Integration für Fortgeschrittene

Tausende Gastarbeiter aus Vietnam kamen Ende der Achtzigerjahre in die DDR. Nach der Wende mussten viele zurück, erst vor 20 Jahren erhielten die übrigen hier ein Bleiberecht. Vietnamesen wurden die Türken Ostdeutschlands: kleine Händler, die hart arbeiten. Doch jetzt wächst eine neue Generation heran, mit der sich alles ändert.

Chemnitz.

Uyen Phan Phuong mag amerikanische Pop-Musik, am liebsten aktuelle Hits aus den Charts. Ihre vietnamesischen Freundinnen in Chemnitz genauso. "Keine von uns hört vietnamesische Musik oder schaut vietnamesische Fernsehsendungen", erzählt die 16-Jährige. Sie ist hier geboren, spricht akzentfreies Hochdeutsch - auch mit ihren gleichaltrigen Landsleuten. Das falle ihnen leichter. Die Schülerin hat jetzt die zehnte Klasse am Agricola-Gymnasium beendet. "Ich bin gut in Mathe", sagt sie.

Uyen ist in das Geschäft ihrer Eltern in der Chemnitzer Innenstadt gekommen. Auf Kleiderständern hängen bunte Blusen und beige Hosen, in Regalen liegen Tischdecken, Filzpantoffeln und billige Handtaschen. Es gibt drei Nähmaschinen zum Ändern der Kleidung, auf dem Kassentresen steht ein Buddha hinter goldenen Katzen mit winkendem Arm - asiatische Glücksbringer. Es ist ein typischer vietnamesischer Textilladen, wie es ihn heute in jeder sächsischen Stadt gibt. Uyen hilft hier manchmal aus.

Ihre Mutter, die das Geschäft führt, arbeitete einst in einer Strumpffabrik im Vorort Einsiedel. Sie ist eine von Tausenden Vertragsarbeitern, die aus Vietnam in die DDR kamen. Anfangs holte die SED-Regierung nur handverlesene politische Verfolgte, etwa aus Chile. In den Achtzigerjahren brauchte die DDR-Industrie jedoch auch ausländische Facharbeiter. Über Programme mit befreundeten sozialistischen Staaten kamen Kubaner, Mosambikaner und am Ende vor allem Vietnamesen: 1987 mehr als 20.000, 1988 gut 30.000 und 1989 bis zum Herbst noch einmal rund 8700. "Viele Zugewanderte wurden als Konkurrenz um Waren und Wohnraum wahrgenommen", sagt die Migrationswissenschaftlerin Karin Weiss. Die Regierung habe der Bevölkerung die Notwendigkeit dieser Zuwanderung kaum vermittelt.

Karin Weiss forschte zu den Vertragsarbeitern in der DDR. Sie berichtet: Die ausländischen Arbeitskräfte wurden streng separiert, in den Wohnheimen der Vietnamesen sei Besuch unerwünscht gewesen. "Für Frauen gab es das Verbot, schwanger zu werden. Sie mussten abtreiben oder wurden zurückgeschickt." In den Volkseigenen Betrieben erhielten die ausländischen Beschäftigten nicht mal individuelle Arbeitsverträge. "Die Leute wurden eingesetzt, wo es gerade passte."

Und dennoch ist sich die Forscherin sicher: "Für jeden, der damals aus Vietnam kam, war die DDR das gelobte Land." Ein warmer Raum, regelmäßig Essen und die Möglichkeit, Geld zu sparen, das sei für viele deutlich mehr gewesen, als sie zu Hause hatten. Um mehr Geld und Waren an die Familie in der Heimat schicken zu können, erschlossen sich die Vietnamesen zusätzliche Einkommensquellen. In den Wohnheimen in der DDR entstand eine florierende Textilproduktion auf Basis privater Bestellungen. "Es gibt umfangreiche Beschreibungen in Stasiakten, wie viele Jeans wo hergestellt und zu welchen Preisen verkauft wurden", berichtet Weiss.

Mit dem Ende der DDR standen die Vertragsarbeiter vor einer schweren Entscheidung: Entweder sie nahmen eine Abfindung von 3000 D-Mark an und kehrten nach Vietnam zurück oder sie blieben - vorläufig nur bis zum Ende ihrer auf wenige Jahre begrenzten Aufenthaltserlaubnis und ohne Recht auf Wohnung und einen Arbeitsplatz in einem Angestelltenverhältnis. Die meisten entschieden sich zu gehen: Nur 20.000 von 59.000 Vietnamesen blieben in Ostdeutschland.

Karin Weiss hat von ihren Forschungsergebnissen im Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz erzählt. Dort wird gerade eine Sonderausstellung gezeigt: "Schätze der Archäologie Vietnams". Ke Phan Dac, der Vater der Schülerin Uyen, hat mit seiner Frau die Ausstellung besucht. Und er hörte auch den Vortrag der Migrationswissenschaftlerin. "Was sie berichtet, stimmt", sagt er. "So haben wir es erlebt."

Ke Phan Dac ist Vorsitzender des Vereins der Vietnamesen in Chemnitz. Der 56-Jährige gehörte zu den besten Schulabsolventen in ganz Vietnam. Deshalb wurde er 1979 zum Studium in die DDR delegiert - an die Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar. Als Architekt ging er zurück in die Heimat, kam 1989 aber als Dolmetscher und Leiter einer vietnamesischen Arbeitsgruppe in einen Industriebetrieb nach Frankenberg zurück.

Dabei lernte er seine vietnamesische Frau kennen, der Sohn wurde geboren. Sie beschlossen zu bleiben und lebten zunächst weiter in einem Wohnheim in Chemnitz. Drei Jahre hatte Ke Phan Dac Anfang der Neunzigerjahre im Bauamt der Stadt Hainichen noch eine Arbeitsstelle, die seiner Qualifikation entsprach. Dann musste der Vertreter der Bildungselite seine Frau im Textilgeschäft unterstützen.

"Die Vietnamesen wurden zur Selbstständigkeit gezwungen", sagt Karin Weiss. Sie berichtet von "Arbeitszeiten bis zur Selbstausbeutung" und fehlender sozialer Absicherung. Selbst die erarbeiteten Rentenansprüche wurden lange nicht anerkannt. Es blieb diesen Menschen nur die Nische der kleinen Geschäfte für Textilien, Obst und Gemüse oder die Asia-Imbiss-Stuben.

Erst 1997 bekamen die ehemaligen Vertragsarbeiter ein Bleiberecht. Bis dahin war es ihnen sogar verboten, außerhalb der neuen Bundesländer eine selbstständige Tätigkeit auszuüben. Bis heute existiert eine unsichtbare Mauer zwischen den Vietnamesen in Ost und West: die ehemaligen Vertragsarbeiter hüben, die Boatpeople, Flüchtlinge aus dem Vietnamkrieg, drüben. Ke Phan Dac sagt: "Vietnam ist ein sozialistisches Land. Die Boatpeople erkennen das nicht an, die feiern manchmal sogar noch mit der alten Staatsflagge."

Knapp 8000 Vietnamesen lebten 2015 in Sachsen. Hinzu kommen weitere 17.000 Deutsche mit vietnamesischem Migrationshintergrund. Viele der einstigen Vertragsarbeiter haben sich inzwischen einbürgern lassen. Und ihre Kinder wählen sowieso den deutschen Pass.

Etelka Kobuß begleitet diese Entwicklung als Migrationsbeauftragte der Stadt Chemnitz. Die Wahrnehmung der Vietnamesen bei der sächsischen Bevölkerung sei heute eine ganz andere als Anfang der Neunzigerjahre, berichtet sie. Damals griffen Rechtsradikale in Hoyerswerda ein Wohnheim für Vietnamesen an, in der Öffentlichkeit war das Klischee der Zigarettenmafia weit verbreitet. Heute, sagt Etelka Kobuß, wüssten die Menschen hier, dass die Vietnamesen Großartiges geleistet hätten. "Neid und Ablehnung haben sich gewandelt in Richtung Anerkennung ihrer Leistungen."

Laut Migrationsforscherin Weiß sind heute 85 Prozent der Vietnamesen erwerbstätig, 79 Prozent der Männer selbstständig. "Praktisch alle in Deutschland geborenen Kinder der Vietnamesen besuchen ein Gymnasium oder streben das Gymnasium an." Es sei die Gruppe mit den größten Integrationserfolgen.

Die Chemnitzer Migrationsbeauftragte erzählt vom großen Wert der Familie bei den vietnamesischen Migranten, vom engen Zusammenhalt der Gruppe. "Die Eltern geben alles für die Bildung ihrer Kinder." Dafür erwarteten sie im Alter auch Zuwendung. "In unserer westlichen Gesellschaft regeln wir das mit Gesetzen. Dort ist es selbstverständlich." Etelka Kobuß glaubt: Das Milieu der kleinen Händler wird für die Vietnamesen bald nicht mehr so prägend sein - "weil die zweite Generation ganz neue Chancen hat".

In der Familie von Ke Phan Dac sieht das so aus: Der erwachsene Sohn beendet gerade sein Architekturstudium in Dresden. Und wenn man Uyen fragt, was sie nach dem Abitur vorhat, dann sagt sie: "Studieren - Wirtschaft oder Medien." Sie fühle sich in der deutschen wie in der vietnamesischen Kultur sehr wohl; Schule und Zuhause, das seien "zwei Welten an einem Tag". Urlaub in Vietnam - prima, aber leben möchte sie dort nicht.

Für den Vater ist das in Ordnung. Er sieht, dass sich viel verändert hat. Und dass es seine Kinder nicht mehr nötig haben, unter so schwierigen Bedingungen wie seine Generation ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Manche Kunden fragen Ke Phan Dac schon: "Wo sollen wir einkaufen, wenn es eure Läden einmal nicht mehr gibt?"

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