Wie aus einem Rittergut nach fast 400 Jahren ein Hotel wurde

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Steinpleis.

In den meisten Orten ist ein Bach oder ein Fluss Anfangspunkt der Besiedlung. In Steinpleis war es die Pleiße, deren Name zusammen mit dem Stenner (Steiner) Bach zum Namensgeber des Ortes wurde. 1118 nennt die Chronik erstmals eine Quelle namens Alboldbrunnen (später Ebersbrunn). Jahrhunderte lang stritten sich nun die Neumark/Schönfelser mit ihren Quellbächen und die Ebersbrunn/ Stenner, Quelle des Stenner Baches, um das richtige Quellgebiet des später als Pleiße bezeichneten Flusses. 1915 wurde schließlich unter Einfluss des örtlichen Fabrikanten Schmelzer der Streit urkundlich beigelegt. Von da an hieß der in Ebersbrunn entspringende Bach Pleiße und der von Neumark/Schönfels kommende Bach Neumarker Bach.

Den ersten Ansiedlern war die Nutzung der Wasserkraft bereits aus ihrer ursprünglichen Heimat, vor allem in Franken und Hessen, bekannt. An Wasserläufen suchten sie sich Örtlichkeiten für den Bau von Mühlen aus, die oftmals in der Nähe erster bäuerliche Anwesen lagen. Weiter war von Wichtigkeit, dass sich die Flächen zum Anlegen von Stauteichen, Wehren und Mühlgräben eigneten.

In Obersteinpleis bestand solch eine Konstellation im Zusammenspiel der dortigen geografischen Gegebenheiten und einem Rittergut. Ehe wir uns dem heutigen Hotel "In der Mühle" zuwenden, noch einige historische Bemerkungen zu diesem gesamten bäuerlichen Komplex mit der dazugehörigen ehemaligen "Obermühle". Aus dem Jahr 1430 existiert die Ersterwähnung eines Vorwerkes in Obersteinpleis mit dem Besitzer Hans Rumpf. Besonders erwähnenswert ist das Jahr 1476, als Martin Römer das Vorwerk erwarb, das dann bis 1537 im Besitz der Familie von Römer verblieb. Danach ging es an Joachim von Schönfels aus Ruppertsgrün über. 1600 wurde das Vorwerk schließlich zum besonderen Rittergut erhoben. Zum Gut gehörte auch eine eigene Mühle am Fußweg nach Lichtentanne. Im Laufe der Jahrzehnte wechselte das gesamte Anwesen ständig den Besitzer. Bei einem Großbrand 1733 brannte das Rittergut einschließlich Mühle vollständig ab, konnte aber kurze Zeit später wieder aufgebaut werden.

Schon damals besaßen die Mühlenbesitzer eine gewisse Schankerlaubnis zur Verabreichung von Bier, vorzugsweise auch für Branntwein. Diese Erlaubnis galt jedoch nur für die zu bewirtenden Mahlgäste, also auf keinen Fall für Spaziergänger oder durchreisende Personen anderer Gewerbszweige. Die "Obermühle" war also noch kein Gasthof im üblichen Sinn. Das entwickelte sich erst sehr viel später, dann aber sogar mit der Errichtung eines Hotels. 1849 übernahmen die Zwickauer Kohlewerkbesitzer Ebert und Ehrler das Anwesen. 1850 wurde an Stelle einer Furt als Zuwegung zur "Obermühle" die in Steinpleis erste steinerne Brücke errichtet.

Die nebenstehende historische Abbildung ist ein Gemälde des Steinpleiser Malers Alfred Rahnfeld, der diese Ansicht der alten "Obermühle" im Jahr 1915 festhielt. Am oberen linken Rand steht das Rittergut. Hinter den beiden darunter befindlichen Gebäuden befand sich der Mühlgraben, von dem heute noch einige sichtbare Überbleibsel erhalten sind. Auch Restmauern des linken Mühlgebäudes sind hinter den sich heute hier befindlichen Garagen noch vorhanden. Am unteren Bildrand ist die hintere Brücke zur Mühle angedeutet.

Mit dem kompletten Mühlenumbau 1925 und Verlegung an den heutigen Standort verschwand auch nahezu die gesamte alte Bebauung. 1946/47 erfolgte dann auf der rechten Seite des Mühlengebäudes ein Wohnhausanbau und wo sich heute die Gaststättenräume befinden, standen mehrere Silos. Die Wasserversorgung der Mühle erfolgte nun über eine Wasserturbine, ehe ab 1956 ein elektrischer Antrieb installiert wurde. Die Turbine ist im Hotelvorhof aufbewahrt worden. Nach dem Wegzug von Ilse Weißbach betrieb die Familie Kertscher die Mühle bis 1971 weiter. Später ging das Gewerbe auf die Tochter und ihren Ehemann Jürgen Decker über, und die Mühle konnte so bis nach der Wende betrieben werden. Allmählich gestaltete sich jedoch die Produktion unrentabel, zumal die nun eingesetzten Schwerlaster die beiden Brücken zur "Obermühle" nicht mehr passieren konnten. Bis April 1992 wurde schließlich noch Mehl hergestellt. Dann wurde der Mahlbetrieb aufgegeben.

Nun startete die Familie Decker das Wagnis zum Umbau der Mühle in ein Hotel "In der Mühle". Das linke Flachgebäude wurde zum Bettenhaus aufgestockt, die alten Silos entfernt und an deren Stelle die heutige Gaststube errichtet. Der Gaststättenbereich wurde also praktisch um die alten Mühlräume herumgebaut. Im Sommer 1993 konnte das Hotel eröffnet werden. 2002 trat Deckers Sohn Ralph mit Frau die Nachfolge an. Bemerkenswert am Hotelkomplex ist auch heute noch der Erhalt des wesentlichen Teils der Mühle mit ihrer Technik und vielfältigstem historischen Zubehör.

Wer im Hotel nicht nur übernachten möchte, sondern auch Entspannung sucht, der kann sich in einer Umgebung uralter Bäume und weiter Wiesenflächen so richtig wohlfühlen. So nutzten auch Unterhaltungskünstler wie Frank Schöbel, Joachim Fuchsberger, Roberto Blanko, Hans-Joachim Wolfram, Jürgen Lippert oder die Kessler-Zwillinge diese Abgeschiedenheit zu ihren Tournee-Aufenthalten.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Mündliche Chronik der Familie Decker.

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