächst auch von alleinstehenden Rentnern berichten, die ihre letzten Ersparnisse für die Gas und Stromabschläge aufbrauchen müssen. Oder der jungen Familie, die sich gerade so den Traum vom Haus erfüllen konnte, sich leider für eine Gasheizung entschieden hat und nun nicht mehr weiß, wie sie Kreditrate und Energiekosten stemmen kann. Eine energetische Modernisierung in solchen Ausmaß konnte und kann sich nicht jeder leisten. Der Familie gönne ich natürlich ihr Glück und wünsche viele Sonnenstunden.

  • 13
    2
    paral
    23.09.2022

    Ach wie schön und nett. Man hat den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als sich der Technik zu widmen und darauf zu spekulieren, dass sich vlt. 14 kW summieren. Manch einer verzichtet gerne darauf, sich den Tagesablauf von Zeiten vorschreiben zu lassen, zu dem Rasieren, waschen, backen und TV am "günstigsten sind". Die Aufgabe der Regierung eines modernen Industriestaates besteht eigentlich daran, bezahlbare Energie rund um die Uhr für seine Bürger bereitzustellen, diese können sich dann der Erarbeitung des Wohlstands widmen. Hier ist einiges in Vergessenheit geraten, der "Ruck" ist nötig, vielleicht eine "Zeitenwende", gehört haben wir ja schon davon. Oder hab ich was verwechselt? Jedenfalls der Familie alles Gute, auch dem Senior, so schnell macht keiner die Augen zu, Wolfgang!

  • 5
    2
    LukeSkywalker
    23.09.2022

    bissl spät der Tipp ich hab grad meine letzten Ersparnisse in so ein Unternehmen gesteckt