Deutsch für Zuwanderer: Experten fordern in "Chemnitzer Erklärung" Kurswechsel

Das Angebot für Neubürger muss dringend verbessert werden. Das fordert der Fachverband für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache in einer "Chemnitzer Erklärung".

Chemnitz.

Ohne einen neuen Ansatz zur sprachlichen Integration von zugewanderten Fachkräften kommen auf Wirtschaft und Gesellschaft große Probleme zu. Das ist die Überzeugung des Fachverbands für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache FaDaF, der in einer "Chemnitzer Erklärung" einen Kurswechsel fordert. Der Verband zählt rund 800 Mitglieder, darunter Hochschulen, private Kursträger, Forscher und Lehrkräfte. Er richtet derzeit in Chemnitz seine Jahrestagung aus.

Für anzuwerbende Fachkräfte soll das System der Integrations- und Deutschkurse stärker aufgefächert und an brancheneigene Ansprüche angepasst werden. Das Sprachniveau B2 soll als Mindestnorm für Ausbildungen und qualifizierte Berufe festgeschrieben werden. Zuwanderer sollen ein Recht erhalten, ihre Sprachkenntnisse auch als Berufstätige weiter zu verbessern ("Sprachbildungsurlaub"). Kursangebote in Betrieben, Coaches und Mentoren wären Alternativen zum bisherigen Verfahren, am Anfang ein gewisses Prüfungsniveau zu verlangen und danach die Neupürger sich selbst zu überlassen.

Die zehn Forderungen der "Chemnitzer Erklärung", die auch die Qualitätssicherung der Kursanbieter und die Forschung in den Blick nimmt, stellen ausdrücklich auf die Anwerbung von Fachkräften aus demographischen Gründen ab und behandeln die Flüchtlings- und Asylproblematik nur am Rande. Anlass ist das geplante Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das dem Bundestag zur Behandlung vorliegt. Es soll dem sich verschärfenden Fachkräftemangel in vielen Wirtschaftsbranchen entgegen wirken. Verbandschef Matthias Jung geht von mehreren hunderttausend Menschen aus, die im nächsten Jahrzehnt gezielt für bestimmte Aufgaben angeworben werden müssen, etwa als Pflegekräfte. 

"Im Interesse der Arbeitgeber liegt es, möglichst schnell die benötigten Leute herzuholen", sagt Matthias Jung. "Aus gesellschaftlicher Perspektive muss den Menschen eine Bleibeperspektive geboten werden. Dazu gehört auch, beschäftigungsfähig zu sein, also sprachlich alle Anforderungen bewältigen zu können."

Bis vor kurzem habe der Integrationskurs als Standardformat für den Spracherwerb gegolten, sagte Olaf Bärenfänger, Direktor des Spracheninstituts der Universität Leipzig und Mitglied der Bewertungskommission des Bundesinnenministeriums. Der Integrationskurs ziele auf eine minimale gesellschaftliche Teilhabe ab: Schulgespräche, Arzttermine, Vereinsbeitritt. Inzwischen sei erkannt worden, dass dieser Kurs nicht arbeitsfähig mache. "Die sprachlichen Anforderungen liegen im Beruf wesentlich höher und sich viel spezieller, wenn man etwa an Pflegekräfte denkt." Es gehe also darum, die im Prinzip bewährte Kursstruktur mit besseren, richtigeren Inhalten zu füllen.

Winfried Thielmann, Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Technischen Universität Chemnitz, erklärt: "Wir kennen die konkreten Anforderungen in den einzelnen Berufssparten nicht. Da brauchen wir Forschung, und für die Forschung braucht es Geld. Erst dann können die Erkenntnisse in die Lehrwerke und die Prüfungen eingehen." 

Thielmann weist darauf hin, dass im "Deutschtest für Zuwanderer" (Niveau B1 des Europäischen Referenzrahmens) ein Wortschatz von 2500 Wörter erwartet wird, der passive Wortschatz eines zehnjährigen Schulkinds aber bei 10.000 Wörtern liege. "Mit B1 kann keiner eine Berufsausbildung machen." Deshalb finde sich die Forderung nach einem B2-Mindestniveau in der "Chemnitzer Resolution". "Wenn wir Leute ins Land holen", so Thielmann, "müssen wir sprachlich besser gerüstet sein."

Die genaue Zahl der Lehrkräfte im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache sei nicht bekannt: Vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zugelassene Lehrkräfte müssten nicht zwangsläufig auch unterrichten. Andererseits gebe es berufssprachliche Kurse auch ohne BAMF-Zulassung, sagt Matthias Jung.

An der Chemnitzer 49. Jahrestagung des Fachverbands FaDaF, die bis Samstag dauern wird, nehmen laut Winfried Thielmann rund 450 Interessenten aus dem In- und Ausland teil. Mehr als 70 Veranstaltungen zu theoretischen und praktischen Fragen sind geplant. Ein speziell auf Chemnitz zugeschnittenes Praxisforum sei den Potenzialen einer regionalen Germanistik im deutsch-tschechisch-polnischen Grenzraum gewidmet. "Nach Tschechien und Polen pflegen wir gute Kontakte", so Thielmann. 

Die FaDaF-Jahrestagung ist die größte Zusammenkunft der Fachexperten. Sie wurde vor den Ereignissen des Chemnitzer Herbstes nach Chemnitz vergeben, was Verbandschef Jung im Nachhinein "vielleicht als Glücksfall" wertet. "Wir zeigen damit auch, dass es ein anderes Chemnitz gibt!"

Webseite des Fachverbands für Deutsch als Fremd- und Zweisprache
Webseite zur Jahrestagung in Chemnitz
 

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