Eine einst besonders vornehme gastronomische Einrichtung

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Steinpleis.

Wie sich doch in relativ kurzer Zeit Dinge und Gegebenheiten in der urig-modernen Gemeinde Steinpleis nachhaltig verändern können, zeigen folgende Ereignisse: Urplötzlich klafft derzeit in den Ausläufern des Roten Parks auf Steinpleiser Gebiet eine etwa 50 Meter breite baumlose Schneise, so als wenn ein Wirbelsturm mit brachialer Gewalt hindurchgefegt wäre. Nachfragen ergaben, dass es sich dabei "lediglich" um den Freischnitt für die darüber hinweg führende Stromleitung handelt. Waren die uralten ausgewachsenen Bäume denn wirklich so hoch? Die Ansicht des Gebietes ist jedenfalls gewöhnungsbedürftig. Oder, ganz plötzlich war ein Siedlungsteil des Wohngebietes "An der Brauerei" ohne Strom. In mühseliger und langwieriger, die Anwohner strapazierender Fehler- Sucharbeit konnte der Defekt schließlich im Laufe der folgenden Nacht gefunden und vor allem sofort behoben werden. Weitere Neuigkeiten, besonders aus dem gastronomischen Bereich, sind ebenfalls zu vermelden: Familie Opitz hat ihr "Eis-Café" am Römer wiedereröffnet und auch die neuen Betreiber des "Sportlerheims" in der Ruppertsgrüner Straße laden seit Kurzem wieder Gäste zu sich ein.

Der Steinpleiser Anger wurde schon immer, neben den Sportplätzen und "Döhlers Wiese", gern als Austragungsort von Festlichkeiten genutzt. Dabei standen viele der Veranstaltungen oft im Zeichen der hier ansässigen Freiwilligen Feuerwehr Steinpleis - wie 2018, als die weit gereiste Klein-Reinsdorfer Schalmeien-Kapelle für beste Unterhaltung sorgte. Das heutige neue FFw-Gerätehaus, 2000 mit Amtsraum des Ortsvorstehers eingeweiht, hat Vorläufer an der Straße nach Thanhof, dann in der Kleinen Straße und ab 1924 endlich auf dem Anger.

Unmittelbar östlich des Angers fließt in einem tief eingeschnittenen Flussbett die Pleiße. Nach den sich anschließenden Gebäuden, Hauptstraße 74 und 76, erstreckt sich heute das Gelände des Technischen Fachzentrums Schmidt. Ende des 19. Jahrhunderts befand sich hier noch ein kleiner Teich. Nach dessen teilweiser Verfüllung gründete Franz Döhler hier im Jahr 1900 eine Dampffärberei, die schließlich 1929 von den Fabrikanten Schröder & Teichmann aus Werdau als Filiale übernommen wurde. 1947 wiederum erfolgte die Verlegung der neu gegründeten MAS vom ehemaligen Gelände der Firma Hugo Riedel, Hauptstraße 57, in dieses Färberei- Grundstück. Ab 1953 dann als MTS weitergeführt, ging diese Einrichtung 1961 als Maschinen-Stützpunkt an die LPG über.

Nur ein schmaler Hauszugang trennt das heutige Firmenareal vom nachfolgenden Grundstück, auf dem eines der prächtigsten Wohnhäuser der Gemeinde Steinpleis steht. Es besitzt die Anschrift Hauptstraße 80 und ist vielen noch weitaus besser als ehemaliges "Café Scharf" geläufig. Ursprünglich befand sich bis Anfang des 19. Jahrhunderts an seiner Stelle das kleine Häuschen von Gottlieb Schraps. Es wies den gleichen Baustil wie das heute noch existierende Nachbar- Gebäude auf, dessen sehenswertes Fachwerk im Obergeschoss aber mittlerweile völlig verputzt ist. Die Familie Schraps tätigte an ihrem Gebäude lediglich kleinere Reparaturarbeiten. Erst als Paul Scharf neuer Eigentümer der Immobilie wurde, begann eine neue Ära der Bautätigkeit.

Scharf, der in der damaligen Steinpleiser Dorfstraße 67 eine Bäckerei betrieb, erwarb um 1900 das Gebäude und ließ sich an dieser Stelle ein großes Wohn- und Geschäftshaus bauen. Im Erdgeschoss richtete er einen Laden und eine Konditorei, verbunden mit einem "Café", ein. Sein Lokal nannte Scharf anfänglich "Café Central". Erst in den Folgejahren wurde es in "Konditorei und Café" umbenannt. Eine separat liegende Weinstube mit kleineren Gesellschaftsräumen ergänzten die in dieser Zeit besonders vornehme gastronomische Einrichtung. Paul Scharf bewirtschaftete sein "Café" bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg.

Auf der alten Ansichtskarte ist ein Aquarell-Gemälde abgebildet. In eindrucksvoller Ausführung zeigt es das Gesamtgebäude um 1919 mit dem rechtsseitig im Erdgeschoss befindlichen "Café Scharf". Das wunderbar farbig gestaltete Gemälde wurde vom Kunstmaler Alfred Rahnfeld geschaffen, der selbst hier im Haus sein Atelier besaß und in dieser Zeit einen umfangreichen Steinpleiser Bilder-Zyklus schuf.

Nach Scharf übernahm Erich Steinert als Pächter die gesamte Einrichtung einschließlich Bäckerei. Paul Scharf wohnte dabei als Privatier im Obergeschoss. Nach dem Ableben Scharfs führte dessen Frau Johanna zusammen mit Erich Steinert die Geschäfte weiter. Am 17. September 1927 eröffnete Alfred Kupfer in den ehemaligen Räumen des Cafés die Gaststätte "Wernesgrüner Pilsner Bierstube". In den Bäckerladen zog Helmut Jäger, aus dem Erzgebirge kommend, mit seiner "Löwen-Drogerie" ein. Den älteren Steinpleisern sind sicher noch Jägers berühmte Liköre, wie der "Erzgebirgs Bliemchen" in guter Erinnerung. Jäger, der als Motorsportler geschäftliche Verbindungen zur deutschen ESSO-Zentrale hatte, errichtete links neben seiner Drogerie sogar eine Kraftstoff- Zapfsäule.

Nach dem Umzug der Jägerschen Drogerie 1930 in das neuerbaute Gebäude Hauptstraße 61D führte Walter Naumann die Räume wieder als Bäckereiladen. Die "Wernesgrüner Pilsner Bierstube" wurde 1932 von Reinhardt Eckard übernommen, noch bis 1936 betrieben und danach vollständig zu Wohnungen umgebaut. In einigen Kellerräumen hatte dazu der Ingenieur Johannes Hergert eine Werkstatt für Motorräder und Bürotechnik eingerichtet.

Mitte der 1930er-Jahre erhielt die Bäckerei mit Hans Meinhold einen neuen Pächter. Ihm folgten Walter Naumann und bis Ende der 1940er-Jahre die Familie Oeser. Nach jahrzehntelangem, fast völligem Leerstand des gesamten Gebäudes wurde 1969 die Bäckerei zu Wohnungen ausgebaut. In den Keller zog bis zur Wende eine Zierfischzucht ein. Anfang der 1990er-Jahre stand das Gebäude schließlich wieder komplett leer. Sogar die unteren Fenster wurden zum Schutz zugemauert.

Ab 2000 begann ein privater Investor mit der kompletten Gebäudesanierung und dem Einbau moderner Mietwohnungen. An der Gebäudefront gab es dabei nur geringfügige Veränderungen. Lediglich im Dachbereich verschwanden die alten Schornsteine sowie das rechte kleine Türmchen. Die schmalen "Ochsenaugen" wurden durch große Dreieckfenster ersetzt. Auch die beiden Sonnenblumen-Reliefs am Unterrand des rechten Erkers strahlen nun wieder im alten Glanz.

Quellen:Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Wilfried Schaarschmidt: Feuerwehrchronik.

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