"Ich hatte einfach Glück" - Vor 40 Jahren flog Sigmund Jähn ins All

Als erster Deutscher sah der DDR-Bürger Sigmund Jähn vor 40 Jahren die Erde vom All aus. Bis heute wird er dafür als Held gefeiert, ist ein Idol für Generationen. Auf die junge Raumfahrergeneration blickt er mit großem Respekt.

Morgenröthe-Rautenkranz/Strausberg.

An den Tag, der sein Leben verändern sollte, erinnert sich der deutsche Raumfahrtpionier Sigmund Jähn noch genau. "Angst, Angst hatte ich nie. Dann wäre ich blockiert gewesen", erzählt der heute 81-Jährige. Am 26. August 1978 startete der DDR-Bürger Jähn als erster Deutscher ins All. Vor 40 Jahren flog er vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan an Bord der Raumkapsel Sojus-31 zur Orbitalstation Saljut 6. Erst 1983 folgte als zweiter Deutscher Ulf Merbold aus dem Westen.

Jähn, damals Jagdflieger der Nationalen Volksarmee in der DDR, hat sich bis heute das jungenhafte Lächeln bewahrt, das ihn auf Fotos von jenem Ereignis zeigt. Auch wegen seiner Bescheidenheit - er macht sich nichts aus dem Fanrummel - wird er nach wie vor verehrt.

«Ich bin aber kein Volksheld», sagt er immer. "Ich hatte einfach Glück. So schätze ich das ein", erzählt er von seiner Auswahl für den Flug. Eigentlich sollte ein anderer der erste DDR-Kosmonaut werden, aber aus gesundheitlichen Gründen sei die Wahl auf ihn gefallen. "Mich haben die Russen zum Kosmonauten gemacht. Da bin ich ihnen auch dankbar", erinnert er sich wenige Wochen vor seinem Jubiläum.

Die Startphase dauerte damals neun Minuten, die Rakete beschleunigte von 0 auf 28 000 Kilometer pro Stunde. In 12 200 Metern Höhe durchbrach sie die Schallmauer. Später wird von einem Bilderbuchstart gesprochen.

Mit seinem Kommandanten Waleri Bykowski dockte Jähn nach der 18. Erdumkreisung an der Raumstation Saljut 6 an. Im All war der gebürtige Vogtländer 7 Tage, 20 Stunden und 49 Minuten. 125 Mal umrundete die Besatzung in dieser Zeit die Erde. An Bord experimentierten Jähn und seine Kosmonauten-Kollegen. Sie stempelten aber auch Briefmarken ab.

Eine von Jähns zentralen Aufgaben war es, Fotos von der Erde mit einer speziellen Kamera zu schießen. Von da an ließ ihn die Sorge um die Zerbrechlichkeit des Planeten nicht mehr los. "Ich frage mich: Muss die Menschheit versuchen, sich mit Atomwaffen auszurotten?", sagt er. Skeptisch reagiert er auf Pläne, Menschen auf einen anderen Planeten umzusiedeln. "Erst den Planeten kaputt machen, dann umziehen: man weiß nicht, was man darüber denken soll", sagt er.

"Ich verwünsche an sich diese Welt von heute, die auf Kriegen aufbaut und sich gegenseitig beschimpft. Die Menschheit müsste eigentlich bald so weit sein, dass sie alle Waffen abschafft", betont er.

Im Juni kehrte Jähn noch einmal an den Ort zurück, von dem er vor 40 Jahren ins All flog. Das weiße Haar sorgfältig zurückgekämmt, stand er im grünen Pulli auf dem Startplatz Nummer 1 in Baikonur: Von dort war schon Weltraumpionier Juri Gagarin gestartet, er selbst und nun auch sein Freund, der deutsche Astronaut Alexander Gerst. Unprätentiös und unermüdlich beantwortete der 81-Jährige am Fuß der Rakete Fragen in fließendem Russisch.

Als er beim Raketenstart des viel jüngeren Gerst mitfieberte, kam Jähn aus dem Strahlen kaum heraus. Gerst war Anfang Juni zur Internationalen Raumstation (ISS) geflogen und soll dort Anfang Oktober als erster Deutscher das Kommando übernehmen. "Ich bewundere Gerst, weil er über den Dingen steht", sagt Jähn. Die Vorbereitung auf den Flug sei heute eine völlig andere als zu seiner Zeit. "Die vielen wissenschaftlichen Vorbereitungen, das ist zeitintensiver."

Doch die Gewöhnung an die Schwerelosigkeit etwa, das ist etwas, das bis heute jeder Raumfahrer erneut auf sich nehmen muss. Jähn denkt mit einem Schmunzeln daran zurück. Gerade in der Anfangsphase habe ihm die Schwerelosigkeit so manchen Streich gespielt, erzählt er. Am meisten habe ihn geärgert, wenn der Fotoapparat plötzlich wieder weg gewesen sei. «Der war ja auch schwerelos und war dann weg», erinnert er sich. "Das war natürlich ärgerlich, aber das war meine Dummheit."

Am 3. September 1978 landete Jähn wieder auf der Erde - und wurde als Held gefeiert. Bis heute hat Jähn viele Bewunderer. Fanpost versucht er immer noch selbst zu beantworten. Aber es wächst ihm langsam über den Kopf. «Als ich 80 wurde, kam der Briefträger mit einem großen Stapel von Briefen», sagt er. "Ich bin echt unter Druck geraten. Ich habe es nicht geschafft, wenigstens die Hälfte ordentlich - und wenn auch nur mit einem Dank - zu beantworten." Und wenn er sich bedanke, bekomme man noch einen Brief. "Meine Frau sagt: "Das ist dein Kram.""

Sieht er sich als Idol? "Ich habe mein Leben so gelebt, wie ich dachte, und versuche auch, diesen Anforderungen heute nachzukommen", sagt er. Manches werde ihm im Alter aber zu viel. Einladungen oder eben Briefe zum Beispiel.

Von Zeit zu Zeit gibt er immer noch Geschichten vom Alltag im All preis, die noch relativ unbekannt sind. Er sagt dann: "Das darf ich gar nicht erzählen. Aber ich sag es trotzdem." An Bord sei damals beispielsweise ein Kartenspiel mit den Bildern schöner Frauen gelangt. "Einer hatte das Spiel in der Hand, und jeder durfte eine Karte ziehen", erzählt er. Dann sei aufgedeckt worden. "Wer die Schönste hatte, hatte gewonnen", erklärt er lächelnd die simple Regel.

Im hohen Alter hält sich Jähn weiter fit, macht Gymnastik, geht regelmäßig schwimmen. "Ich fühle mich meinem Alter angemessen", sagt er. Er wohnt in Strausberg bei Berlin, in der Nähe der beiden Töchter. Gern sei er im Kreise der Familie mit sieben Enkeln und vier Urenkeln auf seiner Datscha in seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz. "Dort fühle ich mich richtig zuhause."

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