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Der Salzstock Gorleben in Niedersachsen ist nicht mehr der einzige potenzielle Endlagerstandort für hochradioaktiven Abfall. Die Suche beginn bei Null.

Foto: Kay Nietfeld/dpa

Sachsens Probleme mit der Endlagersuche

Ein Gesetz legt Kriterien für die schwierige Suche nach einem Atommülllager fest - Auch im Freistaat liegen potenzielle Standorte

erschienen am 23.03.2017

Chemnitz. Die Novelle des Gesetzes für die Suche nach einem Endlager für Atommüll wird heute im Bundestag beschlossen und in der kommenden Woche im Bundesrat behandelt. Salzgestein, Ton oder Granit gelten gleichrangig als potenzielle geologische Standorte. Die Suche beginnt bei Null. Sachsens Regierung allerdings ist nicht glücklich mit den Auswahlkriterien. Stephan Lorenz beantwortet die wichtigsten Fragen.

Warum kritisiert die sächsische Regierung das Gesetz? In der 33-köpfigen Expertenkommission aus Bund und Ländern, die die Suchkriterien festlegte, die Grundlage der Gesetzesnovelle sind, saß unter anderem auch Landesumweltminister Thomas Schmidt (CDU)?

Sachsen und Bayern hatten bereits zum Abschlussbericht der Kommission im vergangenen Jahr Sondervoten abgegeben. Darin erklären sie, dass die bei ihnen vorkommenden Gesteinsarten, vor allem Kristallin (Granit) sich nicht für ein Endlager eignen. Die Kommission empfahl hingegen, Deutschland als "weiße Landkarte" zu betrachten, also keine Gesteinsart und somit keinen Standort auszuschließen. So steht es auch im Gesetz.

Was wird gesucht?

Gesucht wird ein Standort für ein Bergwerk, mindestens 300 Meter unter der Erde. Der Müll soll dort in einer Gesteinsschicht gelagert werden, die den Müll einschließt - und zwar für sehr lange Zeit. Man hat sich darauf verständigt, dass das Lager die bestmögliche Sicherheit für eine Million Jahre bieten soll.

Welches Wirtsgestein kommt als Standort infrage?

Prinzipiell geeignet für die Einlagerung der Atomfässer sind Ton, Salz- oder Granitgestein. Der Abfall soll möglichst luft- und wasserdicht verschlossen sein. Salz hat den Vorteil, den Abfall gut zu umschließen und am besten die Hitze auszuhalten, die vom Atommüll ausstrahlt. Allerdings löst sich Salz auf, wenn es mit Wasser in Kontakt kommt. Damit stellt das Eindringen von Wasser die größte Gefahr für Atommüll in Salzstöcken dar. Im Unterschied dazu ist Ton zwar wasserdicht, leitet dafür aber Wärme nicht so gut weiter. Zudem soll Ton in tieferen Erdschichten nicht mehr so stabil sein, sodass Risse entstehen können. Granit dagegen ist zwar sehr stabil, in den Gesteinsformationen finden sich aber oft natürliche Risse und Fugen, die mit zusätzlichem Aufwand abgedichtet werden müssten. Dass ein Endlager zudem in einer erdbebenarmen und vulkanfreien Region stehen sollte, versteht sich von selbst.

Wie argumentiert Umweltminister Schmidt?

Er sagt, es dürften an Granitgestein keine anderen Sicherheitsmaßstäbe angelegt werden als an Tonstein oder Salz. Er fordert eine Gleichbehandlung aller geologischen Gesteinsformationen. Die natürliche Einschlusswirkung geeigneter Gesteine müsste den Vorrang haben vor zusätzlichen technischen Sicherheitsstandards. Das würde im Endeffekt aber heißen, dass Sachsen mit seinem Granit raus wäre aus der Standortsuche. Im Gesetz bleibt es aber als potenzielles Wirtsgestein drin. Dabei soll die Sicherheit durch Spezialbehälter bzw. durch neuartige geotechnische Barrieren gewährleistet werden. Letztere seien aber noch nicht einmal entwickelt, so Schmidt. Ein Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte hatte die Möglichkeit eines Endlagerstandortes in kristallinem Gestein 2002 schon einmal verworfen.

Wird Granit in anderen Ländern als Endlager ausgeschlossen, weil es zu unsicher ist?

Michael Sailer, Mitglied der Auswahlkommission, betont, dass Finnland und Schweden auch in Granit nach einem Endlager suchen. Die Atommüllbehälter müssten deutlich widerstandsfähiger sein. Die Brennstäbe oder verglasten Abfälle erhalten zunächst eine Kupferummantelung. Die muss dicht sein. Direkt um den Behälter kommt Bentonit, ein künstlich hergestellter Ton. Der ist quellfähig. Wenn von irgendwoher Wasser eindringt, bildet das Bentonit eine dichte Tonbarriere um jeden einzelnen Behälter. Das Gestein muss aber auch eine natürliche Umhausung für die Atomfässer sein, die alle mechanischen und geologischen Belastungen über Millionen von Jahren abhält. Somit blieben das Erzgebirge und die Lausitz zumindest potenzielle Standorte für ein Atommüll-Endlager.

Wie geht es weiter?

Wenn Bundestag und Bundesrat zugestimmt haben, dann beginnt ein dreistufiges Verfahren: Zunächst sollen auch bereits bekannte Regionen ausgewählt, zuerst übertägig, später dann auch untertägig untersucht werden, um zum bestmöglichen Endlager-Standort zu gelangen. Bei jedem Schritt sollen die Öffentlichkeit und ein bereits vom Bundestag bestimmtes Begleitgremium eingebunden werden. Bis 2031 soll ein Standort gefunden sein, und das Endlager bis 2050 seinen Betrieb aufnehmen.

Im Gesetz steht ein Exportverbot für ausgediente Brennstäbe. Was bedeutet das für die aus dem früheren Forschungsreaktor Rossendorf, die seit 2005 im nordrhein-westfälischen Zwischenlager Ahaus lagern?

Sollte deren ursprünglich schon genehmigte Entsorgung in der russischen Wiederaufbereitungsanlage Majak nicht noch genehmigt werden, müsste Sachsen den Atommüll bis 2036 wieder zurücknehmen. Laut sächsischer Wissenschaftsministerin Stange (SPD) habe man dann "ein ernsthaftes Problem". Denn die Vorbereitungen für ein dann nötiges Zwischenlager in Sachsen müssten bereits 2020 erfolgen. Deshalb sei es wichtig, "dass dieses Exportverbot aus dem Gesetz rauskommt". Für die Lagerung in Ahaus zahlt der Freistaat pro Jahr etwa 100.000 Euro. Der Mietvertrag läuft 2036 aus.

Laut Gesetz werden potenzielle Standorte frühzeitig gesichert. Diese "Veränderungssperre" könnte Sachsen hart treffen.

Artikel 21 regelt, dass zu Beginn der Suche Standorte, die für ein Endlager in Frage kommen, nicht durch Bergbau beschädigt werden. Es besteht also die Gefahr, dass demnächst Geothermie-Bohrungen in Sachsen und Bergbau zum Erliegen kommen werden, soweit Bohrungen auf kristallinem Grundgestein geplant sind. Laut sächsischem Umweltministerium wird über diese "Veränderungssperre" aber noch verhandelt, es werde noch nach einem Kompromiss gesucht.

Wie kam diese Sperre ins Gesetz?

Damit haben Bundesregierungen seit Jahrzehnten verhindert, dass der Salzstock Gorleben, der zum Atommülllager werden sollte, für andere Nutzungen angebohrt wird. Die Sperre verhinderte die Salzförderung, die mehrfach beantragt wurde, aber auch die Nutzung anderer möglicher Bodenschätze. Die Sonderbehandlung Gorlebens wurde nun beendet. Mit der neuen gesetzlichen Regelung werden nun alle potenziellen Standorte in Deutschland frühzeitig vor Veränderungen im Untergrund geschützt.

Sind Standorte vorausgewählt?

Die Auswahlkommission hat bewusst jede Vorauswahl von Standorten vermieden. Die Idee von überirdischen zugänglichen Lagern wurde verworfen. Allerdings sollen die Müllfässer bis zur endgültigen Befüllung des Endlagers rückholbar sein. Zudem muss für 500 Jahre nach dem Verschluss des Endlagers eine Bergbarkeit der Fässer gegeben sein.

 
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