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Bescheidenes Genie: Komponist Jürgen Golle wird 80

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Seine Chormusik hat ihm internationale Anerkennung verschafft. Die Werke von Jürgen Golle werden weltweit gespielt und an Schulen gelehrt.

Zwickau.

"Tötet nicht die Bäume, macht nicht das Wasser unserer Flüsse trübe, reißt nicht die Eingeweide unserer Erde auf" - diese mahnenden Worte stammen nicht von Klimaaktivistin Greta Thunberg, sondern von Keokuk, Oberhäuptling der Sauk (1780-1848). Gemeinsam mit Texten von Medizinmann John Fire Lame Deer, Siouxhäuptling Sitting Bull und Hermann Hesse hat sie Jürgen Golle in seinem Chorpoem "Wie soll ich Antwort geben" vertont.

"Furchtbar aktuell" charakterisiert der Zwickauer sein Stück, das sich mit der Zerstörung der Natur auseinandersetzt. 1999 wurde das Werk mit dem Kompositionspreis der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Chorverbände ausgezeichnet. "Dotiert war es leider nicht, aber die Ehre macht's ja manchmal auch", schmunzelt Jürgen Golle, der sich als Preisträger immerhin in einer Reihe mit dem namhaften polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki befindet.

Am 4. November 1942 geboren, wuchs Jürgen Golle in Steinpleis ohne Vater auf, der im Krieg umgekommen war. "Es gab nichts in der Nachkriegszeit. Aber es stand ein Klavier im Haus", erinnert er sich. Also fing er an, sich mit dem Instrument zu beschäftigen. Der Musiklehrer entdeckte sein musikalisches Talent, der Junge nahm Klavier- und Gesangsunterricht in Werdau. 1954 schaffte er im zweiten Anlauf die Aufnahmeprüfung für den Thomanerchor. Von über 60 Bewerbern wurden nur 15 genommen. "Für mich war es natürlich ein sehr großer Schritt vom dörflichen Milieu plötzlich in eine Großstadt." Auslandstourneen mit dem Chor führten ihn bis nach Südamerika.

Mit dem Komponieren hat er während der Lehrerausbildung am damaligen Pädagogischen Institut Zwickau begonnen. Dort musste neben dem Klavier ein zweites Instrument erlernt werden. Er entschied sich für Querflöte. Zu seiner Gruppe für ein Kammermusikspiel gehörten noch ein Klarinettist und ein Fagottspieler. Weil sich für diese Besetzung keine geeignete Literatur fand, bat man ihn, etwas zu komponieren, und er ließ sich darauf ein. "Natürlich zunächst mit viel Selbstzweifel", gesteht Jürgen Golle. Am Ende war er mit seinem Debütwerk zufrieden. "Das weitete sich dann aus. Eigenartigerweise werden diese Stücke heute noch gespielt."

Jürgen Golle studierte in Zwickau, Leipzig und ein Jahr am Konservatorium in Leningrad (St. Petersburg). Etliche Jahrzehnte war er als Hochschullehrer in Zwickau und Chemnitz tätig. Zu seinen Studenten zählten Tilo Kittel, Nico Nebe, Stefan Fraas, Ulf Firke und Thomas Richter. "Ich habe ihn als außerordentlich brillanten Lehrer kennengelernt, der mit uns Studenten gerne und lange über Künstlerisches und Handwerkliches in der Musik diskutiert hat" erzählt Musiklehrer Ulf Firke, Präsidiumsmitglied des Sächsischen Musikrates. Golles große Stärke sei die mehrstimmige Chormusik - das machte ihn international berühmt. 1993 wurde Golle zum Professor für Komposition und Tonsatz berufen. Wenn man seinen Namen bei Youtube sucht, taucht zuerst "Kleines Liebeslied" nach einem Text von Theodor Storm auf. "Das ist eine Art Hit geworden", meint Golle. "Es wurde häufig aufgegriffen und nachgesungen." Viele Chöre haben den Titel im Repertoire.

Zum 80. Geburtstag am Freitag wird im engsten Familienkreis gefeiert. Die Kinder kommen zu Besuch. Jürgen Golle, der beim Neujahrsempfang 2013 mit der Martin-Römer-Ehrenmedaille der Stadt Zwickau ausgezeichnet worden ist, gesteht, dass er sich seinen Ruhestand ganz anders vorgestellt hatte. "Produktiver. Dass ich mehr dazukomme zu komponieren." Aber ihn plagen seit geraumer Zeit gesundheitliche Probleme. Vor drei Jahren erklärte er bei einem Konzert in der Burg Mylau deshalb das Ende seiner kompositorischen Laufbahn. Rückblickend zitiert der Jubilar zwei Zeilen aus Hermann Hesses Gedicht "Der Blütenzweig": "Voll Lust und nicht vergebens /war das unruhvolle Spiel des Lebens". Das hat der Zwickauer natürlich selbst vertont.

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